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Click hereDie Seele dieses Feuers ist eine wilde und unstete, es breitet sich so schnell wie möglich aus, kommt es in die Reichweite neuer Nahrung übernimmt es diese um wachsen zu können. So hat es eine enorme zerstörerische Kraft, da man es nicht mehr kontrollieren kann, ist es einmal ausgebrochen, ist die einzige Möglichkeit, es zu stoppen, seine Lebensgrundlage zu nehmen: Die Hitze, die Nahrung oder Luft zum Atmen. Deshalb löscht man solche Feuer mit Sand oder Wasser.
Die zweite hat ein wesentlich komplexeres Wesen und ist für viele schon nicht mehr nachvollziehbar. Du hingegen hast es schon erlebt, es sollte dir also bereits bekannt sein. Erinnerst du dich, wie du mich gefragt hast, ob es Magie sein, als ich dich umarmt habe? Dies war der Auslöser für diese Art des Feuers, meine Berührung war der auslösende Funken, der es entfacht hat.
Es ist weder sichtbar, noch für Außenstehende fühlbar, an seiner Hitze kann man sich nicht verbrennen, sei es noch so groß und umfassend. Auch hier ist das Feuer der Liebe nicht nur ein Sprichwort, sondern es ist real, eine Flamme, die man in sich tragen kann, man beschützt sie und wärmt sich an ihr, denn seine Seele ist eine einfühlsame und behütende.
Es breitet sich von sich aus oder hinterlässt einen Aschehaufen, sein Nährstoff sind die Gefühle eines anderen, seiner Liebe. Lässt man sie zu und empfängt sie, so wird dieses Feuer größer und breitet sich aus, denn der Andere hat ihm eine Grundlage zum Leben gegeben. Es geschieht oft unbewusst, doch die Auswirkunken dieses Prozesses sind nachhaltig spürbar.
Wie jedes Feuer braucht es jedoch stetigen Nachschub an Nährstoffen, sodass es kleiner und kleiner wird, je weniger von diesem da ist. Das Feuer erlischt, wenn die Liebe erloschen ist, denn dann fehlen auch die ehrlich geteilten Gefühle und Empfindungen, der Nährstoff wird ihm entzogen."
„Kannst du mir beibringen, wie man es entfacht?"
Seine Erzählung hatte sie für einen Moment wieder in ihre Kindheit zurückversetzt, in die Zeit, in der sie stundenlange Vorträge von den älteren Frauen zu hören bekommen hatte. Sie hatte sich oft gelangweilt und hatte nicht richtig zugehört, es gab damals viel interessantere Sachen zu tun, wie zum Beispiel im Wald verstecken spielen.
Je älter sie geworden war, desto seltener aber auch umfangreicher wurde diese Art von Lehrstunden. Sie hatte nur dann zugehört, wenn sie sich dafür interessiert hatte, bei dem Großteil jedoch hatte sie einfach nur dagesessen, mit den Gedanken an einem anderen Ort.
Erst jetzt fiel ihr auf, dass sie ihn einfach unterbrochen hatte und er sie nun unentwegt ansah. Er hatte ihr wohl angesehen, dass sie ihm sowieso nicht wirklich zugehört hätte, wenn er sofort geantwortet hätte. Sie formte ihre Lippen zu einer Entschuldigung, doch ein kaum merkliches Kopfschütteln von ihm unterband dies. Stattdessen sah er sie einfach nur ruhig an und betrachtete sie.
„Manchmal habe ich das Gefühl, in deinen Augen würden sich all deine Gedanken widerspiegeln. Ich habe noch nie jemanden gesehen, dessen Empfindungen so verschlossen wirken und doch ehrlicher als irgendwie anders möglich zu Tage treten."
Seine Stimme war sanft, und obwohl sie ihn seitlich ansah, hatte sie kaum gemerkt, dass er angefangen hatte zu sprechen. Die Worte umspielten ihren Gedanken, ließen sie schweben und entfachten wieder dieses Feuer in ihr, welches ihr Wärme und Geborgenheit schenkte.
