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Click hereSeine Antwort bestand aus einem vorsichtigen Kopfschütteln. Mit sanfter Gewalt drückte er sie von sich weg, zog sich an, oder sie noch einmal anzusehen. In seinem Kopf tobten die Erinnerungen an die Vergangenheit. Er erinnerte sich an Schmerzen und Leid, vor allem daran, wie er innerhalb einer Sekunde nach seinen Waffen gegriffen hatte, den Mörder mit einem einzigen Schlag niedergestreckt hatte. Er hatte das Geld wieder an sich genommen. Sie brauchte es nicht mehr, hatte er sich damals gesagt. War gegangen, als wäre nichts passiert. Was hatte er erwartet, in einem Bezirk, der offiziell als noch nicht gesichert betrachtet wurde?
Daria kniete auf dem Boden, ohne eine Regung. Mit diesem wunderschönen Glanz in den Augen, der ihn tief in der Brust erreichte. Er wusste, dass sie nicht verstand, was gerade passierte, er würde es ihr nicht erzählen. Verdammt, sie konnte nichts dafür.
„Nicht heute ..."
Er hoffe, dass seine Worte so leise geflüstert waren, dass sie sie nicht verstand, aber nicht nachfragte. Ohne Glück.
Sie stand auf, wich seinem Blick aus.
„Ich schätze, ich bin nicht alleine, wenn ich an etwas erinnert wurde, was ich vergessen wollte?"
Für den Bruchteil einer Sekunde erstarrte er, nickte dann sanft. Sie legte den Kopf ein wenig schräg.
„Ich brauche dich."
Ihre Stimme klang beinahe gespenstisch, farblos.
Stumm ließ er sich an der Stelle nieder, an der sie vorher gesessen hatten. Vorsichtig kam sie zu ihm, als wäre sie sich nicht sicher, ob er sie verletzten könnte, aber keine Wahl hat. Ein scheues Tier, welches sich verängstigt bei ihm versteckt. Ein Vogel, welcher Schutz vor einer Katze sucht. Nur nicht Daria. Wo war die starke Waldläuferin hin?
So verletzlich wie er.
„Als ich noch ein Kind war, hat man mir etwas beigebracht."
Er war sich nicht sicher, ob sie mit ihm sprach, sie starrte geradewegs durch ihn hindurch. Beinahe hätte er sich umgedreht, um zu sehen, was sie dort so faszinierte. Es dauerte eine Weile, bis er realisierte, dass sie nirgendwo hinsah.
Sie ließ es zu, als er nach ihrer Hand griff. Vielleicht war sie sich dessen auch nicht bewusst.
„Kennst du blaugefiederte Riesengreife? In jedem Frühjahr sind sie durch unseren Wald gezogen, haben sogar Hirsche und Rehe gerissen und unsere Vorräte geplündert, wenn wir sie nicht in den Häusern verstaut hatten. Ich kenne nur wenige Vögel, deren Schwärme noch verheerender sind, als diese. Sie bleiben nur für einige Tage, dann ziehen sie weiter. Ihre einzigen Feinde sind ihre Artgenossen, in teilweise erbitterten Kämpfen um das beste Stück Fleisch kommt es hin und wieder vor, das ein vielleicht bereits geschwächter Vogel diesen nicht überlebt.
Ihr Fleisch schmeckt übrigens vorzüglich, aus ihren Federn lassen sich exzellente Pfeile herstellen, aber das nur nebenbei. Trotz all der Brutalität gibt es außerdem kaum eine bekannte Art, deren Partnerschaften so stark sind. Haben sich ein Männchen und ein Weibchen gefunden, bleiben sie bis zum Ende ihres Lebens zusammen. Sind sogar bereit, für ihren Partner einen Kampf gegen einen Artgenossen einzugehen, den sie verlieren werden.
Es gibt nur eine Ausnahme: Ist ein Tier verletzt und kann nicht mit dem Schwarm weiterziehen, so wird es zurückgelassen. Der Partner hinterlässt manchmal noch ein Stück Futter, doch daraufhin trennen sie sich.
