Camilla

byDschonas©

Kapitel I

-- Vorspiel --



Der Gong ertönte. Dumpf und tief schallte er durch das Gebäude und über den Hof und rief die Schüler zum Unterricht.

Er seufzte. Dann mal los. Er hievte sich aus seinem gemütlichen Stuhl und packte seine Sachen für den Unterricht zusammen. Die Mappen in der linken, den Schlüssel in der rechten Hand kämpfte er sich durch das Lehrerzimmer. Auch seine Kollegen waren jetzt dabei, ihre Sachen für den Unterricht zusammen zu suchen, die einen schneller, die anderen nicht ganz so schnell. Obwohl er häufig genervt war von seinen Schülern, hielt er nichts davon zu spät zu kommen. Er saß ganz hinten, am Fenster das auf den Unterstufenschulhof hinausblickte.

Die Schüler, die sich hier eben noch vergnüglich gegenseitig gefangen hatten waren schon mit dem ersten Gong in das Gebäude geströmt und warteten jetzt mit dem Erklingen des zweiten Gongs darauf, von ihren Lehrern in die Klassen gelassen zu werden.

Er drückte sich auf den Flur und nahm den Umweg durch das kleinere Treppenhaus, das direkt neben dem Lehrerzimmer in die oberen Stockwerke führte. Die Haupttreppe vom Lichthof aus war ihm jetzt definitiv noch zu überfüllt.

Bevor er den Flur des zweiten Stocks betrat betrachtete er sich noch kurz im Fenster. Sein Aussehen war ihm immer wichtig gewesen, das gehörte dazu fand er. Ein seriöses, gepflegtes Äußeres trug seiner Meinung nach maßgeblich zu dem Eindruck bei, den seine Schüler von ihm hatten. Es war Sommer, und so sorgte das helle Licht von draußen dafür, dass er sich nur schwach im Fenster erkennen konnte. Aber es reichte für einen letzten Check. Seine Haare waren modisch kurz geschnitten und dunkelbraun. Er strich sich mit der Hand durch seine Frisur. Er hatte schon immer darauf verzichtet, seine Haare mit Wachs oder Gel zu bearbeiten, der natürliche Look stand ihm besser wie er fand. Er hatte dunkle, breite Augenbrauen über großen blauen Augen. Seine Nase war sehr gerade und sein Kinn markant. An Kinn und Kiefer trug er einen Bart, den er jeden Morgen stutzte und in Form brachte. Seine Ohren standen ein wenig ab, aber alles in allem konnte man ihn durchaus als gutaussehend bezeichnen.

Er atmete tief ein und wandte sich um. Schwungvoll stieß er die schwere Tür auf, die das Treppenhaus von dem Flur trennte und der Lärm der Schüler, im Treppenhaus nur dumpf zu hören, brandete über ihn hinweg. Wieder musste er sich seinen Weg praktisch erkämpfen. Beide Arme hatte er leicht angehoben, um nicht versehentlich seine Unterrichtsmaterialien von einem Schüler entrissen zu bekommen. Schließlich erreichte er den Klassenraum der 8b.

„Guten Morgen, Herr Linden!!", schrien ihm einige besonders gut gelaunte Mädchen entgegen.

„Guten Morgen", erwiderte er und schloss die Tür auf. „Bitte mal ein Stück zurück, sonst kann ich die Tür ja gar nicht öffnen... danke... Max, lass das jetzt, lass jücken. Komm!"

Er winkte einen besonders anstrengenden Vertreter seiner Art heran. Eine achte Klasse zu unterrichten war nie einfach. Vollgepumpt mit Hormonen und mitten in der Pubertät neigten sie dazu, einem Lehrer das Leben schwer zu machen. Aber diese Klasse war besonders schlimm. Normaler Unterricht war so gut wie nicht möglich, vor allem wegen Max. Anders als die meisten war er nicht einfach nur unaufmerksam und unkonzentriert, sondern gezielt respektlos. Herr Linden glaubte nicht, dass Max es noch lange schaffen würde, auf dem Gymnasium zu bleiben.

