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Click hereEr sah zu Daria, sie hatte ihr Gesicht ebenfalls ihm zugewendet, ihr Anblick vertrieb die Angst, die ihm seine Vision, oder was immer es auch gewesen war, eingeflößt hatte. Sie hatte einen fragenden Blick aufgesetzt, vor ihr konnte er nichts verstecken. Ihre Anwesenheit allein war Heilung genug gewesen, trotzdem bekam er Aileen nicht aus dem Kopf. Vielleicht war es besser Daria davon erzählen, sie würde ihm helfen, so wie sie es schon immer getan hatte, seitdem sie sich kannten. Vorher würde er ihr jedoch die ganze Geschichte von Aileen erzählen, wenn sie denn wollte. Es war hoffentlich das Richtige.
Er gab ihr einen kurzen Kuss auf die Lippen, es genügte zum Glück, wieder ein Lächeln auf ihr Gesicht zu zaubern. Seit er sie kennen gelernt hatte, schien ihr Lächeln die Fähigkeit zu haben, alle Sorgen mit einem Mal wegzuwischen und für unwichtig zu erklären. Es setzte ein wunderbares Gefühl in ihm frei, welches nur sie erzeugen konnte, sie allein und niemand Anderes.
„Du hast gestern nicht fertig erzählt..."
Ihre Stimme durchdrang die Stille, schien wie auf einem Lufthauch zu ihm zu schweben. Alles an ihr war magisch, die Freuden einer frischen Liebe. Sie drängte die letzten Minuten für einen Moment einfach zu Seite, wie um zu beweisen, dass sie das Wertvollste auf der Welt war.
„Welche von beiden Geschichten willst du hören? Die des Feuers oder die aus meiner Akademiezeit?"
„Das Feuer ist eine Geschichte? Ich dachte, es wäre gestern mehr eine Lehrstunde gewesen?"
Ihre Stimme war hell und klar, das ein wenig ironisch wirkende Lächeln auf ihren Lippen komplettierte den Eindruck, dass sie eigentlich mit ihm spielte. Sie wollte nicht wissen, was er gelernt hatte, sondern was er darüber dachte, wollte alles von ihm erfahren, als wären es seine eigenen Worte.
„Also gut, es tut mir leid, dass ich gestern einfach aufgehört habe, dir von Aileen zu erzählen, obwohl ich es versprochen hatte..."
Er musste ihr die Geschichte sowieso erzählen, erst dann konnte er sie fragen, ob sie schon einmal davon gehört hatte, dass längst verblichene Erinnerungen plötzlich wieder auftauchen und Personen, die man seit Jahren nicht mehr gesehen hatte, auf furchteinflößende Weise um Hilfe rufen. Bevor sie ihn wieder auf andere Gedanken brachte, begann er:
„Nach einer mir unbekannten Zeitspanne, nachdem wir uns gegenseitig geistig zermürbt hatten und schließlich eingeschlafen waren, wachte ich neben Aileen auf. Auch wenn ich mich nicht erinnern konnte, so war ich doch der festen Meinung, mich in mein eigenes Bett gelegt zu haben. Warum ich unser endloses Duell nicht endlich beendet habe, weiß ich nicht, fest steht, ich habe es nicht getan.
Völlig von der unerwarteten Situation überrumpelt blieb ich einfach liegen und betrachtete sie im Schlaf. Andere in meinem Alter rannten Tag und Nacht den Mädchen hinterher, der ein oder andere prahlte, dass er bereits eine rumgekriegt hätte. All diese Berichte waren fast ausnahmslos gelogen, doch für sie wäre es zwar ungewöhnlich, aber längst nicht so verstörend wie für mich gewesen, neben einem Mädchen aufzuwachen.
