tagErotische VerbindungenEigentlich wollte ich nur Zigarette

Eigentlich wollte ich nur Zigarette

byjannis©

c by Jannis 1998

Prolog

Die Geschichte entstand in den neunziger Jahren, nach Tagebuch-Aufzeichnungen. Sie wurde noch nie veröffentlicht. Sie überdauerte mehrere Generationen von Computern und Festplatten bei mir. Als sie vor einiger Zeit in meinem Verzeichnis-Dschungel wieder an die Oberfläche kam, habe ich sie selbst noch einmal ganz gelesen und mich an die Details erinnert. Sie ist, so weit es mir gelang in die neue Rechtschreibung überführt. Der vorliegende Text ist eine Mischung aus Fantasie und Realität. Der wahre Kern dahinter, hat mein Leben bis heute verändert.

Jannis

*

Eigentlich wollte ich am Bahnhof neue Zigaretten holen. Tags zuvor hatte ich mich wieder einmal nicht aus dem Haus bewegt und damit war eben auch mein Vorrat auf einen kleinen Rest zusammengeschrumpft und der versprach nicht, bis zum nächsten Morgen zu halten. Für einen Sonntag hatte der heutige Tag recht trüb begonnen. Ich war sehr spät aus den Federn gekommen und das heißt, für mich immer, eine noch längere Anlaufzeit, als dies sonst schon der Fall ist. Eine Stunde ist meine Normalzeit. Wenn ich jedoch erst nach acht Uhr aus dem Bett komme, ist ein Senkrechtstart erst recht nicht möglich.

Die große Kaffeetasse musste drei komplette Füllungen über sich ergehen lassen, bis mein Motor zumindest auf Minimaldrehung geschaltet hatte. Hohe Touren waren damit jedoch noch nicht erreicht. Der Kaffee war zu heiß, also gab ich kaltes Wasser dazu, danach war er mir wieder zu kalt.

Na ja, wenn eben der Start nicht einwandfrei ist, verspricht der Flug nicht besser zu werden. Es half nichts. Wenn ich nicht am späteren Nachmittag ohne was zu rauchen dastehen wollte, musste ich mich in Bewegung setzen. Raus aus dem Schlafanzug, unter die Dusche, rein in Hemd, Hose, Socken und Schuhe. Wie schön ist es zu wissen, der Vorrat ist gesichert und das Leben kann in gewohnten Bahnen weiterlaufen. Diese Gewissheit erlangte ich, nachdem ich die neue Packung in der Hand hatte und die Kioskverkäuferin mir das Rückgeld in die Hand drückte.

Nun stand ich da, am Westausgang des Bahnhofs, der mir wie alle diese Bauwerke, trist und unpersönlich im regnerischen Sonntagsgewand erschien.

'Wer entwirft solche Bauwerke, monumental, zweckgebunden und unpersönlich?'

Diese Frage schoss mir durch den Kopf. Ich musste einsehen, dass Bahnhöfe nicht für mich gebaut werden, ich halte mich auf ihnen nur zum verspäteten Zigarettenkauf auf.

Eisenbahn fahren ist mir zuwider. In Gedanken schreibe ich einen Brief an die Bahnverwaltung, um den Herren der Chefetage klar zu machen, dass Bahnhöfe anders gebaut werden müssen. Die Formulierung von Beschwerdebriefen ist eines meiner ältesten Steckenpferde. Ich konnte dabei meinem Frust freien Lauf lassen, und Gemeinheiten formulieren, die ich nie gewagt hätte, auszusprechen.

Das Vordach der Bahnhofspforte hielt den Regen zurück. Ich überlegte wie ich am besten, ohne nass zu werden, zur Haltestelle der Straßenbahn zurückgelangen würde. Oder sollte ich hier bleiben, bis der Regen nachlässt?

Neben mir hielt ein kleines Auto. Es erweckte meine Aufmerksamkeit, als ich die gelben Streifen am Boden mit dem Auto verknüpft sah.