Der Unterricht lief wie gewohnt schleppend an diesem Tag. Das ausgesprochen gute Wetter erschwerte ihm seine Arbeit zusätzlich. Die Sonne flutete das Klassenzimmer so penetrant mit ihrem wärmenden Licht, dass man fast meinen konnte, sie mache sich über die unglückliche Situation der Klasse lustig. Zusammengepfercht in einem Raum, während draußen die Vögel sangen und sowohl Schüler als auch Lehrer das Gefühl hatten, ihre Zeit zu verschwenden. Dann auch noch Erdkunde. Herr Linden hatte die Erfahrung gemacht, dass die Fächer, die man klassischer Weise als anstrengend zu unterrichten betrachtete, diesen Ruf häufig gar nicht verdient hatten. Mathe, Physik, Latein, Französisch. Diese Fächer wurden geliebt oder gehasst, mehr oder weniger jedenfalls. Aber Erdkunde war kein großes Fach. Dementsprechend schienen viele Schüler der Meinung zu sein, dieses Fach sei den Aufwand nicht wert, sich am Unterricht zu beteiligen. Keine Klausuren, keine Zeugnisrelevanz, nur gelegentlich ein Test -- da konnte man im Zweifelsfall die fünf gut verkraften. Und andere kleine Fächer, wie beispielsweise Informatik, waren Fächer, die von Schülern gewählt werden mussten und dementsprechend zumeist von den interessierteren unter ihnen belegt waren.

Als der Gong ertönte und das Ende der ersten Stunde verkündete hatte Herr Linden wieder einmal das Gefühl, nicht zu seinen Schülern durchgedrungen zu sein. Dabei hielt er sich für einen sehr guten Lehrer. Er achtete immer darauf, hart aber fair zu sein. Er gab sich Mühe mit seinem Unterricht und war sehr locker im Umgang mit seinen Schülern, ließ sich aber nicht auf der Nase herum tanzen. Bisher hatte er es immer geschafft sich den gewünschten Respekt zu verdienen, ohne schreien zu müssen. Auch wenn ihn die 8b schon ein paar Mal hart auf die Probe gestellt hatte. Er war außerdem Vertrauenslehrer. Mit seinen 32 Jahren war er einer der Jüngsten im Kollegium und noch recht nah an seinen Schülern dran. Auch die Schüler mochten ihn, er hatte sogar schon ein paar Mal mitbekommen, dass einige Schülerinnen ihn scheinbar heiß fanden. Er wusste zwar nicht so genau, was er davon halten sollte, aber letztendlich musste er sich eingestehen, dass es ihn zumindest nicht störte. Auch wenn es Kinder waren, letztlich war es ein Kompliment. Und da Herr Linden viel schwimmen ging und Fahrrad fuhr, war er in der Tat recht durchtrainiert. Keine Muskelberge, aber sehr drahtig und definiert.

Er verließ jetzt die 8b und machte sich auf den Weg zur nächsten Unterrichtsstunde.

Auch der restliche Tag verlief schleppend, das Wetter war einfach zu gut. Es war Anfang Juni, in eineinhalb Monaten würden die Sommerferien beginnen. Schon so weit im Jahr, dass die nahenden Sommerferien die Konzentration aller Beteiligten störten, aber noch nicht so weit, dass man den Unterricht etwas lockerer angehen konnte. Noch standen Klausuren und Arbeiten an, und der Stoff schien wieder einmal viel zu viel, um ihn in diesem Jahr noch durchzupauken. Heute war Montag, und wie es das Klischee verlangt war es sein längster Tag. Bis zur neunten Stunde hatte er durchgehend Unterricht. Eine Qual, wenn es draußen knapp dreißig Grad im Schatten waren.

Als er schließlich nach der neunten Stunde das Lehrerzimmer betrat, um seinen Platz aufzuräumen, war es fast gänzlich verwaist. Gerade hatte er alles zusammengepackt und nach seinen Autoschlüsseln gegriffen, als Julie, eine Kollegin in den mittleren Jahren in den Raum stürmte.