„Du kannst es bereits, ich habe dir doch etwas über das Band der Liebe erzählt. Zu diesem gehören immer zwei, du musst nur an deine Macht glauben."
„Wie?", fragte sie zaghaft, „Wie kann ich daran glauben, wenn ich es noch nie geschafft habe? Woher weiß ich, dass ich es entfacht habe?"
„Es ist Magie. Glaube an dich und deine Fähigkeiten, dann wirst du es spüren."
Er zog sie so zu sich, dass sie nun auf seinem Schoß saß, mit dem Rücken zu ihm, sodass ihr Kopf weiterhin auf seiner Schulter lag. Ihr Blick war zum Himmel gerichtet, sah in die unendliche Weite und verlor sich darin. Er hatte die Arme über ihre Schultern gelegt, seine Hände trafen sich mit ihren in ihrem Schoß. Wie zufällig ließ er kurz einen Daumen zwischen ihre Beine wandern, doch als sie ihre Hand kaum merklich bewegte, um ihm leichter Zugang zu gewähren, zog er ihn unvermittelt zurück.
Sie drückte sich ein wenig fester an ihn, sodass sie in ihrem Rücken seine kräftigen Muskeln spüren konnte. Ja, sie war abhängig von ihm, ohne seine Anwesenheit würde sie sich in der sie umgebenden Dunkelheit verloren fühlen. Er gab ihr den Halt, den sie brauchte, die Wärme, nach der sie sich sehnte, Vertrauen, welches sie beschützte, vor den bösen Geistern in ihr und ein Stück weit auch von der Welt selbst. Wünscht sich nicht jeder ein wenig innere Ruhe und Zufriedenheit?
Langsam schloss sie ihre Augen und konzentrierte sich auf jede einzelne Bewegung, die von ihm ausging. Sie spürte, als er seine Hände ein ganz kleines bisschen fester um die ihren schloss, das dumpfe Schlagen ihrer Herzen beherrschte die Nacht. Vorsichtig drehte er seinen Kopf ein wenig, sie spürte, wie er von ihr genauso berauscht schien, wie umgekehrt sie von ihm.
Instinktiv hob sie ihren Kopf ein wenig an, sodass sie seinen ertasten konnte, einfach nur dadurch, dass sie die Wärme spürte, die von ihm ausging. Sie wusste, wie ihre Haare sein Gesicht umspielten, dass er ihren Duft wie eine Droge inhalierte, in eine andere Welt abhob, in der sie sich so lieben konnten ,wie sie wollten, in eine Welt, in der es kein anderes Lebewesen gab, nur sie beide und ihre Liebe.
Sie spürte einen Kuss in ihrem Nacken, es elektrisierte ihre Muskeln, wie ein Blitz der sie durchfuhr, jedoch ein sehsüchtiges Gefühl nach einer weiteren Berührung hinterließ. Sie drückte ihm ihren Nacken entgegen, forderte ihn dazu auf, auf keinen Fall aufzuhören. Sein Körper war ihr Schutzschild, ihrer war seines.
Der zweite Kuss zerbrach alle Wände, die sie noch getrennt hatten, überwand jegliche Hürde und berührte direkt ihre Seele. Sie brannte wie der hellste Stern am Himmel, ihr Feuer hätte die Kraft gehabt, ein ganzes Dorf zu wärmen, bis in jeden Winkel. Es war nicht länger ihr eigenes Feuer in der Seele, es gehörte ihnen beiden, sie würden sich für immer gemeinsam daran wärmen können.
Als er den Kuss wieder löste, wusste sie irgendwoher, dass er einen Teil des Feuers behalten hatte, einen kleinen Teil von ihr hatte sie ihm mitgegeben, weil dieser Teil die Macht hatte ihn zu wärmen und zu beschützen. Von nun an würde sie für immer bei ihm sein, ein Teil von ihr gehörte nun ihm.