Alleine haben sie keine Möglichkeit zu überleben, sie jagen und leben im Schwarm. Sie lassen den Partner für das Wohl aller anderen ziehen. Sie werden allenfalls noch ein paar Tage überleben. Wenn man einmal diese Tiere dabei beobachtet hat, wie sie sich verabschieden, dann sieht man, dass sie das wissen.
Ich habe oft gefragt, was mit den Vögeln passiert, die mit dem Schwarm mitfliegen. Sie haben keinen Partner mehr, um sich um die Jungen zu kümmern. Andererseits waren die, die sich um Junge gekümmert haben immer zu zweit. Die Ältesten haben immer nur gelächelt und gesagt, dass uns das nicht passieren könnte."
Sie hob den Kopf ein wenig an und sah ihm direkt in die Augen. Noch immer glänzten ihre Augen feucht, ihr Blick war jedoch nicht mehr ganz so abwesend wie vorher. Ihre Stimme fühlte sich schwer an, als sie weiter sprach.
„Vor einigen Jahren schließlich, als ich älter wurde, habe ich es langsam herausgefunden. So stark eine Liebe ist, so leicht und so schnell zerfällt sie, wenn die Umstände die richtigen sind. Die Kämpfe untereinander sind nicht nur um das beste Stück Futter. Ein Verletzter bleibt zurück, weil er nur ein weiterer Schnabel ist, der gefüttert werden muss, aber nicht kämpfen kann. Es stimmt, die Partner bleiben ein Leben lang. Unter einer Bedingung: Es findet sich kein besserer."
Er legte sanft einen Arm um sie und zog sie an seine Brust, es war das Letzte, was er noch tun konnte. Sie hatte verdammt noch mal Recht. Eine Geschichte über Vögel war gut, weil sie oft so abstrakt schien. Menschen waren keine Vögel. Hin und wieder ließen sich die Gemeinsamkeiten jedoch allzu gut erkennen.
Er spürte, wie Darias Atem Stück für Stück gleichmäßiger wurde, je länger er sie hielt. Ihre Arme hatte sie hinter seinem Rücken verschlossen, als wollte sie sichergehen, dass er sie nicht einfach fallen ließ. Er konnte sich nicht helfen, so sah sie wunderschön aus. Er küsste sie liebevoll in den Nacken, doch sie war bereits eingeschlafen. Sie hätte wohl auf keine andere Art verständlicher machen können, dass sie ihn wirklich liebte.
*****
„Guten Morgen ihr zwei, gut geschlafen?"
Meisterin Lucia sah Aileen und ihn strafend an, wie kleine Kinder.
„Ihr seid über eine Stunde zu spät! Von euch hätte ich das am Allerwenigsten erwartet."
Er versuchte, ihrem Blick auszuweichen, dabei traf sich sein Blick mit Aileens. Ihre Augen versteckten überhaupt nichts, wenn sie sich stattdessen wie immer hingesetzt und nur 'Tut mir leid, hatten gerade Sex' gemurmelt, es hätte keinen Unterschied gemacht.
Sie hatte sich ihren Umhang nur schnell übergeworfen, sein eigenes Gewand sah aus, als hätte er vergessen, ein frisches anzuziehen. Sie standen mit gesenktem Kopf nebeneinander, und versuchten möglichst schuldbewusst auszusehen, wortwörtlich eben erst aus dem Bett gefallen zu sein. Aileen griff nach seiner Hand, als wäre es nicht ohnehin schon offensichtlich genug, dass es dasselbe Bett gewesen war. Er spürte, wie ihm das Blut in den Kopf stieg, was es nicht besser machte.
Seit einer knappen Stunde waren sie ein Paar, schon wusste es die ganze Schule. Lucias halb strenger, halb amüsierter Gesichtsausdruck als sie beide an allen vorbei in die erste Reihe führte und dort einen Platz mit den Worten 'Passt auf, dass ihr heute Abend das richtige Zimmer findet, wenn ich mit euch fertig bin' zuwies, war dies schon Strafe genug.