„Julian! Gut, dass ich dich noch erwische! Bitte, du musst mir helfen."

„Ich... was ist denn? Ich wollte gerade fahren...", entgegnete er unwillig. Was immer es war, es konnte ihm gestohlen bleiben. Er musste noch den Unterricht für den nächsten Tag vorbereiten und schließlich wollte er auch noch was von dem guten Wetter haben.

„Ich weiß, es ist scheiße, aber wirklich, es dauert bestimmt nicht lange. Ich will auch nach Hause, aber das kann leider nicht warten. Und da du Vertrauenslehrer bist ist es fast sogar deine Pflicht, mir zu helfen", fügte Julie hinzu und lachte frech.

Sie war eine hübsche Frau, wenn auch deutlich zu speckig für seinen Geschmack. Sie hatte aber eine sehr angenehme, offene und direkte Art. Das schätzte er an ihr.

„Na gut, was gibt's denn?", gab er sich geschlagen und ließ seine Tasche bedeutungsvoll auf den Tisch fallen.

„Na komm", sagte Julie lachend, „ich erklär's dir." Sie winkte ihn heran und verließ das Lehrerzimmer, er folgte ihr.

Die Flure waren jetzt vollkommen leer und so gut wie still. Aus dem Musikzimmer erklang noch der Chor und in den oberen Stockwerken waren die Putzkräfte mit ihren Maschinen am Werk, ansonsten war es ruhig.

„Es geht um Camilla. Sie hat es endgültig übertrieben."

Herr Linden musste nicht nachfragen, wenn seine Kollegin meinte. Camilla war bekannt im Kollegium. Sie war 17 und in der zwölften Klasse und praktisch das weibliche Äquivalent zu Max aus der 8b. Er hielt sie für sehr schlau, überdurchschnittlich schlau sogar, und zwar deutlich. In Erdkunde und Geschichte hatte er sie bereits ein paar Jahre lang unterrichtet und auch in seinem dritten Fach, in Französisch, war sie aktuell in seinem Kurs. Sie beteiligte sich grundlegend nicht am Unterricht, störte ihn häufig sogar aktiv. Sie schien auch nie zu lernen. Und dennoch schaffte sie es, so gut wie ausschließlich Einsen zu schreiben. Da sie sich mündlich nicht beteiligte und deshalb in sonstiger Mitarbeit fünf stand, ergab das zwar meist nur eine Zeugnisnote von Drei, aber dennoch. Er schob das auf ihr mangelndes Interesse, während viele andere Kollegen überzeugt waren, sie würde während den Klausuren schummeln. Sie gehörte auch zu der Sorte Schüler, die zwar aktiv den Unterricht störten, dabei aber so viel Witz und Einfallsreichtum zeigten, dass selbst er als Lehrer häufig versucht war, laut loszulachen. Ihre stichelnden Kommentare kamen immer genau in den richtigen Momenten.

„Was hat sie denn getan?", wollte er wissen.

„Naja, eigentlich geht es eher darum, was sie nicht getan hat. Sie hat sich wieder einmal praktisch nicht angezogen."

Sie waren jetzt im Besprechungszimmer angekommen. Es war ein kleiner Raum, der für gewöhnlich dafür genutzt wurde, mit Schülern über ihre Vergehen zu sprechen. Bis auf einen Tisch und zwei Stühle, so wie eine kleine Kaffeemaschine auf der Fensterbank war er leer.

