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Click here„Ich glaub' dein Magier hat schon 'ne Menge Arbeit geleistet", kommentierte Warren wieder einmal seine unausgesprochenen Gedanken.
Bei Gelegenheit musste er ihn mal fragen, wie er das schaffte, jetzt gab es aber wirklich Wichtigeres.
Als sie das erste Haus passiert hatten, konnte man den Dorfplatz erkennen. Es gibt Bilder, die möchte man nie im Leben sehen müssen. Hätte Quinn nicht bereits schon viel zu viele Tote gesehen, um von einigen dieser abgelenkt zu werden, so würde er nun mit Sicherheit ohnmächtig auf dem Boden liegen. Zu seiner Überraschung zeigte Warren jedoch ebenfalls keine Reaktion, er hatte vorhin also nicht übertrieben. Unter den gegebenen Umständen analysierte er kalt die Situation.
Der beißende Geruch war definitiv von dem Fleisch gekommen, welches die Knochen, die mittlerweile blank im Feuer lagen, einmal an sich gehabt hatten. Es waren nicht sonderlich viele, Quinn tippte auf zwei bis drei Opfer. Die anderen lagen fein säuberlich nebeneinander aufgereiht am gegenüberliegenden Ende des Dorfplatzes. Instinktiv ging er zu einem der wie tot daliegenden Körper, und wollte ihm die Augen schließen, als er sah, dass sich der Brustkorb der Frau kaum sichtbar hob.
Er ließ den Blick über die anderen streifen: Allesamt hatten mittelschwere bis schwere Schürfwunden am Körper und waren größtenteils weggetreten, aber soweit er das erkennen konnte, lebten noch fast alle.
„Die meisten sind noch am Leben!", rief er zu Warren hinüber, der den Dorfplatz umrundete, um nach Raqash Ausschau zu halten.
„Ich glaub' wir haben deinem Magier Angst gemacht", sagte er trocken, als er zu ihm kam.
Mit einem Arm deutete er in die Richtung, in der die Straße wieder vom Dorf weg führte.
„Der alte Mann von heute Morgen is' da hinten auf der Straße unterwegs. Ohne seinen Sohn, un' er läuft schneller, als 'n normaler Mensch."
Nun gut, Raqash war also ein weiteres Mal geflohen. Immerhin hatten sie es geschafft, ihn zu unterbrechen, ein paar Opfer hatte es allerdings schon gegeben. Seine Jagd würde also weiter gehen, für immer und ewig. Durch die Macht des Dämons würde er ihn niemals einholen können und musste darauf hoffen, ihn einmal direkt in einem Dorf zu treffen. Immerhin war er ihm diesmal so nahe gekommen wie noch nie und Raquash war feige geflohen, anstatt auf seine Macht zu vertrauen. Beim nächsten Mal würde er ihn kriegen, das schwor er sich.
„Ja ich weiß, es ist nicht das erste Mal, dass mir Raqash entwischt...", antwortete er dennoch etwas niedergeschlagen.
„Woher kennst du seinen Namen?"
Warrens Stimme war auf einmal laut geworden, er war es sichtlich gewohnt Befehle zu geben. Er hatte sich vor Quinn aufgebaut, als wäre er der Feind und nicht Raqash.
„Ich sagte doch, es ist nicht das erste Mal. Ich hatte Glück, und habe erfahren, wer er ist. Kenne deinen Feind: Eine Weisheit, die man niemals vergessen sollte."
Glücklicherweise nickte Warren befriedigt, Quinn musste wirklich aufpassen, wovon er sprach. Sein Begleiter war vielleicht ein nützlicher Verbündeter, aber auch gefährlich.
„Ich werde mich um die Verwundeten kümmern", sagte er mit einem kurzen Nicken in Richtung der Reihe bewusstloser Dorfbewohnern,
„Weißt du, wie man Wunden verbindet? Es wäre mir eine große Hilfe."
„Natürlich", antwortete Warren, „ich weiß vor allem, dass im Haus des Schmieds ein guter Vorrat an Verbandszeug lagert. Seine Frau ist unsere Heilerin."
