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Die Prüfung

byViktoria1©

***

Für Michael, meinen Erzengel, der bei meinen ersten Schritten in eine neue Welt für mich da war.

***

Das Schlafzimmer war hell erleuchtet. Viktoria drehte sich vor dem großen Spiegel. Das weiße Gewand gefiel ihr überhaupt nicht. Sie sah aus wie eine Säule, fand sie. Aber der Meister wollte es so, was also sollte sie dagegen tun? Der schmale goldene Reif auf dem schwarzen Haar gefiel ihr dagegen sehr.

Viktoria dachte über die aufregenden letzten Tage nach. So lange wusste sie es schon und hatte doch niemandem, nicht mal unter dem Siegel der Verschwiegenheit, von ihrem bevorstehenden großen Auftritt erzählen können. Weil der Meister es verboten hatte. Und sie hätte doch so gern ihren Freundinnen geschildert, wie sie der Meister ausgesucht hatte, wie sie geprüft wurde und schließlich nach schier endlosen Proben ausgewählt wurde.

Heute sollte es nun endlich soweit sein. In diesem unmöglichen weißen Gewand würde sie ganz allein vor vielen Menschen stehen, eine brennende Kerze in der Hand und das Ave Maria singen. Es würde sicher die schwerste ihrer bisherigen Prüfungen sein.

Viktoria war aufgeregt. Sie hatte keine Angst den Text zu vergessen oder die Töne nicht zu treffen. Sie hatte nur Angst, den Meister zu enttäuschen. Sie hatte Angst, dass dieser große, immer schwarz gekleidete Mann mit der unglaublichen Stimme sie vorwurfsvoll ansehen und sich dann schweigend und kopfschüttelnd von ihr abwenden würde. Das durfte nicht passieren. Niemals!

Es läutete dreimal an der Haustür. Das war Anna. Schnell warf sich Viktoria einen Mantel über und lief zur Tür. Draußen stand ihre Freundin, unter ihrer Jacke genauso gekleidet wie sie. Stumm umarmten sich die beiden, nahmen sich an der Hand und gingen die wenigen Schritte bis zum verabredeten Ort. Durch eine Seitentür betraten sie das große Haus. Ihre Schritte hallten laut auf dem Steinfußboden. In einem kleinen, weiß gekalkten Raum, der durch die dunklen Eichenholzmöbel fast unheimlich wirkte, stand der Meister und wartete.

„Ihr seid spät dran." Seine Augen blickten hart. Er wies Anna einen Stuhl an und fragte: „Du weißt, dass wir dich nicht brauchen, wenn Viktoria durchhält?". Anna nickte schweigend.

Dann musterte er Viktoria von oben bis unten, nickte zufrieden und strich ihr sacht über das Haar. „Ich verlass mich auf dich, meine Kleine. Enttäusche mich nicht." Er reichte Viktoria eine große brennende Kerze. „Warte hier, bis ich dich rufe." Dann verließ er mit festem Schritt den düsteren Raum.

Auch Anna sah Viktoria prüfend an. Dann flüsterte sie ihr zu: „ Pass auf, dass die Kerze nicht ausgeht, wenn du hinaus musst."

Viktoria sah entsetzt auf die flackernde Flamme der Kerze. Auch das noch! Vorsichtig ging sie in dem kleinen Raum hin und her, um zu testen, wie viel Zugluft sie der Flamme zumuten konnte. Anna lobte Viktorias Haltung und Bewegungen, aber Viktoria hörte nur halb zu. Sie war unruhig und angespannt.

Endlich öffnete sich die Tür, der Meister kam zurück. Er legte Viktoria beide Hände auf die Schultern und sah ihr tief in die Augen. „Es ist soweit, Viktoria. Du kannst es. Ich weiß es." Er küsste sie sacht auf die Stirn. Nach einem letzten angstvollen Blick auf Anna, verließ Viktoria mit langsamen Schritten das dunkle Zimmer.

Den Blick fest auf die flackernde Flamme gerichtet, ging sie bedächtig zu dem ihr zugewiesenen Platz in dem riesigen Raum. Sie hörte nichts und sah nichts. Sie konzentrierte sich voll auf die Flamme der Kerze in ihrer Hand.

Plötzlich rauschte Orgelmusik auf. Viktoria erkannte ihr Thema und wartete auf ihren Einsatz. Die Musik wurde leiser und Viktorias glockenhelle Stimme schwang sich empor. Es war nicht einfach, laut genug zu singen, so vollkommen ohne Mikrofon und Technik. Ihr Körper zitterte leicht vor Anstrengung. Und langsam löste sich ein Tropfen Wachs und rann die Kerze hinab. Ein zweiter und dritter folgten.

Viktoria verzog schmerzlich das Gesicht, sang aber weiter. Laut und klar schwebten die hohen Töne in die Luft. Immer mehr Wachs tropfte von der Kerze auf Viktorias zitternde Hand. Tränen stiegen in ihre Augen. Aber der Meister sollte stolz auf sie sein und so sang sie ihr Solo tapfer zu Ende.

Nach dem letzten Ton breitete sich eine tiefe Stille aus. Viktoria sah den Meister lächeln und wollte glücklich in den kleinen Raum zurückgehen.

Da geschah etwas fast Unglaubliches. Beifall brandete auf.

Viktoria blieb erschrocken stehen, wandte sich um. Auch Herr Meister, der Kantor, stand starr. Das hatte es bis dahin noch nie gegeben. Beifall am Heiligen Abend in der Kirche.

Viktoria, der kleine Engel beim Krippenspiel, war 7 Jahre alt. Und den Schmerz, den heißes Wachs verursacht, würde sie nie im Leben vergessen.

Ende

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