"Der hält inmitten des Taxistandes", hörte ich mich leise zu mir selbst sagen und irgendwie spielte sich in Windeseile das ganze Drama ab, das gleich beginnen würde.

Die Taxifahrer kommen, stellen den Lenker des Wagens zur Rede und bewegen ihn unfreundlich, ja schroff zum Wegfahren. Auch diese unangenehme Seite des Bahnareals müsste ich in mein Schreiben mit aufnehmen.

Doch meine Tagträume wurden unterbrochen, als sich die rechte Seitentüre des Wagens öffnete und eine schick gekleidete Frau direkt auf mich zu schritt. Ich hatte im selben Moment noch intuitiv auf die Fahrerseite des Wagens geblickt und eine charmant lächelnde Person zwischen Regentropfen und den Hin und Her wippenden Scheibenwischern ausmachen können, als mich die junge Frau ansprach.

"Hi, ich bin Charlotte und ich suche zusammen mit meiner Freundin nach einer Straße, die wir leider nicht finden können. Kannst Du uns weiter helfen?"

Im ersten Augenblick stolperte ich über das "Du", im nächsten hatte ich das Gefühl, da stuft mich jemand unter seinesgleichen ein und war angenehm überrascht. Hatte ich doch offensichtlich schon ein paar Jährchen mehr auf dem Buckel als diese hübsche Frau.

Ein Gefühl, sie zurückweisen zu müssen und doch auch gleichzeitig von ihr angenehm angetan zu sein, kämpfte für einige Augenblicke in meinem Inneren. Bevor eine Entscheidung gefallen war, wurde ich unterbrochen durch ihre nachhakende Frage:

"Kannst Du uns helfen, wir sind fremd hier und sollten pünktlich zu einer Einladung kommen?"

Das riss mich in die Gegenwart zurück, der ich heute eigentlich nicht zu nahe kommen wollte.

"Klar kann ich euch helfen", sagte ich mehr zu mir selbst, als zu ihr, doch sie hatte es bereits gehört und ich war nun in der Pflicht.

"Wohin wollt ihr denn?", war meine knappe Frage und ich hoffte, mit einem Schnellen - zweite links, und dann alles geradeaus -- die ungeplante Störung, meines verpatzten Sonntagnachmittags, beenden zu können.

"Rosenweg, der muss hier irgendwo in der Gegend sein", sagt sie schnell.

Mir stockte der Atem. Zwar wusste ich in etwa, wie man dorthin kam, ein Einfaches, links, rechts und dann immer Weiter, war in diesem Fall jedoch nicht möglich. Ich runzelte die Stirn und begann, mich am vorderen Haaransatz zu kratzen, wie ich dies immer tat, wenn ich Verlegenheit signalisieren wollte.

"Das ist nicht so einfach, zu erklären, der Rosenweg liegt in einem ganz anderen Bezirk, hier seid ihr vollkommen verkehrt."

Charlotte schob beide Hände in ihr rotbraunes Haar, raufte sich kurz an beiden Schläfen und zog den linken Arm an, um auf ihre Armbanduhr zu sehen. Ihre Mundwinkel zogen sich leicht nach unten und gleichzeitig veränderte sich ihr fein geschnittenes Gesicht in eine Mischung aus fragender, verlegener und lächelnder Kleinmädchenfratze, die an Unschuld und Hilflosigkeit nicht zu überbieten war.

Ihr rechter Zeigefinger wies auf das goldene Zifferblatt der Uhr und ihre Schultern zuckten kurz.

"Wie sollen wir das noch schaffen?", fragte sie und hatte dabei gleichzeitig einen Tonfall gefunden, der ihre Mimik deutlich unterstrich. Auch ich zuckte nun mit den Schultern, als ob meine Antwort auf diese Frage darin bestünde, ihre Hilflosigkeit zu übernehmen.

Ich suchte nach einem Grund, mich aus dieser Situation zu manövrieren, denn mir begann zu dämmern, dass, wenn ich mich auf die Straßensuche der beiden einlassen und ihnen helfen würde, mein Sonntagnachmittag gänzlich im Eimer sein würde. Eine andere Seite in mir riet mir zur Hilfsbereitschaft. So rangen meine beiden Kobolde im Kopf um ihre Vorherrschaft.