Mit diesen Worten ging Warren mit schnellen Schritten zum beschreiben Haus und kam kurz darauf mit einem beachtlichen Vorrat an Verbandszeug zurück. Ohne zu zögern setzte er selbst seinen Rucksack ab, holte sein eigenes Verbandszeug heraus und begann mit der Versorgung der Verwundeten. Ein kurzer Blick zu Warren zeigte zu Quinns Erstaunen, dass dieser mit der Sicherheit eines Berufsheilers die Verbände anlegte. Er hatte jedoch keine Zeit, sich darüber zu wundern, dass Warrens Fähigkeiten selbst für einen Soldaten ziemlich gut ausgeprägt waren. Blieb nur noch zu hoffen, dass Warren nicht bemerkte, dass er selbst eine außerordentlich gute Ausbildung als Heiler hinter sich hatte, von der Sorte, wie man sie nur an einer Akademie für Magier lernt.
Er begann mit der Frau, die er anfänglich für tot gehalten hatte. Wie sich herausstellte, hatte sie zwar eine beachtliche Anzahl an Schürfwunden am ganzen Körper, diese waren aber nicht lebensgefährlich. Wahrscheinlich war sie wie die anderen von irgendeinem Trank betäubt worden, vielleicht auch von einem dieser Duftmittel, die nach zwei bis drei Atemzügen beinahe jedem das Denkvermögen rauben.
Herauszufinden, um was es sich genau handelte, würde eine längere Zeitspanne in Anspruch nehmen und Zeit hatte er angesichts der Menge an Verletzten, die sie zu zweit versorgen mussten nun wirklich nicht. Die Verbände hob er sich für die schwersten Verletzungen auf, so behandelte er nur die größten Wunden mit einer Salbe, wieder zur Besinnung kommen musste sie von alleine, oder spätestens wenn er mit dem Rest hier fertig war.
Der Nächste war ein junger Mann, er schätzte ihn auf etwa 20. Vielleicht handelte es sich um den Sohn der Frau, eine leichte Ähnlichkeit war den beiden nicht abzusprechen. Im Grunde genommen war das in einem Dorf wie diesem jedoch keine Seltenheit. Seine Verletzungen waren denen der Frau ähnlich, er hatte jedoch noch einen großen, beinahe schwarzen Fleck auf der Braust und aufgeplatzte Knöchel. Offensichtlich hatte er versucht sich zu wehren, wenn auch ohne Erfolg.
So machte er immer weiter, ging von Einem zum Nächsten. Je nach Grad der Verletzungen hielt er sich an jedem zwischen fünf und zwanzig Minuten auf, bevor er sich dem Nächsten widmete, mit der Zeit wurde diese Arbeit jedoch extrem anstrengend, da er die meist noch Bewusstlosen immer wieder hochheben und drehen musste, um alle Wunden versorgen zu können.
Mittlerweile war es dunkel geworden, nur noch das Feuer, das in der Mitte die letzten Reste der Unglücklichen verbrannte, gab ihnen noch Licht. Der einzige kleine Triumph war der, dass er im Rückblick um einiges schneller vorankam, als er gedacht hatte. Er war fast doppelt so schnell wie Warren, dessen Verbände entgegen seiner hohen anfänglichen Einschätzung doch den Fähigkeiten eines Soldaten entsprachen, wenn auch einem, der in diesem Bereich während der Ausbildung gut zugehört hatte.
Kaum mehr in der Lage zu laufen, nahm er sich dem Nächsten an, er hatte aufgehört zu zählen. Eins fiel sofort auf und wurde während dem Behandeln der Wunden mit Salbe noch deutlicher: Dieser hier hatte nicht nur oberflächliche Verletzungen, er schwebte am Rand des Todes. Die Stirn war mit unzähligen Schweißperlen überdeckt, der Atem ging nur noch stoßweise.