Julie öffnete die Tür und Herr Linden sah sofort, was sie gemeint hatte. Er beobachtete diesen Trend jetzt schon seit Jahren. Seit es Youtube gab, so hatte er den Eindruck, wurde die Jugend immer freizügiger, oft auf eine besonders provokante Art und Weise. So hatte beispielsweise die Leggins den Minirock abgelöst. Keine nackte Haut, sodass man als Lehrer nicht in der Position war, dieses Kleidungsstück verbieten zu können, jedenfalls nicht ohne weiteres. Aber dabei so eng, dass man sich häufig fragte, warum die Mädchen nicht gleich nackt in die Schule kamen, weil man sowieso alles sah. Erschreckender Weise fing das bei den weiblichen Schülern schon vor der Pubertät an. Das Netz bombte die Welt zu mit Sex, und das war die Reaktion, wie es schien. Aber auch die Themen, die er bruchstückhaft auf dem Schulhof belauschen konnte, drehten sich auch bei den 13 Jährigen schon oft um Sex. Sex war in Mode. Nicht nur in der Werbung oder in Videospielen, auch bei der Jugend. Letztendlich fand er, dass das in Ordnung war, so lange gewisse Grenzen nicht überschritten wurden. Junge Leute wollten immer schon provokant sein. Früher war das eben durch Demonstrationen geschehen, durch Drogenkonsum und den Autodiebstahl bei den Eltern. Heute war es Sex. Aber es war schon erschreckend, wie aufreizend auch die jüngsten Mädchen sich heute kleideten. Teilweise hielt man eine Elfjährige für 15 oder 16, einfach durch die Art wie sie gekleidet war und sich verhielt.

Camilla war ein Paradebeispiel dieser Generation und zweifelsohne war es der Grund, für Julies Bitte. Sie sah ihn jetzt bedeutungsschwanger an und nickte mit dem Kopf, um ihm zu bedeuten in den Raum zu gehen. Sie schien ihm das Feld alleine überlassen zu wollen.

„Danke, Julian. Ich warte im Lehrerzimmer."

Er seufzte. Er schloss die Tür hinter sich und setzte sich.

„Hallo, Herr Linden!", rief sie ihm freudestrahlend entgegen, schon als er durch die Tür trat.

Sie sah sehr gut aus, das konnte man nicht bestreiten. Ihre Haare waren geglättet und hellblond, allerdings nicht gefärbt. Sie hatte eine kleine Stupsnase und große, dunkelblaue Augen. Ihr Lippenstift war ebenfalls recht dezent, zwar immer als solcher erkennbar, aber nicht in besonders knalligen Farben gehalten. Sie hatte einen kleinen Piercing im rechten Nasenflügel und kleine Anstecker an den Ohrläppchen, ansonsten verzichtete sie meist auf Schmuck. Vom Gesicht her machte sie alles in allem einen vergleichsweise natürlichen Anblick.

Aber ihm war sofort klar, dass es nicht um die Art ging, wie Camilla sich schminkte. Dennoch ließ er sich auf das Spiel ein.

„Hallo, Camilla. Na. Wie geht's?"

„Es geht so, muss ich gestehen. Wär' eigentlich lieber draußen auf dem Weg heim, aber Frau Hoffstädt hielt es irgendwie für nötig, mich noch 'ne Weile hier zu behalten."

„Aha. Und kannst du dir vorstellen, warum? Hm?"

„Ja, glaube schon", sagte sie und lachte herzhaft. Ihr Lachen war hell und sehr angenehm. Sie sah ihn an, zog die Augenbrauen hoch.

„Und??", hakte er nach. „Was ist der Grund, deiner Meinung nach?"

„Ihr passt es nicht, wie ich mich anziehe."

Er ließ ein weiteres „Aha" folgen. Herr Linden war sich ziemlich sicher, dass sie recht hatte mit dieser Vermutung. Sie trug Leggins, und hätte sie nicht gesessen, wäre es sicherlich eine der besonders engen Varianten gewesen, die sich am Hintern schon so sehr spannten, dass sie ein wenig durchsichtig wurden, da war er sich sicher. Ihre Brüste, mindestens ein gesundes C-Körbchen, steckten offensichtlich in einem Push-Up, es hätte ihn nicht gewundert, wenn sie gleich rausgesprungen wären. Ihr Top war sozusagen die Gegenvariante zu ihrer engen Leggins; sehr weit geschnitten und bauchfrei. Es lag praktisch nur auf ihren hochgepushten Brüsten auf und war zu allem Überfluss auch noch am Rücken so weit ausgeschnitten, dass die Träger ihres BHs sichtbar waren. Weil es so großzügig geschnitten war, sah man vorne außerdem die Ansätze ihrer schwarzen BH-Schalen.