Ich war immer schon der Unentschlossene gewesen, der sich lieber durch äußere Gegebenheiten als durch eigene energische Entscheidungen zu einer Sache durchringen konnte. Warum konnte ich nicht einfach am Kiosk meine Zigaretten kaufen, mich der Straßenbahn zuwenden und nach Hause gehen? Es waren immer die gleichen Fragen, die sich stellten, wenn Entscheidungen im Raum standen, wenn irgendjemand etwas von mir wollte und ich lieber nicht angesprochen geblieben wäre.

Mit einem Bein im Ansatz zur Rückwärtsdrehung -- ich glaube, ich wollte mich einfach aus dem Staub machen -- sprach mich Charlotte noch einmal an. Ich sollte ihr und ihrer Freundin auf dem Stadtplan erklären, wie sie die richtige Richtung finden könnten, danach würden sie sich weiter durchfragen.

Das schien mir ein Kompromiss, der mir aus meiner Entscheidungsnot helfen konnte. Also ging ich mit ihr die fünf Schritte zum Auto mit. Der Regen fiel mir ins Gesicht, als wir das schützende Vordach verließen. Am liebsten wäre ich wieder umgekehrt. Doch konnte ich einfach weglaufen, wie ein kleiner Junge?

Am Auto angekommen, öffnete Charlotte die Tür und machte Anstalten einzusteigen. Sie winkte mich herbei und sagte in halblauter Stimme:

"Steig ein, damit Du nicht nass wirst, dann kannst Du uns mit dem Plan den Weg erklären."

Da ich dies für eine gute Idee hielt, folgte ich ihrem Ratschlag. Sie zog die Beifahrertüre ganz auf, kippte ihren Sitz nach vorne, damit ich auf der Hinterbank, des Kleinen Wagens Platz nehmen konnte. Ich zog meinen Kopf ein und glitt auf den Rücksitz. Dort versuchte ich, zwischen Kleidungsstücken und Zeitungen einen Platz zu finden, der zum einen bequem, zum anderen aber auch Rücksicht auf die fremden Utensilien nahm.

Charlotte schob ihren Sitz mit einem heftigen Ruck nach hinten, sodass dieser laut-knackend, einrastete. Mit einer schlangenhaften Bewegung ließ sie sich auf den Sozius gleiten, zog ihre Türe in derselben Bewegung zu und drehte sich lächelnd zu mir nach hinten um.

"Danke", bemerkte sie in einen weichen angenehmen Ton, der für mich nicht so ganz zu dem krausen, leicht durchnässten Haar zu passen schien.

"Das ist Ilona", sagte sie, den Kopf leicht nach links drehend, um mir ihre Freundin hinterm Steuer vorzustellen. Auch Ilona drehte sich in diesem Moment zu mir um. Ich war überrascht.

Da sah mich eine Frau an, die auffallend feste, lange schwarze Haare hatte, die bis weit über die Schultern reichten. Ihr Gesicht wurde durch einen Mittelscheitel in zwei Hälften geteilt. Ein glattes, liebliches Antlitz, das keine Unregelmäßigkeiten zu kennen schien, blickte zwischen den beiden halbmondartigen Haarsträhnen, die zu beiden Seiten über ihre Wangen fielen zu mir nach hinten. Ihre schmalen Lippen formten sich zu einem Lächeln, das mich angenehm berührte.

Ich erlag für einen Augenblick dem Zauber, der diesem Gesicht entsprang, und war sprachlos. Sie streckte mir zwischen den beiden Sitzen hindurch ihre Hand entgegen und sagte nur:

"Ilona und Du?"

"Johann", antwortete ich, wobei ich sie nicht aus den Augen ließ. Selten hatte ich auf ein Gesicht so reagiert. Ich schien in eine Art Trance zu fallen, aus der ich nie mehr aufwachen würde.