„Mist", murmelte er leise, in der Hoffnung, dass Warren es nicht mitbekam. Diesem Mann würde ein Verband mit Salbe nicht mehr helfen und für alles andere fehlten ihm im Moment die Mittel. Auffälliger, als ihn jetzt einfach mit Magie zu heilen, ging es kaum noch, aber er hatte keine Wahl. Andernfalls würde der Mann sterben, obwohl er hätte gerettet werden können.
Mit einem leisen Fluch auf den Lippen legte er beide Hände gekreuzt über die linke Seite der Brust des Mannes, er spürte den nur noch unregelmäßigen Puls. Es wäre fraglich, ob er die Nacht noch ohne die Unterstützung von Magie überleben würde, Quinn hatte keine Wahl. Es würde ihn noch mehr auslaugen, einen Schwerverletzten zu heilen verlangte einem schon bei guter Kondition eine Menge ab.
„Hoffen wir mal, dass ich es schaffe, lange genug sitzen zu bleiben", flüsterte er zu dem Unbekannten.
Vorsichtig ließ er sich von dem Puls des Anderen durch seinen Körper leiten, zeichnete sich ein Bild seiner Verletzungen. Für ihn war der Körper eines Anderen nichts weiter als eine große Wegekarte, nur nicht flach wie ein Blatt Papier, sondern ein wenig komplexer. Immer wieder wurde ihm bewusst, wie nah der Mann dem Tod war, teilweise schien es beinahe unmöglich, den gesunden Ursprung noch sehen zu können. Uralte Worte kamen über Quinns Lippen, riefen die Natur auf, ihm zu helfen. Er spürte, wie die Kraft der Erde seinen Körper durchströmte, sie sammelte sich kurz in seinen Händen, dann ließ er sie in den zu heilenden Körper frei.
Bei Daria war die Kraft zielgerichtet auf einen einzigen Punkt geschossen, hatte sein Werk getan und hatte ihn dann von der Anstrengung befreit. Hier lag der Fall vollkommen anders, die Kraft war nicht zielgerichtet, nicht ein einziger gebündelter Strahl floss durch die Venen, sondern ein Spinnennetz von unzähligen Linien bildete sich aus, welches mit jeder weiteren Verzweigung mehr Kraft einforderte.
Die Energie kam aus der Erde selbst, die benötigte Konzentration und Anstrengung, sie an seinem Ziel zu bündeln, musste jedoch er selbst aufbringen. Einer seiner Meister hatte es einmal mit einem Brunnen verglichen: Das Wasser ist bereits da, um es nutzen zu können muss man es jedoch erst nach oben ziehen. Der Zauber sorgte dafür, dass er seine eigene Kraft dafür verwenden konnte, er konnte jedoch nicht steuern, woher. Jedem einzelnen Muskel wurde die Kraft entzogen, wenn er den Zauber zu lange aufrechthielt, würde er nicht mehr genug Kraft zum Leben haben. Beinahe wäre er zu Boden gefallen, als er endlich spürte, wie sich das Spinnennetz aus Energie ausdünnte und nur noch wenige Enden vorhanden waren. Diese würden von alleine heilen müssen.
Kaum noch in der Lage, seine Hände von dem Körper des Anderen zu heben ließ er sich erschöpft auf den Boden fallen, wie erwartet hatte die Heilung Alles von ihm gefordert. Kurz schloss er die Augen, um einen kleinen Moment Ruhe zu finden, als er sie wieder öffnete erblickte er etwa zwei Meter über ihm Warrens riesiges Schwert, jederzeit bereit, seinen Kopf vom Körper zu trennen.
„Mich gehen Streitigkeiten unter euch Magiern nix an, aber ich lass' mich nich' als euer Handlanger missbrauchen. Bis jetzt hab' ich noch jeden von eurem Pack, was mir begegnet ist, zum Grab begleitet. Das Feuer brennt ja zum Glück noch."
Seine Stimme ließ nicht den geringsten Zweifel daran, dass er ihn gleich umbringen würde. Immerhin hatte er sein Leben nicht sinnlos verschwendet, sondern dafür das Leben eines anderen gerettet. Raqash würde jemand Anderes töten müssen, er würde sich nicht mehr um diese Welt kümmern können.