„Wer von euch erklärt den beiden Nachzüglern, wo wir stehen geblieben waren?"
Der Unterricht zog sich endlos und er hatte das Gefühl, dass für die Stunde, die sie zu spät gekommen waren, mindestens zwei Stunden anhängte. Er konnte die Gesichter der anderen nicht sehen, um seine Vermutung zu bestätigen, aber Aileen sah er an, dass es ihr genauso ging. Mit dem Unterschied zu ihm, dass sie die ganze Stunde über so aussah, als wäre sie nicht bei der Sache. Auch ihm fiel es nicht leicht, sich auf den Unterricht zu konzentrieren, dafür waren die Ereignisse des Morgens noch viel zu frisch. Immerhin schaffte er es, zu den passenden Zeitpunkten im Buch umzublättern und so zu tun, als würden ihn die alten Magier und ihre mehr oder weniger großen Errungenschaften interessieren.
Aileen hingegen musste er mehr als einmal leicht anstoßen, damit sie wieder in die Wirklichkeit zurückkehrte, wo auch immer sie gerade mit ihren Gedanken war. Hoffentlich hatte er das Richtige getan. Hoffentlich hatte er ihr nicht wehgetan. Sie saßen immer nebeneinander, waren aber auch schon immer die Streber gewesen, die anscheinend nichts Besseres zu tun hatten, als zu lernen. Genau dieses Bild fiel gerade in sich zusammen.
Es ist schwer, wenn man sich über Jahre an etwas gewöhnt hat und es dann auf einmal anders ist. Auf der einen Seite wollte er nichts lieber, als so nah wie nur möglich bei ihr zu sein. Andererseits hatte dies schon jetzt für Aufsehen und Ärger gesorgt, was würde noch passieren? Sie wurden hier nur deshalb ernst genommen, weil sie die Meister hinter sich hatten. Es war ein Privileg, eines, das sie großzügig in Anspruch nahmen, um in der Bibliothek Zugang zu Bereichen zu erhalten, die normalerweise für Schüler gesperrt waren. Er verdrängte den Gedanken an das, was man in zu zweit in den dunklen, verlassenen Gängen noch machen konnte, außer zu lesen.
„Bis morgen. Und denkt daran, das nächste Kapitel schon einmal zu lesen!"
Lucias Stimme holte ihn in die Wirklichkeit zurück. Geistesabwesend klappte er die ‚Enzyclopedia magica Vinsalt IV' zu und machte sich bereit zum Gehen, als er bemerkte, dass die Meisterin direkt vor seinem Tisch stand, ihn ohne eine Regung beobachtete.
„Du und Aileen bleiben noch hier."
Sie sagte diesen Satz so leise, dass nur sie beide ihn hören konnten. Es passte nicht zu der Standpauke, sie er erwartete. Zu Lucias Unterricht kam niemand auch nur fünf Minuten später, eine ganze Stunde hatte sich bisher noch niemand getraut. Was sie wohl tun mussten? Egal, irgendetwas zwischen dem Sauberhalten sämtlicher Gänge für eine Woche - ohne die Hilfe von Magie natürlich - und Versuchsobjekt für Reanimationsübungen von höheren Klassen würde es wohl werden. So oder so würden es sie Anderen mitbekommen und sich über sie lustig machen, da konnte sie genauso gut ihre Stimme schonen.
Automatisch setzte er eine einstudiert-schuldbewusste Mine auf und blickte ihr so selbstsicher wie nur möglich entgegen. Es war zwar schon eine Weile her, seitdem er Streiche spielend durch die Akademie gezogen war, aber den Blick hatte er nicht verlernt. Er hoffte darauf, dass sie ihnen beiden dieselbe Strafe gab, damit er Aileen ein wenig davon abnehmen konnte. Die Strafe würde nervig, schmerzhaft oder beides sein, soviel er für sie tun konnte, ihr durfte nichts zustoßen.