"Hallo Johann", klang es von Charlottes Seite zu mir rüber. Aus der Position in der Mitte der hinteren Sitzpolster heraus konnte ich mit einer kleinen Drehung des Kopfes, jeweils abwechselnd die beiden Frauen betrachten und ich schwenkte wohl, ohne es selbst wahrzunehmen, des Öfteren zwischen den beiden Gesichtern hin und her.

"Welche von uns gefällt dir besser?", hauchte Ilona leise. Um nicht noch mehr in Entscheidungsnot zu geraten, beschloss ich kurzerhand, die Frage überhört zu haben, und blieb eine Antwort schuldig.

Ich wollte wieder auf den Grund meines Einsteigens zurückkommen, wollte mich nach ihrem Stadtplan erkundigen, als an Ilonas Seitenfenster ein aggressives Klopfen laut wurde. Einer der Taxifahrer stand dicht vor der, von innen angelaufenen, Scheibe und bellte, wie ein aufgescheuchter Dobermann alle Paragrafen der städtischen Halte- und Parkordnung herunter.

Ilona drehte die Scheibe einen winzigen Spalt herunter, gerade soviel, dass sie ihm mit ruhiger Stimme sagen konnte:

"Ja, ja, schon gut, wir fahren ja schon weg."

Sie drehte den Schlüssel und startete den Wagen. Mit einem Ruck, den das Getriebe mit einem Krächzen beantwortete, schob sie den ersten Gang ein. Der zweite Ruck ließ erkennen, dass sie doch nicht ganz so cool auf den Taxifahrer reagierte.

Sie rutsche förmlich von der Kupplung. Der kleine Morris machte beinahe einen Sprung, mit dem er sich aus seiner Ruhestellung heraus in Bewegung setzte.

Binnen weniger Sekunden wurde mir bewusst, dass ich nun nicht mehr am Bahnhof, sondern in einem fremden Auto entlang der Hauptstraße fuhr. Fast instinktiv griff ich an meine Brusttasche, um zu prüfen, ob ich die Zigaretten, wegen denen ich unterwegs war, eigentlich bei mir hatte. Erst als ich das glatte Cellophan zwischen meinen Fingern leise knistern hörte, war mir klar, dass ich mich tatsächlich hier, in dieser eigenartigen Situation befand.

Die beiden Frauen erschienen mir durch die plötzliche Wende des Geschehens, gleichfalls überrascht zu sein. Auch sie waren stumm. Ilona hielt leicht verkrampft das Steuerrad fest und Charlotte kramte im Seitenfach ihrer Türe. Um die angespannte Stille, die vom Brummen des kleinen Motors begleitet wurde, zu unterbrechen, sagte ich knapp:

"Wir fahren um hundertachtzig Grad in die falsche Richtung."

Das hätte ich wohl besser nicht so einfach vor mich hingesagt. Ilona stand mit voller Wucht auf die Bremse, sodass ich beinahe zwischen den beiden Vordersitzen hindurch an der Windschutzscheibe landete. Nun hing ich, eingeklemmt zwischen den beiden Lehnen ihrer Sitze, mit dem Brustkorb auf dem Schaltknüppel und versuchte, mich aus dieser misslichen Lage wieder zu befreien. Von rechts und links drang mir stereofon schallendes Gelächter in die Ohren.

Ich fühlte mich, wie ein Junge, der beim Naschen ertappt worden ist. Mit beiden Armen versuchte ich, mich an den Sitzlehnen der beiden festzuhalten, um wieder in meine Ausgangsposition, zurückzukommen, was mir mit einiger Anstrengung dann auch gelang.

"Geht's wieder?", fragte mich Ilona und ich glaubte, in ihrem Gesicht zu sehen, dass ihr das vorangegangene Gelächter etwas peinlich war. Auch Charlotte war wieder verstummt und hatte jetzt endlich im Seitenfach den Stadtplan gefunden.

"Fahr doch einfach noch ein wenig weiter vorn rechts rann, dann kann ich euch in der Karte den Weg zeigen."