Langsam löste er sich von ihr, stand auf und ging in Richtung des Zelteingangs. In ihr blieb ein Teil seines Feuers zurück, wie beim ersten Mal, als er ihr die Wärme geschenkt hatte. Sie hatte es wirklich geschafft, auch in ihm das Feuer zu entfachen, genau wie er gesagt hatte. Es war Magie, jedoch eine Form, von dessen Existenz sie erst jetzt erfahren hatte. Etwas Schöneres hätte er ihr nicht schenken können.
Sie musste nicht fragen, wohin er ging, sie wusste es bereits: Die Wache für die Nacht würden sie sich wieder teilen und sie übernahm wie letzte Nacht die erste. Die letzten Minuten hatten das Band der Liebe zwischen ihnen stärker gemacht, als sie es jemals für möglich gehalten hätte, sie wusste, was er dachte, ohne ein einzelnes gesprochenes Wort.
Es gab etwas, das sie heute verstanden hatte, etwas, mit dem sie in Frieden die Wache überstehen würde: Ein Magier war jemand, der seine Umwelt besser verstand als jeder Andere, jemand, der sich die äußeren Gegebenheiten zu Nutzen machte. Genau das hatte sie getan, sie hatte ihre Liebe ausgenutzt, um Quinn Wärme und Geborgenheit zu schenken, in diesem Sinne konnte auch sie Magie anwenden.
VII.
„Die Nacht ist der ewige Beschützer der Welt, der Ausgleich zum Tag und die Stille. Sie bietet Schutz und Zeit zum Nachdenken, einen Platz für Gedanken und sich selbst. Die Dunkelheit ist das Gegenteil zum Licht, in den Schatten liegen mehr Geheimisse, als wir uns vorstellen könnten. Die dunkle Hälfte des Tages bietet einen Raum für Sehnsüchte und für Traurigkeit, ohne diese keine Freude existieren würde. Nichts geschieht ohne Grund, nur sehen wir ihn meistens nicht."
Quinn schlug das Buch zu, es wäre besser gewesen, es gar nicht erst hervor zu kramen. Einer seiner alten Meister hatte ihm diese Abschrift geschenkt, weil er es in seiner Kindheit so gemocht hatte. Damals hatte er jedoch nie wirklich in dem Buch gelesen, sondern einfach nur stundenlang auf den kunstvoll verzierten Einband gestarrt.
„Almanach des Lebens" war dort in goldener, verschnörkelter Schrift in das Leder eingelassen, darunter prangte ein Wappen mit unzähligen Linien, winzig kleinen Figuren und Symbolen.
Einige Wenige davon kannte er, die Symbole für Feuer, Heilung, Wind, Erde und einige andere hatte er während seines Studiums gelernt. Diese waren aber nicht einmal ein Zehntel all dieser Linien, in seinem ganzen Leben war er stets auf der Suche nach der Bedeutung all dieser Zeichen gewesen. Ab und zu fand er jemanden, der die Bedeutung eines weiteren kannte, er wurde das Gefühl nicht los, dass sich für jemanden, der all diese Zeichen kannte und zu entschlüsseln wusste, in diesem Buch eine unvorstellbare Macht versteckte, die groß genug war, alles zu zerstören oder zu erschaffen.
Heute Nacht, als Daria ihn geweckt hatte um selbst ein wenig Schlaf zu bekommen, hatte er das Gefühl gehabt, er würde ein weiteres jener Symbole zuordnen können. Die Passage über die Nacht hatte er schon unzählige Male gelesen, nach einem Zeichen für die Nacht auf dem Einband gesucht und erfolglos aufgegeben. Die Nacht selber war nicht darauf verzeichnet, weil sie nur die Konsequenz aus einem viel umfassenderen Sachverhalt war: Jedes Ereignis hat sein Gegenteil, alles seinen von Natur aus bestimmten Partner. Wie das Wasser zum Feuer gehört, so wie der Tod zum Leben gehört, so gehört die Nacht zum Tag.
Vorsichtig fuhr er mit den Fingerspitzen über den Einband, wie von selbst blieben seine Finger an einer bestimmten Stelle stehen. Er musste sie nicht anheben, um zu wissen, was sich darunter befand, viel zu lange hatte er das Buch bereits, als dass er nicht den Einband allein aus dem Gedächtnis nachzeichnen könnte. Ein Kreis aus einer feinen Linie befand sich darunter, in der Mitte durch eine geschwungene Linie in zwei Hälften geteilt.