Ich hatte mein ganzes Leben dem Studium gewidmet, die letzten Jahre war ich allein gewesen, ich hatte niemanden, der mich unterstützte, mir Mut machte. Aileen war eine Konkurrentin gewesen, weder sie noch ich wussten überhaupt, wie echte Freundschaft aussieht. Das Einzige, was ich wusste, war, dass meine alten Freunde wahrscheinlich keine Minute hätten verstreichen lassen, bevor sie versucht hätten, aus der Situation noch deutlich mehr zu machen.
Ich war 16, lag neben einem nur mit einem Nachthemd bekleideten Mädchen und hatte nicht die geringste Ahnung, wie ich in diese Situation geraten war. Gerade, als ich darüber nachdachte, was ich tun konnte, öffnete sie auf einmal die Augen, blickte mich unvermittelt an. Statt jedoch, wie ich erwartet hatte, wütend aus dem Bett zu springen, begrüßte sie mich mit einem simplen „Guten Morgen!"
Sie blieb völlig ruhig, sah mich einfach nur an und ließ jeglichen Widerstand in mir brechen, ich konnte sie nicht länger als meine ewige Konkurrentin sehen. Ohne ein einziges Wort hatten wir beide schweigend unseren Kampf für beendet erklärt, wir verstanden uns, ohne etwas zu sagen. Von diesem Augenblick an waren wir Freunde.
„Draußen ist es dunkel, der Morgen dauert noch einen Moment..."
Zum ersten Mal achtete ich nicht auf jedes einzelne Wort, was ich zu ihr sagte, sondern ließ es einfach geschehen. Wir waren keine Gegner mehr, wir waren Freunde, da tat man so etwas nicht. Ich fühlte mich frei und gelöst, sie war es jedoch schließlich, die das Problem aussprach:
„Ich will nicht mehr tagelang in deinem Geist umherirren, ich kann nicht mehr. Lass uns das ganze einfach beenden, in Ordnung?"
Ich nickte, auch ich verspürte nur noch den Wunsch, endlich wieder frische Luft atmen zu können, dieses Zimmer nie mehr wiedersehen zu müssen. Der Raum war, egal wie riesig er im Grunde genommen angelegt war, eine Art Gefängnis geworden, wir hatten verstanden, dass wir nur gemeinsam aus ihm ausbrechen konnten.
Ich glaube es war das erste Mal, dass wir nicht versucht haben gegeneinander zu arbeiten, als wir unseren Ausbruch planten. Die großen Flügeltüren waren selbstverständlich abgeschlossen und genau wie das große Kuppelfenster gegen Magie aller Art geschützt. Schließlich wurde der Raum auch für magische Duelle anderer Art genutzt, es kam vor, dass Feuerbälle in der Größe eines Elefanten abgeschossen wurden, Blitze auf die selbst der Gott des Donners neidisch wäre oder einfach Lichtstrahlen, die die Sonne vor Neid erblassen ließen. Zugegeben, mindestens die Hälfte hatten keine wirkliche Kraft und dienten hauptsächlich dazu, Eindruck zu erwecken, aber es konnte immer etwas schief gehen.
Mit Magie konnten wir uns also nicht behelfen, an eines hatten unsere Lehrmeister jedoch scheinbar nicht gedacht: Sie hatten, um für unsere körperliches Wohl zu sorgen, eine kleine Nebentür ungesichert gelassen, die sich zwar nur von außen öffnen ließ, aber ein Schlüsselloch fand sich immer. Eigentlich ist es nur ein Jahrmarktstrick, kleine Gegenstände aus der Entfernung zu bewegen und viel Kraft kann man damit auch nicht aufbringen, mit vereinten Kräften, oder besser gesagt mit vereinter Magie, gelang es uns jedoch, die Klinke auf der anderen Seite weit genug nach unten zu drücken, sodass die Tür aufschwang.
Euphorisch, selbst unsere Lehrer ausgetrickst zu haben freuten wir uns zusammen wie kleine Kinder, rannten in unserer neu gefunden Einigkeit hinaus auf einen der großen Balkone, um die Freiheit zu genießen. Wir legten uns auf den kalten Steinboden, zählten die Sterne und merkten in unserem Übermut nicht, wie sich alle unsere Lehrmeister hinter uns versammelten.