„Es ist meine Schuld, Meisterin. Aileen kann nichts dafür, bestraft mich."
Aileens erschrockener Blick neben ihm machte die Show leider zunichte. Was hatte er erwartet? Letztendlich liebte er sie, weil sie ihm zur Seite stand. Und weil sie das hübscheste Mädchen auf der Welt war, aber das tat gerade nichts zur Sache. So oder so, sie hatte es gerad nicht besser gemacht. Ob er nun zehn- oder zwanzigmal in die Bewusstlosigkeit geschickt und dann reanimiert wurde, war ihm egal. Die eigentliche Strafe war die Gewissheit, dass Aileen diese Tortur über sich ergehen lassen musste. Allein die Vorstellung, dass man ihr wehtat, schickte ihm einen kalten Schauer über den Rücken.
Erst jetzt fiel ihm auf, dass die Meisterin noch immer kein einziges Wort gesagt hatte, er wusste noch nicht einmal, was sie ihnen aufgeben würde.
„Ich gehe davon aus, dass das ein einmaliges Vergehen war?"
Ihre Stimme war weicher, als er erwartet hatte, dennoch beeilten sie sich beide, ergeben zu nicken. Lucia lächelte.
„Ich würde euch raten demnächst ein wenig früher aufzustehen. Für alle Fälle.
Ansonsten kann man unter diesen Umständen mal eine einmalige Ausnahme machen, denke ich."
Sie ließ eine Pause, um ihre Worte ein auf sie wirken zu lassen. Es schien wirklich, als würde sie sich für sie beide freuen. Bisher war sie nicht so nett gewesen. Eigentlich war sie nie nett gewesen. Wenn eine Geschichtslehrerin etwas wie Ansehen erringen konnte, dann war ihres soeben um ein gutes Stück gestiegen.
„Meister Heralion hat mir noch aufgetragen, euch auszurichten, dass sich die Bibliothek nicht in euren Zimmern befindet und ihr seine Bücher doch bitte wieder dorthin schafft. Sonst hätte er noch ein paar Schüler, die sich noch einmal mit Knochenbrüchen beschäftigen sollten, also wartet damit besser nicht besser nicht bis heute Abend. Es sei denn natürlich, ihr seid der Meinung, ihr habt eine Strafe für heute Morgen verdient, dann tut, was euch beliebt. Und jetzt geht."
Kaum hatten er und Aileen den Gang erreicht, trafen sich ihre Blicke auf so vielen Ebenen, dass es aussehen musste, als würden sie zum ersten Mal einen Menschen sehen und gleichzeitig vor Angst und Freude nicht wissen, was sie tun sollten. Wenn sie jemand gesehen hätte, er hätte sie wahrscheinlich für verrückt erklärt, als sie unmittelbar anfingen zu lachen, sodass sie kaum noch Luft bekamen. Für einen kleinen Augenblick waren sie wieder Kinder, die sich vor Freude hüpfend auf den Weg zu ihren Unterkünften machten.
Kaum waren sie an Aileens Raum angekommen, war der Moment vorbei. Hier hatte alles begonnen, heute Morgen. Als sie weinend in ihrem Zimmer gesessen hatte. Völlig aufgelöst hatte etwas von einem Fehler gemurmelt, den sie gemacht hätte. Er sah sie an und wusste, dass sie auch gerade daran dachte. Er küsste sie, diesmal in dem Bewusstsein demnächst noch viel öfter ihre weichen Lippen spüren zu können. Es war erst ein paar Stunden her, doch es war, als ob es schon immer so gewesen wäre. Dieses Vertrauen war schon immer da gewesen.