Auf der Einen Seite befand sich das Symbol für Leben und Reinheit, aber auch Vergänglichkeit und Bestrafung: Wasser. Auf der anderen Seite befand sich das vermeintliche Gegenteil, das Symbol für Zerstörung und Zwietracht, aber auch Wärme und Licht: Feuer. Beide Teile vereinten in sich bereits die Zwietracht von gegensätzlichen Bedeutungen, bildeten miteinander jedoch gleichzeitig Ergänzung und Gegenteil, eine bessere Kombination hätte der Zeichner nicht wählen können.
Er lächelte leicht, wirklich jeder noch so unbedeutend aussehende Schnörkel hatte in diesem Werk eine Bedeutung, das wurde ihm immer öfter vor Augen gehalten. Er fragte sich, ob es nicht in Wirklichkeit nur ein wunderbares Kunstwerk war, was ein genialer Zeichner auf den Einband gebannt hatte, aber sein Gefühl sagte ihm etwas anderes. Selbst die zufällig scheinende Anordnung der Symbole hatte eine genau definierte Bedeutung, es konnte sich nicht um bloßen Zufall handeln.
Die Sonne erschien langsam am Horizont und warf ihr goldenes Licht auf den Lagerplatz. Wieder einmal hatte er die gesamte Nacht hier gesessen, in ein Buch vertieft, welches er schon längst auswendig kannte. Vielleicht würde irgendwann einmal die Zeit kommen, in der das letzte Symbol sein Geheimnis offenbarte und dann würde er Antworten bekommen, bis dahin blieb es eine wahrscheinlich sinnlose Beschäftigung.
Mit einer schwerfälligen Bewegung erhob er sich, seine Muskeln waren durch das lange, beinahe bewegungslose Sitzen ein wenig verkrampft. Noch ein wenig unbeholfen drehte er sich in Richtung Zelteingang, um Daria zu wecken und wäre dabei fast mit ihr zusammengestoßen. Vollkommen ruhig hatte sie hinter ihm gestanden, er hatte sie weder kommen gehört, noch hatte sie ihre Anwesenheit durch irgendetwas verraten.
Sie lächelte, ihren Blick immer noch auf die Stelle gerichtete, an der er zuvor gesessen hatte.
„Guten Morgen Quinn!"
Es dauerte einen Moment, bis er sich gesammelt hatte, was auch damit zusammenhing, dass er die Zeichen auf dem Buchdeckel nicht aus dem Kopf bekam. Statt ihr zu antworten gab er ihr einen langen Kuss, er sagte sowieso mehr als Worte.
Es war immer wieder etwas Besonderes, ihre Lippen auf seinen zu spüren, ihren Duft einzuatmen, scheinbar von hier fliehen zu können, in die Welt der Träume. Daria war mehr als etwas Besonderes, sie war einzigartig, jemand, der ihm mehr schenkte, als er es sich je hätte vorstellen können. Sie hatte die Augen geschlossen und doch schienen daraus Funken zu fliegen, Funken jenes Feuers, das sie auch in ihm entfachte.
Am letzten Abend hatte er das Gefühl gehabt, dass sie mehr gelernt hatte, als er erzählt hatte. Als er damals als Kind vom Feuer erzählt bekommen hatte, war ihm seine Natur lange unverständlich gewesen, es hatte Jahre gedauert, bis er es als beinahe lebendiges Wesen begriffen hatte. Sie hingegen hatte das Feuer der Liebe an einem einzigen Abend zur Meisterschaft gebracht. Sie hatte es schon vorher gekonnt, aber mit dem Vertrauen auf die eigenen Fähigkeiten fühlte es sich wirklich wie eine übernatürliche Kraft an. Die Quelle ihrer Kraft schien unendlich, ihr Geschenk von unschätzbarem Wert.