„Ich wusste, dass ihr so reagieren würdet und habe es in Kauf genommen, um das Leben dieses Mannes zu retten. Denkt einfach mal darüber nach, wenn ihr mich ins Feuer geworfen habt."
Das waren also seine letzten Worte gewesen. Sie waren viel banaler, als er es sich immer vorgestellt hatte, aber nun konnte er nichts mehr daran ändern. Er war viel zu ausgelaugt, um etwas gegen Warren unternehmen zu können, so blieb ihm nichts anderes übrig, als zuzusehen, wie er langsam mit seinem Schwert ausholte.
„Das würde ich lassen!"
Wer hatte das gesagt? Es war eine wütende Frauenstimme gewesen, einer der Verwundeten, die er geheilt hatte? Jedenfalls stoppte Warren augenblicklich in seiner Bewegung und Quinn konnte auch erkennen, dass ihm jemand eine Pfeilspitze gegen den Hals drückte. Wer dieser jemand war, konnte er jedoch nicht sehen, er wurde von seiner Position aus von Warren verdeckt.
„Fallen lassen!", hörte er wieder ein strenges Kommando der Frauenstimme.
Warren hatte keine andere Wahl, als ihr Folge zu leisten, er war ihr bedingungslos ausgeliefert. Als er einen Moment zögerte, bewegte die Frau den Pfeil in ihrer Hand ein wenig weiter auf seinen Halls zu, sodass die Spitze nun seine Haut berührte. Sollte er nun zu tief schlucken, würde sie sich in seinen Hals bohren.
Warren ließ das Schwert neben sich fallen, woraufhin sich Quinn ein wenig entspannte. Egal mit welchen Gedanken er dem Tod ins Auge gesehen hatte, gegen ein wenig mehr Lebenszeit hatte er nichts einzuwenden.
„Und jetzt geh dahin wo du hergekommen bist und lass dich nie mehr in meiner Nähe blicken!"
Die Pfeilspitze entfernte sich von Warrens Hals, dieser verließ daraufhin mit einem hasserfüllten Blick den Dorfplatz. Wahrscheinlich wäre er nicht freiwillig gegangen, doch seine Retterin hielt einen Bogen im Anschlag, womit sie auf Warren zielte, bis er außer Sichtweite war.
Sie stand genau vor dem Feuer, sodass Quinn im Gegenlicht nicht mehr als ihre Silhouette erkennen konnte, mit dem schussbereiten Boden im Anschlag. Diesen konnte er etwas besser erkennen, da sie ihn ein wenig schräg hielt und so ein wenig davon beleuchtet wurde. Er kannte den Bogen, es schien ihm, als hätte er ihn vor gar nicht langer Zeit schon einmal gesehen. Ja, es war Darias Bogen, ohne Zweifel.
Als Warren verschwunden war, drehte sie sich zu ihm um und nahm den Pfeil wieder von der Bogensehne.
„Steh auf."
Diese Stimme würde er unter einer ganzen Armee erkennen, jedenfalls wenn sie einen weichen Ton anschlug. Die strenge Befehlsstimme hatte er zum Glück vorher noch nie hören müssen, aber diese hier würde er nicht mehr vergessen. Warum war Daria ihm gefolgt? Sie beide verband nichts mehr, oder?
„Würde ich gerne, aber ich fürchte, dazu bin ich noch nicht wieder in der Lage.", antwortete er mit schwacher Stimme, tausend Fragen im Kopf.
Auf ihren verständnislosen Blick hin führte er weiter aus:
„Mein Heilzauber hat mich beinahe all meine Kraft gekostet..."
Dann war sie also gerade erst gekommen und hatte nicht mitbekommen, dass er Raqash wieder verpasst hatte.
Daraufhin kniete sie sich zu ihm, er selbst blieb nach wie vor ausgestreckt auf dem Boden liegen.