„Und, was hältst du von ihrer Meinung? Findest du nicht, dass du es heute ein bisschen übertrieben hast?", sagte er und deutete grob mit der Hand in ihre Richtung.

Es war wirklich heiß, er konnte die Luft im Raum fast mit Händen greifen. Er schwitzte leicht und wischte sich über die Stirn.

„Ach, Herr Linden, wissen Sie, ich verstehe einfach nicht, warum manche Lehrer immer meinen, sich so sehr in die Privatsphäre ihrer Schüler einmischen zu müssen. Kann doch egal sein, wie ich mich kleide. Meine Eltern haben mich da bisher nie belehrt. Und sie hätten mich doch jetzt auch nicht dafür zum Gespräch gebeten, wenn Frau Hoffstädt sie nicht gebeten hätte, oder?"

Das war ein Argument, wie er sich innerlich eingestehe musste. Aber eines, das er nicht würde gelten lassen können.

„Weißt du Camilla, die Freiheit eines Einzelnen hört nun einmal da auf, wo die eines anderen anfängt. Und wenn Frau Hoffstädt sich durch deine Art sich zu kleiden gestört fühlt, ist das leider etwas, auf das du Rücksicht nehmen musst."

„AHA! Leider! Sie haben leider gesagt! Sehen Sie, Ihnen gefällt sogar was sie sehen!", sagte Camilla und drückte ihre Brüste noch weiter raus. Sie ließ sich wieder zurückfallen und lachte laut, als Herr Linden genervt mit den Augen rollte.

„Camilla, hast du das wirklich nötig? Wirklich, ich werde nicht schlau aus dir. Du bist doch so clever, warum machst du sowas?"

Jetzt war es an ihr genervt zu stöhnen. „Ach Herr Linden. Jetzt kommen Sie mir nicht auf der moralischen Ebene. Ist mir egal was andere denken. Ich zieh mich gerne so an. Mal abgesehen davon: Ist doch voll heiß draußen. Mir ist sonst auch einfach zu warm. Sie scheinen doch ganz schön zu schwitzen in ihrem Hemd!" Sie lachte wieder.

Und sie hatte wieder mal recht. Ihm war wirklich zu warm und seine Kehle war ganz trocken.

Er musste lächeln. „Camilla, du hast ja recht. Ich muss gestehen, letztendlich ist es mir egal wie du dich kleidest. Aber tu es doch vielleicht einfach um Stress zu vermeiden? Du siehst sehr gut aus, auch ohne dich so zurecht zu machen, versuch doch einfach ein bisschen zurückhaltender zu sein. Du hast diesen ganzen Schnickschnack doch auch einfach optisch nicht nötig."

„Herr Linden!" rief sie in gespielter Empörung aus und lachte wieder. „Da werde ich ja ganz rot." Wurde sie wirklich. Da sie kaum Makeup trug konnte er deutlich erkennen, dass sich ihre Wangen einfärbten.

Jetzt musste er auch lachen.

„Naja gut, vielleicht haben Sie recht. Aber gut stehen tut es mir doch, oder?" Camilla stand auf, drehte sich um sich selbst und er musste schlucken. Es stand ihr wirklich gut. Ganz wie er vermutet hatte; es war eine jener besonders engen Leggins. Sie drehte sich wieder um sich selbst und ihre Haare wirbelten.

„Ja. Ganz toll, Camilla, übertreib es nicht", sagte er nur und setzte seine ernste Miene auf.