„Wir sollten uns auf den Weg machen, vielleicht schaffen wir es bis heute Abend nach Arensfurt."
Ganz sanft hatte sie sich von ihm gelöst, ihr Blick besagte jedoch, dass er auf dem Weg noch viel würde erzählen müssen, gestern hatte er noch einiges weggelassen. Wieder blitzte kurz der Gedanke an Aileen auf, auch diese Geschichte hatte er noch nicht zu Ende erzählt, aber es fühlte sich im Moment einfach unpassend an, sie fortzusetzen. Er wollte Darias Nähe genießen und sich nicht mit dem Gedanken an Aileen beschäftigen. Dennoch, er wusste, dass es so lange an ihm nagen würde, bis er ihr alles erzählt hatte. Irgendwann würde er den Mut dazu finden.
Gemeinsam bauten sie das Zelt ab und aßen nur das Nötigste ihrer Rationen. Dadurch, dass sie mit heute den dritten Tag ohne das Sammeln von Früchten oder Jagen auskommen mussten, sollte es wenigstens noch für die nächsten beiden Tage genügen, falls sie heute Arensfurt doch nicht erreichen würden und ihre Vorräte nicht auffüllen konnten.
Im Gegensatz zum Vortag war die Stimmung jedoch längst nicht so angespannt, obwohl letzten Endes die Macht der stärksten Magie der Welt Alles noch zum Guten gewendet hatte. Immer wieder tauschten sie einen flüchtigen Kuss, er wurde süchtig danach. Jede scheinbar zufällige Berührung schickte eine warme Welle durch seinen Körper, alles schien neu und aufregend, er fühlte sich wieder wie ein Junge, als er und Aileen... Er schüttelte leicht den Kopf, warum musste sie immer wieder in seinen Gedanken auftauchen?
Es war schlicht ungewohnt, auf einmal so vertraut mit Daria umzugehen, quasi innerhalb eines Tages war sie mehr geworden, als jeder Andere es je gewesen war. Noch vor gut zwei Tagen hatte er sie kaum gekannt, als er so völlig aus heiterem Himmel seine Lebensgeschichte vor ihr ausgebreitet hatte. „Deine Vergangenheit formt dich, sie ist dein eigener Beitrag zur Geschichte der Welt" hatte einer seiner Lehrmeister einmal zu ihm gesagt, er hatte Recht behalten.
Kaum war die Sonne vollständig am Horizont zu sehen gewesen, hatten sie sich wieder auf den Weg gemacht, ihr vorläufiges Ziel hieß Arensfurt. Ihm fielen seine Bedenken von gestern wieder ein, immer noch war kein einziger Mensch zu sehen. Es konnte aber auch einfach bedeuten, dass sich im Moment niemand auf dem Weg befand, diese Gegend war immerhin nicht allzu stark besiedelt. Er nahm sich vor, diesen Gedanken vorerst zu vergessen und die Reise mit Daria zu genießen.
Gibt es etwas Wertvolleres als endloses Vertrauen, grenzenlose Möglichkeiten durch einen Menschen, dessen Leben um ein vielfaches wertvoller scheint als das eigene? Seit Urzeiten wünschten sich die Menschen fliegen zu können, viele waren bei hilflosen Versuchen ums Leben gekommen, niemand hatte es verwirklichen können. Dabei war es doch so einfach, wenn man erst einmal verstanden hatte, dass man diesen Traum nicht alleine realisieren kann. Aber mit vereinten Kräften kann man es schaffen, Daria erinnerte ihn in jeder Sekunde daran. Fast wie damals Aileen....
*****
Aileen -- wieder und wieder tauchte ihr Bild in seinem Kopf auf, dabei hatte er doch früher schon viel mehr Abstand gewonnen gehabt, als er Daria noch nicht gekannt hatte. Damals war er auch allein gewesen, ohne einen Menschen, dem er vertrauen konnte, aber nur ganz selten hatte er an sie gedacht, es war ein abgeschlossenes Kapitel in seinem Leben gewesen. Nun wirkte alles wieder frischer als je zuvor. Ihre Gestalt tauchte immer wieder auf, als Abbild des Moments, als sie sich das letzte Mal gesehen hatten, vor vielen Jahren...