Mein Hintergedanke war klar. Ich wollte so schnell wie möglich aus dieser Sardinenbüchse aussteigen können, um meine Zigaretten nach Hause zu tragen.

Ilona folgte meinem Rat und fuhr den Wagen rechts auf den Bürgersteig. Charlotte breitete den Faltplan zwischen sich und ihrer Freundin aus und ich versuchte, ihnen die Straßen und Kreuzungen zu erklären. Die vielen Einbahnstraßen in dieser Stadt waren ein Gräuel. Wolle man Ortsunkundigen einen Weg erklären, mussten diese berücksichtigt werden. Dieser Stadtplan hatte jedoch keinerlei Hinweise auf Fahrtrichtungen, und da ich den Bezirk nicht kannte, war ich unsicher, ob meine Wegbeschreibung den beiden wirklich weiter helfen könnte.

Mussten die beiden ausgerechnet eine Adresse im weit abgelegenen Villenviertel der Stadt suchen? Sie hätten sich wirklich auch ein einfacheres Ziel wählen können! Wie aus einem Mund, sagen die beiden gleichzeitig:

"Willst du nicht einfach mit uns dort hinfahren?", und Charlotte ergänzte noch",Wir könnten dir dann, ein Taxi für die Heimfahrt bezahlen. Dann würden wir uns nicht mehr verfahren, und du kommst wieder nach Hause."

"Au ja!", pflichtete Ilona bei und klatsche in die Hände. "Eine großartige Idee!"

Ich spürte, dass dies für die beiden schon beschlossene Sache war, und konnte eigentlich nur noch mit:

"Ja, OK", antworten.

Sichtlich erfreut rief Ilona laut:

"Prima!", und schon krächzte wieder das Getriebe, denn sie schlug den Schaltknüppel mit derselben Wucht wie eben, nach vorn und dieser fand dabei den ersten Gang. Derselbe Sprung des Mini. Er erinnerte mich an das aufgeschreckte Hüpfen eines Frosches. Schon setzte sich der Wagen in Bewegung. Sie riss das Steuerrad nach links und drehte damit den Wagen auf die Gegenspur. Dass es außer ihr noch andere Autos auf der viel befahrenen Straße gibt, schien sie in diesem Augenblick nicht zu interessieren.

Ich musste schnell erkennen, dass sie zuvor am Bahnhof nicht aus Nervosität mit so viel Hektik gestartet war, sondern dies ihrem Fahrstiel entsprach. Immer schon war ich ein Feigling auf dem Beifahrersitz gewesen, hänge verkrampft in die Kurven um die Lenkung zu beeinflussen, und bremse und beschleunige mit den Füßen, weil ich Angst habe, wenn jemand anderes, als ich selbst, am Steuer sitzt.

Was mir in den nächsten zehn Minuten widerfuhr, war bis dahin jedoch noch nicht da gewesen.

Es schien mir fast so, als ob Ilona hinterm Steuer eine Leidenschaft zum Risiko entwickelte, die ich ihr in meiner ersten Einschätzung nicht zugetraut hätte. Immer wenn ich riet, an der nächsten Kreuzung vorsichtig abzubiegen, trat sie schnittig aufs Gaspedal und stach mit quietschenden Reifen um die Ecke. Ich stütze mich dann auf den beiden Innenseiten der Karosserie ab, um meine aufrechte Sitzhaltung zu bewahren.

Endlich kamen wir an die Steigung, die zum höher gelegenen Villenviertel der Stadt führte. Nun konnte ich gelassener den kommenden Kurven entgegen sehen, da der Kleine Wagen mit drei Personen besetzt, nicht mehr so auf Touren kam.

Charlotte war die ganze Zeit über ruhig geblieben. Ab und zu schielte ich aus den Augenwinkeln zu ihr rüber und stellte fest, dass auch sie nicht gerade eine begeisterte Anhängerin von Ilonas Fahrwiese war. Auch sie krallte bei einigen Manövern ihrer Freundin, die Finger in die Seite des Sitzpolsters, um sich vermeintlichen Halt zu verschaffen.