Erst als ich aufstand und mich zufällig umdrehte, weil ich einen Schmetterling beobachtete hatte, sah ich sie. Vor Schreck wäre ich beinahe über die Balkonbrüstung gefallen, aber diese war zum Glück hoch genug, sodass ich mir an diesem Tag nur einen blauen Fleck holte. Mein Gesichtsausdruck muss furchteinflößend gewesen sein, denn als mich Aileen sah, drehte sie sich ebenfalls mit einem angsterfüllten Blick um, ich war reagierte jedoch schnell genug und hielt sie fest.
Es war völlig reflexartig geschehen und erst einige Sekunden später wurde mir bewusst, was ich dort eigentlich tat. Sie lag regelrecht in meinen Armen, ich hielt sie umklammert, als ginge es um mein eigenes Leben. Aileen hat es mir nie geglaubt, aber ich habe damals wirklich nicht bemerkt, dass sie nach eigener Aussage versucht hat, mir einen dankbaren Kuss auf die Wange zu geben, als sie sich löste. Es wurde zu einer kurzen Umarmung. Ich bemerkte nur ein erstauntes Heben der Augenbrauen bei unseren Lehrern.
Schließlich löste Meister Heralion das Geheimnis auf:
„Herzlichen Glückwunsch, ihr habt die Prüfung erfolgreich abgeschlossen. Ich bin stolz, euch meine Schüler nennen zu dürfen!"
Unsere Gesichter waren ein Ausdruck purer Verwunderung und Ratlosigkeit. Hieß das, wir bekamen keine Strafen, weil wir gegen unsere Aufgabe gehandelt hatten? Meister Heralion nahm sich ein Herz und erklärte es uns:
„Ihr beide seid mit euren Fähigkeiten schon weit über das normale Maß, welches man in eurem Alter haben sollte fortgeschritten, deshalb gaben wir euch eine Aufgabe, die ihr nicht lösen konntet, aus zwei Gründen:
Erstens ist es wichtig, die eigenen Grenzen zu erfahren, nur weil man sich als ein mächtiger Magier oder eine mächtige Magierin bezeichnet, heißt das noch lange nicht, man könne alle Probleme mit seiner Kraft lösen.
Der zweite Grund ist jedoch um ein vielfaches wichtiger und der eigentliche Anlass, für euer Martyrium: Uns ist nicht entgangen, dass ihr einen kaum noch zu bremsenden Ehrgeiz entwickelt, wenn ihr gegeneinander antretet, euer Ziel war es stets nur, besser zu sein als der jeweils andere. Natürlich hat man im Leben viele Rivalen, ihr musstet aber lernen, dass Rivalität zwar beflügeln kann, am Ende jedoch beiden Seiten nichts außer Schmerz bleibt, niemand hat etwas davon. Ihr habt gelernt, miteinander zu arbeiten, das war eure eigentliche Prüfung."
Von diesem Moment an waren wir, wie gesagt, Freunde. Vielleicht nicht im konventionellen Sinne, wir spielten nicht mit den anderen, trafen uns nicht abends nach der Ruhezeit heimlich in unseren Zimmern, sondern übten zusammen neue Zauber und trieben sie bis zur Perfektion, besonders im Fach Heilung waren unsere gemeinsamen Erfolge bald an der ganzen Schule bekannt.
Wir hatten es irgendwann wirklich geschafft, einen Toten wieder in Leben zurück zu rufen. In Wirklichkeit war er noch nicht tot gewesen, nur in einem todesähnlichen Zustand, aber wir hatten schließlich einen Ruf zu verlieren und erzählten überall diese Version. Seitdem wir aufgehört hatten, uns gegenseitig aufzuhalten, kamen wir beide in den nächsten beiden Jahren den Schülern kurz vor ihrem endgültigen Abschluss so nahe, dass selbst diese sich nicht mehr trauten, allzu viele Späße über uns zu machen.