Er versuchte sich nichts anmerken zu lassen. Sein Schritt kribbelte. Sie setzte eine gespielt enttäuschte Miene auf. Ihr Schmollmund stand ihr dabei ebenfalls ausgesprochen gut. Er konnte verstehen, warum eine Frau wie Julie sich an Camillas Verhalten anstieß. Sie war in manchen Dingen recht konservativ und sah in Camilla wahrscheinlich einen schweren Werteverfall. Mal abgesehen davon war sie eine Frau, konnte gut sein, dass sie das Mädchen auch einfach nuttig fand. Vielleicht neigten Männer aus gegebenem Anlass eher dazu, solch ein Verhalten zu ignorieren oder sogar zu dulden.

„Dann hätten wir das geklärt, ja? Versprichst du mir, dich in Zukunft ein wenig angemessener anzuziehen?"

„Ja doch, ich verspreche es."

„Sehr schön, ich danke dir." Herr Linden blickt auf die Uhr. „Puh, schon so spät, ich muss dringend nach Hause. Also, wir sehen uns... übermorgen, oder? In Französisch?"

„Jap, so ist es. Tschüsschen!", antwortete sie und verließ das Besprechungszimmer in die entgegen gesetzte Richtung. Sie stürzte fast schon hinaus, so eilig hatte sie es.

Sie rannte den Gang entlang und hatte auch schon ihr Smartphone in der Hand, wahrscheinlich um den restlichen Tag zu planen. Herr Linden sah ihr mit zusammen gekniffenen Augen hinterher. Sie sah wirklich scharf aus, wie sie da den Gang entlang hüpfte. Das musste er ihr zugestehen. Und irgendwie schaffte sie es, bei all ihrem aufreizenden Gehabe nicht abstoßend auf ihn zu wirken.

Es mochte verwunderlich klingen, dass solches Verhalten bei einem Mädchen überhaupt abstoßend auf einen Mann wirken kann. Aber viele der Mädchen auf der Schule waren so stillos und hoffnungslos albern in der Art, wie sie sich kleideten und schminkten. Camilla war da irgendwie anders. Er straffte die Schultern und maßregelte sich innerlich. Camilla war eine Schülerin, solche Gedanken waren mehr als unerhört.

Aber gleichzeitig gestand sich Herr Linden innerlich, dass es immer schwieriger wurde, den weiblichen Reizen als Mann zu widerstehen, mit denen man in der Schule tagtäglich zugeschmissen wurde.

Im Lehrerzimmer hastete er zu seinem Platz. Er hatte es jetzt wirklich eilig. Frau Hoffstädt erklärte er praktisch im Vorbeigehen, dass Camilla sich zukünftig wohl besser anziehen würde und tat ihren Dank mit einer Handbewegung ab.

„Kein Ding, Julie, gerne doch."

Ein Blick auf die Uhr ließ ihn noch unruhiger werden. Fast vier Uhr. Es war mittlerweile zwar wieder lange hell draußen, aber dennoch. So viel vom Tag schien schon verloren. Er klemmte sich seine Tasche unter den Arm und verließ das Schulgebäude durch den Nebeneingang, der auf den Lehrerparkplatz führte. Sein Auto stand recht nah beim Eingang, er neigte dazu häufig zu früh zu kommen und hatte daher parktechnisch praktisch freie Wahl.

Er steckte den Schlüssel ins Schloss und mit einem schnappenden Geräusch wurde entriegelt. Sein Auto war mattblau lackiert, und ein Oldtimer. Ein wunderschöner Chevrolet Impala, Baujahr 1969, sein ganzer Stolz. Das Auto kostete ihn Unsummen, aber das war es ihm wert. Er hatte es beim Tod seines Vaters vor einigen Jahren vererbt bekommen. Sein Vater hatte selbst dafür gesorgt, dass der Wagen in Schuss blieb, aber da er selbst keine Ahnung davon hatte, wanderte das Auto für viel Geld regelmäßig in die Inspektion. Seine Frau konnte darüber nur den Kopf schütteln und betitelte den Chevrolet als „Opa-Auto". Aber er fand, der Wagen hatte einfach Stil.

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