Sie zog ihn mit sich in ihr Zimmer und schloss die Tür. Es herrschte noch immer ein endloses Chaos, er hoffte, dass die Bücher noch alle vollkommen makellos waren. Sollte jemals jemandem auffallen, dass einer von ihnen beiden ein Buch beschädigt hatte, würden sie die Bibliothek nur noch unter Aussicht betreten dürfen und nur noch die wichtigsten Lehrbücher zu Gesicht bekommen. Lufrac hütete seine Schätze aus Papier wie seinen einzigen verbliebenen Augapfel.
„Ich hoffe, du weißt, welche Bücher Heralion zurückhaben will und sie sind noch in bester Ordnung?"
Sie lächelte unsicher.
„Nein, ich fürchte, wir müssen alle zusammen herunterbringen. Hilfst du mir?"
Er seufzte. Wenn er mit einem gerechnet hatte, dann garantiert mit dieser Antwort. Er wollte noch fragen, was heute Morgen eigentlich los war, da begann sie schon damit, die Stapel zu ordnen und aus den Ecken hervorzukramen.
Eine halbe Stunde später hatten sie die rund fünfzig Bücher nach Themen und Platz geordnet. Sodass sie sie nur noch zurückstellen brauchten und zwischen den Regalen nicht jedes Buch einzeln durchsehen mussten, wohin es gehörte. Der gleichfarbige Schutzeinband machte Arbeit wie diese zu einer Strafaufgabe. Ächzend nahm er einen der beiden Stapel, die sie aufgeschichtet hatten an sich, besann sich dann aber eines besseren, als er beim Aufstehen schwankte, und setzte ihn wieder ab.
Leise murmelte er einen Zauber, der seinem Körper Wärme im Gegenzug für Kraft entzog. Einfachste Magie, mit der man sich umbringen konnte, wenn man nicht aufpasste. Ein Stapel Bücher war kein Problem, aber sollte er auf die Idee kommen, sich an einem Baumstamm oder Ähnlichem zu versuchen, war er gut beraten, wenn jemand in der Nähe war, der ihn wieder auftaute. Wenn er denn nicht auf der Stelle tot war. Energie kam nie aus dem nichts. Der eigene Körper war zwar die am leichtesten zugängliche und immer vorhandene Energiequelle, aber auch die gefährlichste.
Er sah auf und wollte sich endlich auf den Weg machen und die Pflicht hinter sich bringen, damit er noch ein wenig Zeit mit Aileen verbringen konnte. Doch sie hielt ihn mit einer kurzen Handbewegung davon ab. Sie lächelte. Ein wenig unsicher, aber ehrlich. Bevor er fragen konnte, legte sie ihm vorsichtig einen Finger auf die Lippen.
„Wir haben noch über eine Stunde Zeit. Gemeinsame Zeit."
Dergleichen hatte sie schon öfter getan, auch früher schon. Es war für ihn immer der Hinweis gewesen, dass sie ihm noch etwas Wichtiges mitzuteilen hatte, oder einfach nur eine Weile mit ihm zusammen sein wollte. Früher oder später, nachdem ihnen nichts mehr eingefallen war, über das man hätte reden können, hatten sie eines der vielen Bücher genommen, die eigentlich immer in Aileens Zimmer herumlagen und hatten darin gelesen. Es war einfach nichts Besonderes gewesen, dass sie sich auf seinen Schoß gesetzt hatte, an ihn geschmiegt Texte vorgelesen hatte, die sie oft unverständlich gewesen waren.
Egal wie lange er niemals mehr als Freundschaft in dieser Geste gesehen hatte, ihr scheues Blinzeln konnte er nicht falsch verstehen. Ab sofort wollte sie mehr, als sich nur für einen Abend mit ihm die Zeit zu vertreiben. War es auch früher schon da gewesen? Er versuchte, sich zu erinnern, sah jedoch nur immer wieder seine verführerisch aussehende Freundin vor sich.