Wir waren beide so auf unsere magischen Fähigkeiten konzentriert, dass wir quasi nur nebenbei älter wurden. Aileens 18. Geburtstag kam, mein Geburtstagsgeschenk bestand aus einem weiteren Lehrbuch. Zugegeben, es war ein ziemlich wertvolles, bei dem viele Bibliotheken einiges tun würden, um es in ihren Bestand aufnehmen zu können, aber es ist wohl kaum ein typisches Geschenk zu dem Geburtstag, an dem Aileen offiziell von einer Jugendlichen zur Frau wurde.
Wenig später wurde auch für mich eine Feier zum Eintritt ins Mannesalter veranstaltet, wir beide gehörten zu den ersten, die die Feier verließen, weil am nächsten Tag eine Prüfung anstand. Ich weiß, es klingt seltsam, aber ich würde sagen wir waren damals glücklicher als jeder andere in unserem Alter, weil wir mit uns zufrieden waren. Wir „arbeiteten", wie wir es damals spaßeshalber nannten, zusammen und waren in den meisten Bereichen schon über die endgültigen Lernziele weit hinaus. Es fehlte uns in diesen zwei Jahren an nichts...
Es brauchte wieder einen ganz besonderen Moment, der uns beide am Ende mehr veränderte, als wir ahnten.
Ich war am Morgen wie üblich mit der Sonne aufgestanden, machte mich für den Unterricht fertig und wartete auf Aileen. Es hatte sich so ergeben, dass wir uns stets gemeinsam auf den Weg machten, mittlerweile waren wir beinahe den ganzen Tag nur zusammen anzutreffen, nur in der Nacht blieb jeder in seinem eigenen Zimmer. Die Geschichten, die überall in der Schule über uns erzählt wurden, überhörten wir einfach. Ich wartete, aber sie kam nicht, so etwas hatte sie noch nie getan.
Besorgt klopfte ich an ihrem Zimmer an, ein schwaches „Herein" war von innen zu hören. Innen bot sich ein halbes Bild des Schreckens: Das Zimmer war aus irgendeinem Grund völlig verwüstet, Aileen lag in der Mitte des Raumes auf dem Boden, das Gesicht tränenüberströmt. Zum Glück schaffte ich es noch, die Tür hinter mir wieder zu verschließen, ansonsten wären nur dumme Fragen von den Anderen gekommen.
„Was um alles in der Welt ist passiert?", brachte ich hervor.
Ich weiß nicht, woher ich die Geistesgegenwart genommen habe, aber anstatt mich zu ihr zu setzen räumte ich ihr Bett einigermaßen frei, sodass man sich wieder darauf legen konnte, ohne sich weh zu tun. Ich hob sie vom Boden hoch und trug sie zum Bett, so wie Helden in Geschichten Prinzessinnen retten.
Vielleicht war sie in dem Moment auch meine Prinzessin...
„Ich...", stammelte sie, nicht fähig einen kompletten Satz zu bilden.
„Ich habe einen schrecklichen Fehler gemacht... Wahrscheinlich fliege ich aus der Akademie oder werde für immer aus der Stadt verbannt..."
Sie wollte weinen, doch sie konnte es nicht mehr. So schloss sie einfach die Augen, um nichts mehr sehen zu müssen.
Ich hatte immer noch keine Ahnung, was eigentlich passiert war, aber irgendwie fühlte ich, dass sie mich in diesem Moment brauchte. Ich hielt sie immer noch in den Armen, nun drückte ich sie einfach fest an mich. Es war eine Geste, nichts weiter, es würde das, was immer hier passiert war, nicht im Geringsten wieder gut machen, aber es half ihr, sich wieder zu beruhigen.