„Falls du dich fragst, was ich hier mache: Ich wusste, dass du hier sein würdest, ich bin dir gefolgt.", sagte sie schließlich.
„Warum? Du hättest sterben können..."
„Weil ich dich liebe."
X.
Natürlich war sie ihm nach Arensfurt gefolgt, was hätte sie sonst tun sollen? Immerhin führte der Weg nach Lanan in diese Richtung und was viel wichtiger war: Quinn war dort. Mal wieder hatte sie viel zu lange gebraucht, um sich über sich selbst klar zu werden, nur dass dieses Mal der Einzige, der ihr noch etwas bedeutete, dadurch hätte sterben können.
Als er gegangen war hätte sie ihn aufhalten können, sich entschuldigen, wenigstens etwas hinterherrufen, um ihn zum Anhalten zu bewegen. Doch sie hatte es nicht getan. Sie hatte ihn ziehen lassen, weil sie nicht einmal sich selbst kannte. Sie war einfach stehen geblieben und hatte ihm hinterher gesehen, auf seinem Weg in den Tod.
Erst, als seine Gestalt am Horizont verschwunden war, hatte sie sich wieder auf den Weg gemacht, war langsam in Richtung des Dorfes getrottet, ohne eine Ahnung, was sie gerade eben getan hatte. Es wäre so einfach gewesen nur ein paar Worte der Entschuldigung zu rufen, doch sie hatte nicht einmal das geschafft.
Sie saß neben dem Feuer in der Dorfmitte von Arensfurt, sie hatte dafür gesorgt, dass es auch noch den Rest der Nacht brennen würde. Quinn hatte sich überzeugen lassen, sich zum Schlafen wenigstens auf eine Decke zu legen, war danach jedoch sofort eingeschlafen. Wahrscheinlich musste er erst einmal darüber nachdenken, was in den letzten Stunden passiert war, sie hatte jede einzelne Möglichkeit bereits im Vorfeld in Gedanken durchgespielt.
Sie blickte neben sich, dort lag er, in die Decke eingerollt, beinahe friedlich, wäre nicht sein ab und zu schneller werdender Atem gewesen, wäre sie über seinen ruhigen Schlaf überrascht gewesen. Seine Waffen hatte er neben sich abgelegt, das schwarz veredelte Metall glänzte im Schein des Feuers. Je länger sie mit ihm zusammen war, desto mehr Geheimnisse gab er preis, aus einem scheinbar unerschöpflichen Vorrat.
Angesichts der Lage im Dorf vermutete sie, dass er sein Ziel erreicht hatte. Bevor sie ihren Betrachtungen jedoch weiter nachgehen konnte, wurde sie von hinten leicht angetippt. Erschrocken fuhr sie herum, bis sie ein kleines Mädchen hinter sich erblickte. Es hatte einen dicken Verband über die linke Schulter, blutige Schrammen an beiden Armen und an den Beinen.
„Wer bist du?", fragte es, verständlicherweise ihr gegenüber noch etwas scheu.
„Ich bin Daria, eine Waldläuferin", antwortete sie wahrheitsgemäß,
„Wie geht es dir?"
„Mein Kopf tut ganz doll weh!", klagte das Mädchen.
„Wo ist meine Mutter?"
Sie stand etwas schwerfällig auf und nahm das Mädchen an die Hand.
„Wahrscheinlich geht es ihr ziemlich schlecht, deswegen schläft sie gerade. Wie heißt du denn?"
Mit diesen Worten ging sie hinüber zu den Verletzten, die nach wie vor entweder schlafend, bewusstlos oder in irgendeinem Zustand dazwischen auf der kalten Erde lagen.
„Meine Mama hat gesagt, ich soll Fremden nicht meinen Namen sagen."
Sie lächelte, das erinnerte sie an ihre Kindheit. Damals war ihr auch verboten worden, Fremden einfach so ihren Namen zu verraten. „Sonst kommen sie dich in der Nacht holen", hatte man ihr immer gesagt.