Er versuchte, ihr Bild wieder aus seinem Kopf zu verbannen, doch es gelang ihm nicht einmal ansatzweise. Beinahe schien es, als würde sie sich in seinen Gedanken festkrallen, als wäre sie es und nicht er, der darüber entschied. Alte Lektionen fielen ihm ein, wie man Gedanken dieser Art vertrieb, Stück für Stück errichtete er in seinem Kopf ein endloses, sich immer wieder veränderndes Labyrinth, gab seine Bemühungen jedoch sofort wieder auf, als er spürte, wie das Bild von Aileen scheinbar dagegen ankämpfte.
Es war genau das gleiche Gefühl, wie wenn jemand versucht in den eigenen Gedanken herumzuwandern. Woher kam es? Warum Aileen, sie war wahrscheinlich hunderte Kilometer von ihm entfernt. Sein Vertrauen zu Aileen war über all die Jahre geblieben. Statt sie nun vertreiben zu wollen, konzentrierte er sich auf ihr Bild, sie wurde zu einer wabernden Gestalt, wie im Nebel. Ihre Lippen bewegten sich, doch er konnte nichts hören, sie kaum erkennen.
Ärgerlich versuchte er sie zu vertreiben, dies hier war weder der richtige Ort, noch die richtige Zeit. Er hatte Daria, und mit ihr mehr, als er jemals wieder zu hoffen gewagt hatte. Ein wohliges Gefühl breitete sich in ihm aus, als er an ihren Kuss von heute Morgen dachte. Es war nur ein kurzer Augenblick, aber er befreite ihn, gab ihm Sicherheit. Doch die Dämonen der Vergangenheit vertrieb man nicht so einfach, sie würden wieder kommen.
Das Bild in seinem Kopf wurde von einem dunklen Schleier überzogen, nur durchbrochen von einem einzigen Lichtstrahl, der gerade genug war, um Aileens Gesicht und einen Teil ihres Oberkörpers zu beleuchten. Sie war nichts weiter als eine schwebende Gestalt, eine dunkles Wesen ohne feste Form oder Körper, das sich in seinem Geist eingenistet hatte.
Alles schien unwirklich, doch so sehr er sich auch bemühte, sie verschwand nie ganz. Langsam bekam er ehrliche Angst, das was er gerade erlebte waren entweder heftige Halluzinationen oder eine Macht, der man nur mit äußerstem Respekt begegnen sollte. War es wirklich sie, oder vielmehr ein Produkt seiner Gedanken?
Nein, er hatte nur das Grab seiner Vergangenheit wieder aufgebrochen, der dicke Stein, mit dem er es verschlossen gehalten hatte, war nun verschwunden. Damals hatte das Schicksal seine eigenen Pläne gehabt, hatte eine wunderbare Zeit viel zu schnell beendet. Sie hatten es gewusst, immer wieder hatte er sich daran erinnert. Er hatte kein Recht, über etwas zu klagen, was schon lange vorher für ihn bestimmt gewesen war.
Wie um sich zu vergewissern, dass sie noch da war, griff er nach Darias Hand, die wie er schweigend der Sonne entgegen lief. Sie war sein letzter Halt -- hoffentlich für immer.
Kaum hatte er auch nur an Daria gedacht, verschwand Aileens Gestalt, nur ihre letzten Worte blieben wie in seinem Kopf geschrieben vor seinen Augen stehen. Erst jetzt fiel ihm auf, dass er völlig unbewusst Darias Hand fest in seiner hielt, sodass seine Knöchel beinahe weiß erschienen. Er fühlte sich als würde er durch Nebel laufen, wie nach einer langen Nacht mit starkem Bier, aber er hatte keine Kopfschmerzen. Langsam lockerte er seinen Griff, versuchte sich ein Bild von seiner Umgebung zu machen. Er und Daria befanden sich auf der Straße, natürlich, sie waren schließlich heute Morgen aufgebrochen.