Als sie wieder die Augen aufschlug und ein wenig gefasster wirkte, wollte ich sie wieder auf das Bett zurücklegen, doch sie hielt sich an mir fest, streckte ihre Hände zu meinem Hals aus und hätte mich wahrscheinlich noch erwürgt, wenn ich mich nicht mit ihr zusammen hingelegt hätte. Später erzählte sie mir, sie hätte es wirklich getan, kein einziger klarer Gedanke war in diesem Moment noch möglich.
Wahrscheinlich ist es seltsam, dass mir genau in diesem Moment auffiel, dass wir uns noch nie so nahe gekommen waren, wenn man von der ersten Nacht absieht, als wir mit 16 in den großen Raum gesperrt wurden, um unsere Grenzen zu erfahren. Mit einem Mal waren wir beide erwachsen, nicht einmal den ersten Kuss hatten wir schon hinter uns. Wir waren Freunde gewesen, nichts weiter, aber jetzt?
Mit weit aufgerissenen Augen lag sie neben mir, glitzernde Spuren von getrockneten Tränen im Gesicht. Was würde passieren, wenn uns jemand so sehen würde, wie wir dicht aneinander gedrückt nebeneinander im Bett lagen? War Aileen wirklich nur eine Freundin, nicht mehr? Die letzten beiden Jahre hatten wir nur die Lehrer während des Unterrichts als moralische Unterstützung gehabt, falls man das so nennen konnte -- und uns. Wir hatten mehr Zeit miteinander verbracht, als die meisten Geschwister, war da wirklich nicht noch ein wenig mehr, als wir uns eingestanden?
Wie von einer äußeren Kraft geführt bewegte ich meinen Kopf ganz langsam zu ihr, bis sich ihr Mund nur noch eine Handbreit von meinem entfernt befand. Ich hatte keine Ahnung, wie sich ein Kuss anfühlt, aber irgendwie schien er für diesen Moment richtiger als alles Andere. Wie um mich zu vergewissern sah ich in ihre immer noch weit aufgerissenen Augen, all meine Gedanken waren innerhalb von Sekunden durch meinen Kopf geschossen.
Ich suchte nach Einverständnis, nach einer Bestätigung, hatte aber keine Ahnung, wie man dies erkennen konnte. Ich glaube, das Spiegelbild in ihren nassen Augen könnte ich noch heute detailgetreu nachzeichnen, wenn ich wollte, aber es würde all die Magie einbüßen, die es für mich in diesem Moment hatte. Ich sah darin das offene Fenster ihres Zimmers, den von der Morgensonne leicht rötlich schimmernden Himmel, meine eigenen Augen, in denen sich wiederum ihr Spiegelbild fand.
Sosehr ich mir dieses Bild einprägte, ich sah eine wunderschöne Frau, aber nicht mehr. Ich fühlte mich in diesem Moment wieder wie zwölf, völlig ahnungslos, ohne irgendeinen Erfahrung, nur aus Büchern kannte ich den ersten Kuss. Dort hatte er völlig unterschiedliche Gründe: Meistens war er wunderschön, manchmal waren die beschriebenen Küsse jedoch auch verletzend, einmal hatte ich gelesen, dass es sich anfühlte, als würde einem die Seele des Todes eingehaucht.
Was konnte ich in diesem Moment glauben? Mein Gefühl schrie danach, endlich die Zweifel zu ignorieren, doch was war mit Aileen? War ich gerade dabei mir ein Fantasiekonstrukt aufzubauen, sodass ich sie nur verletzen würde? Ein Kuss war etwas, was von beiden ausging, oder? Ich wollte so nah bei ihr sein, wie es nur möglich war, darüber war ich mir mittlerweile im Klaren, aber was, wenn ich mich mit meinem Wunsch in einer überstürzten Handlung am Ende unerreichbar weit von ihr entfernte?