„Sieh mal, hier müsste deine Mutter sich schlafen gelegt haben", sagte sie schließlich zu dem Mädchen gewandt,
„Falls du sie findest kannst du dich zu ihr legen, aber sie wird im Moment nicht aufwachen."
Langsam gingen sie an den Dorfbewohnern vorbei, die vom Feuer nur sehr spärlich oder überhaupt nicht beleuchtet wurden, sodass die Suche nach jemand Bestimmten beinahe aussichtslos erschien. Aber kleine Kinder haben für ihre Eltern eine Art sechsten Sinn, so auch dieses Mädchen.
Auf einmal riss es sich von ihrer Hand los und rannte einige Meter durch die Dunkelheit, durch ihre kurzen Beine wäre sie beinahe hingefallen.
„Mama!", hörte es Daria rufen.
„Sie kann dich im Moment nicht hören", sagte sie beruhigend in die Leere hinein, in die Richtung, in der sie das Mädchen vermutete.
„Bleib bei ihr, morgen früh sieht alles schon viel besser aus."
Mit diesen Worten ging sie wieder zum Feuer zurück und setzte sich. Das Kind war demnach als erstes aus seinem Delirium erwacht, das ließ hoffen, dass mit der Zeit auch die Anderen wieder zu den Lebenden zurückkehrten. Quinn hatte gute Arbeit geleistet, die meisten Dorfbewohner waren medizinisch versorgt worden, bis er zusammengebrochen war und dabei fast von dem Mann getötet. War er auch einer der Dorfbewohner? Er hatte keine Verletzungen gehabt.
*****
Die Sonne war schon beinahe vollständig zu sehen, als sie die Augen aufschlug. Sie war wohl irgendwann am Feuer eingenickt, nur noch eine schwache Glut war von diesem vorhanden. Sie drehte sich ein wenig, um nach Quinn zu sehen, doch an seiner Stelle lag nur noch eine ordentlich zusammengelegte Decke. Er hatte gestern Nacht nichts mehr gesagt, nachdem sie sich zu ihm gekniet hatte, sondern hatte sich nur noch erschöpft in die Decke gerollt. Sie hatte ihn verstanden, aber er hatte ihr Liebesbekenntnis einfach im leeren Raum stehen gelassen. Er hatte nicht einmal mit der Augenbraue gezuckt, sondern war direkt eingeschlafen, als sie ihm eine Decke gegeben hatte.
„Guten Morgen!"
Seine fröhliche Stimme war hinter ihr, so drehte sie sich immer noch liegend auf die andere Seite und richtete sich ein wenig auf.
„Morgen", antworte sie,
„Wie geht es dem Dorf?"
„Ein paar sind schon wieder auf den Beinen und kümmern sich um die, die es noch nicht sind."
Dabei kniete er sich zu ihr und gab ihr völlig unvorbereitet einen kurzen Kuss.
„Ich glaube, das habe ich gestern vergessen...", sagte er etwas verlegen,
„Irgendwie wusste ich nicht, was ich von dem Ganzen halten sollte. Ich habe Geister gehen, wo nie welche waren."
Seine Worte waren Balsam in ihrer Seele, er konnte es immer noch. Egal was sie sagte, er erkannte, was sie im Moment brauchte, ohne Worte. Nur manchmal, wenn sie sich vor ihm zu sehr verschlossen hielt und die falschen Worte für etwas Falsches gebrauchte, war letztendlich sie es, die sich diese Glücksmomente verweigerte.
Manchmal brauchte es eine kräftige Warnung, um sich wieder über sich selbst klar zu werden, diese hier wäre jedoch beinahe ein Ende gewesen. Sie streckte die Arme nach ihm aus, zog ihn zu sich auf den Boden und gab ihm einen intensiven Kuss, der für immer ihre Zusammengehörigkeit besiegeln sollte. Beinahe automatisch begann sie, vorsichtig über seinen Rücken zu streicheln, bis zum unteren Ende seines Gewands. Sie sehnte sich nach seiner Nähe, nachdem er so weit von ihr entfernt gewesen war. Jetzt.