Auffordernd zog sie ihn weg von den fein säuberlich aufgestapelten Büchern, die spätestens in ein paar Tagen so wie so wieder hier liegen würden und nicht in der Bibliothek, wo sie eigentlich hingehörten. Er musste lachen, als er daran dachte, wie er sie vor knapp einem Jahr mit Nadel und Faden angetroffen hatte. Sie wusste viel, aber mit einer Nadel konnten die meisten Zehnjährigen besser umgehen, als sie. Dennoch hatte sie es zu seiner Überraschung geschafft, versteckte Taschen an die Innenseiten einzunähen. Genau unter ihrer Brust, wo es bei ihr nicht auffiel, wenn der kleine Zwischenraum in einem locker geschnittenen Gewand nicht mit Luft gefüllt war.
Meister Lufrac konnte sie damit nicht täuschen, sein prüfender Blick machte vor nichts halt, auch nicht vor einem sehr ausgiebigen Blick, auf Aileens Brüste. Bei seinen Assistenten sah die Sache schon anders aus. Besonders Ilar errötete jedes Mal, wenn Aileen mit einem betont süßem Lächeln auf den Lippen die Bibliothek wieder verließ. Es fiel ihm nicht auf, wenn sie innerhalb einer Stunde dreimal oder sogar öfter hinein und wieder hinausging, ohne ein Buch auszuleihen. Er ging wahrscheinlich einfach davon aus, dass sie angewiesen worden waren, bestimmte Exemplare an ihrem Ort zu belassen.
Dass der Ausschnitt von Aileens Gewand beim Verlassen jedes Mal ein Stück größer war, als auf dem Hinweg, tat sein übriges. Vielleicht hatte sie damals nicht viel Ahnung von diesen Dingen gehabt, aber ihrer Weiblichkeit bewusst gewesen war sie sich und hatte sie gekonnt eingesetzt. Er hatte oft mit grinsendem Gesicht auf sie gewartet und für ein weiteres Buch in ihrem Besitz gratuliert. Es hatte bis heute Morgen gedauert, bis er gemerkt hatte, dass der tiefere Ausschnitt nicht nur als gekonnte Ablenkung für Ilar gedacht war.
Natürlich hatte sie Phantasien in ihm ausgelöst, wie es wohl wäre, wenn sie einmal ein zu schweres Buch mitnahm und ihr Gewand so tief rutschen würde, dass er mehr sah. Natürlich hatte er sich gewünscht, sie eines Morgens dabei zu erwischen, wie sie zu spät aufgestanden war und sich gerade umzog. In den Minuten, in denen er abends einzuschlafen versuchte, hatte er sich hin und wieder vorgestellt, wie sie wohl nackt aussehen würde. Hatte Angst gehabt, er würde ihre Freundschaft zerstören und es war bei einem Traum geblieben.
Kopfschüttelnd beobachtete sie ihn, wie er gebannt auf ihre Brüste starrte.
„Es sind gerade ein paar Stunden vergangen und du kannst an nichts anderes mehr denken."
Einen Kuss andeutend wollte er sie zu sich ziehen, doch sie drehte sich weg, bevor er sie aufhalten konnte.
„Warte, ich habe noch etwas für dich."
Er sah sie fragend an, was sie jedoch nicht mitbekam, weil sie bereits anfing, in ihrem Schrank irgendetwas aus der hintersten Ecke herauszufischen.
Kurz bevor er sie fragte, ob sie sich sicher war, was sie überhaupt suchte, drehte sie sich wieder mit einem kleinen Kästchen in der Hand zu ihm um. Sie schlug beinahe beschämt die Augen nieder, als sie es öffnete und einen Ring zu Tage förderte. Er war aus etwas gefertigt, was er nicht zuordnen konnte, komplett weiß und ohne eine erkennbare Verzierung. Er saß linksseitig in der Schatulle, als er genauer hinsah, erkannte er eine kleine Vertiefung auf der anderen Seite, Platz für genau einen weiteren Ring dieser Größe.
„Es ist ein Knochenring, hergestellt von einem Schamanen der Nu'rak", beantwortete sie seinen fragenden Blick, als würde das irgendetwas erklären.
„Nu'rak?"
„Mein... Dort wurde ich geboren."