Nun, ebenfalls ein wenig entspannter, frage sie, woher ich eigentlich komme. Ich erzählte ihr, was man eben so erzählt, wenn man kurzfristige in eine Art Schicksalsgemeinschaft gerät.

Na ja, mein Bürojob ist nicht gerade so aufregend, dass ich darüber etwas zu Berichten hätte. Ihre Frage -- ob ich denn alleine lebe -- konnte ich ihr mit einem Knappen: "Ja", beantworten. Über meine Odyssee zum Tabakladen wollte ich ihr allerdings nichts erzählen, war ich inzwischen doch wach geworden.

Nebenbei ertappte ich mich dabei, wie ich meinen Eintagesbart überprüfte. Teils aus Verlegenheit, teils aus einer knisternden Atmosphäre heraus, die sich zwischen uns Dreien in den letzten Minuten entwickelt hatte. Oder hätte ich es nur gerne, wenn es so wäre?

Die Begegnung mit den beiden Frauen hatte meinen tristen Alltag und das langweilige Wochenende kräftig durcheinandergewirbelt. Obwohl ich mir dessen in diesem Augenblick sicher noch nicht in vollem Umfang bewusst war.

Wir bogen inzwischen in die Seitenstraße ein, welche die beiden suchten und forschten nun gemeinsam nach der richtigen Hausnummer. Hohe Buchenhecken und schwere Eisentore an den Straßenseiten verrieten, dass hier Menschen leben, die sich vor fremden Blicken schützen wollen und auch den Zugang zu ihrem Anwesen erschweren möchten.

Diese Stadtteile ähneln sich trotz aller Eigenwilligkeit der Hausbauer. Menschen, die prunkvolle Villen bauen, sie dann aber hinter hohen Hecken verstecken, um nicht zu sehr mit ihrem Wohlstand aufzufallen.

Vornehm, gediegene oft majestätische Häuser. In dieser Straße waren die Bauten überwiegend aus der Gründerzeit. Eine Wohngegend, in der man schon aus Tradition wohlhabend sein musste. Wir fanden die Nummer 28 als letztes Haus dieser Sackgasse und Ilona brachte den Wagen mitten auf dem Wendeplatz zum Stehen.

So weit war ich noch nie in die Gefilde der oberen Zehntausend der Stadt vorgedrungen. Ich betrat damit, obwohl ich seit Jahren hier lebe, Neuland. Die beiden stiegen aus und Charlotte klappte ihren Sitz nach vorne, um mir den Weg aus der Sardinenbüchse zu öffnen. Ich kroch erleichtert aus dem Fahrzeug, stand mitten in einer Straße, die ich nie zuvor gesehen hatte. Intuitiv griff ich wieder nach meiner Zigarettenschachtel, um zu überprüfen, ob ich mich immer noch in der Abfolge der Geschehnisse befinde. Es war so.

Ilona bedanke sich bei mir für meine Bereitschaft, mit ihnen den Weg zu fahren. Charlotte holte derweil aus dem Kofferraum des Minis zwei Reisetaschen.

"So jetzt gehen wir zu Susi rein und von dort aus, können wir dir dann ein Taxi bestellen."

Dieser Satz erleichterte mich, hatte ich doch bei Ilonas: "Dankeschön", schon vermutet, ich könne den Weg nun zu Fuß zurückgehen bis zur nächsten Haltestelle der Straßenbahn.

Als eine Art Dank meldete ich mich auch gleich bei Charlotte, um ihr eine der beiden Taschen abzunehmen. Schon schritten wir auf das Eingangstor zum Garten des Hauses zu. Ilona kramte einen Schlüssel aus ihrer Handtasche und öffnete zu meiner Verblüffung das Tor mit einer einfachen Drehung.

Ich konnte mir in diesem Moment keinen Reim darauf machen, wie die beiden einen Schlüssel zu einem Tor hatten, das ihnen den Zugang zu einem Haus öffnete, von dem sie anscheinend nicht einmal wussten, wie man dort hingelangt.

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