Sollte ich ihr sagen, was ich dachte? Konnte ich ihr einfach sagen, dass ich sie liebte? Mit nichts anderem auf der Welt lassen sich solche Gefühle erklären, das glaubte ich zu dieser Zeit jedenfalls noch. Ich spürte ihren Atem in meinem Gesicht, spürte das Pochen ihres Herzens an meiner Brust. Ein kaum spürbarer Luftzug strich über meine Augen, als sie kurz blinzelte. Und wieder einmal war sie es, die meine Starre löste:
Ihre Stimme war nicht mehr al ein kaum hörbares Flüstern, doch für mich waren es beinahe laut in die Welt hinaus gerufene Worte:
„Ich brauche dich, du darfst nicht gehen..."
Sie ließ eine Pause, beinahe wäre ich enttäuscht gewesen, schließlich würde dies auch als Entschuldigung für ihr allzu heftiges Festhalten an meinem Hals gelten. Doch wie so oft sind die einfachsten Worte diejenigen, die am Ende die größte Wirkung haben.
„Ich liebe dich."
Der erste echte Kuss des Lebens ist etwas Magisches, hat man ihn erst einmal vergeben, kann man ihn nicht wieder rückgängig machen. Es ist ein kurzer Moment, der einen vom Boden abheben lässt, ein Moment, der selbst in der dunkelten Nacht noch einen weit sichtbaren Lichtschein zu erzeugen vermag. Es spielt keine Rolle, wo und wann man ist, solange man seinem Partner zeigt, dass er der Auserwählte ist.
Ich weiß, dies sind die Worte eines Mannes, der schon viel zu viel erlebt hat, und in diesen Sekunden dachte ich nicht einmal im Entferntesten daran, doch es beschreibt genau das Gefühl, was mich in diesem Moment durchströmte. Schließlich waren wir beide in diesem Sinne Auserwählte, die Liebe des Anderen in Form einer so simplen Geste zu empfangen. Seitdem jedoch war und ist jeder Kuss etwas ganz Besonderes, den man nicht leichtfertig verteilt."
*****
Seine Gedanken schickten ihn in eine längst vergangene Zeit zurück, in eine Zeit, in der noch alles in Ordnung gewesen war. Es fühlte sich an, als wäre er dort, als würde er seine eigene Vergangenheit noch einmal erleben. Er hatte mit dieser wirklich noch nicht abgeschlossen, so oft er auch versucht hatte, sich dies einzureden.
In seiner Fantasie war er wieder 18, alles war wie in seiner Erinnerung: Er lag im Bett von Aileen, sie nur eine Handbreit von ihm entfernt. Der erste Kuss seines Lebens war nur wenige Sekunden her, er fühlte sich wie in einem anderen Universum. Sie war die schönste und verständnisvollste Frau dieser Welt, ihre Zärtlichkeit, als sie sich geküsst hatten, konnte er nicht beschreiben. Alles fühlte sich vollkommen neu an, als wäre er ein Neugeborenes, das zum ersten Mal das Licht der Welt erblickt.
Alles um ihn herum war unwichtig, eine belanglose Kulisse, nur noch Aileen und er existierten. Der zweite Kuss kam beinahe unerwartet, er hatte nicht gemerkt, dass sie wieder ganz nah zu ihm gekommen war. Erst als sich ihre Lippen auf seine legten, wurde er darauf aufmerksam, nahm ihr Geschenk jedoch bereitwillig an. Ihre Lippen waren unglaublich weich, es war als würde er von den Flügeln eines Engels gestreichelt. In diesen Sekunden hielt er diese Möglichkeit definitiv nicht für abwegig.
Wieder trennten sie sich kurz, doch ihre Berührung war wie eine nicht mehr zu bremsende Sucht, eine Droge, von der er beim ersten Mal abhängig geworden war. Ein Atemzug war bereits lange genug, um ihm Angst zu machen, er würde sie nicht mehr an sich halten können. Ein noch so kurzer Augenblick ohne ihre Berührung fühlte sich an wie Stunden des Leidens, wie in den alten Kindergeschichten, die er früher geliebt hatte und nun zu seinem Alptraum wurden: