Note: You can change font size, font face, and turn on dark mode by clicking the "A" icon tab in the Story Info Box.
You can temporarily switch back to a Classic Literotica® experience during our ongoing public Beta testing. Please consider leaving feedback on issues you experience or suggest improvements.
Click hereSeine Gedanken wurden jäh davon gestoppt, als unmittelbar der feinsäuberlich aufgeschichtete Holzstapel in sein Blickfeld geriet. Der Grund, warum sie überhaupt im Halbdunkel der Dämmerung in Richtung Wald liefen.
„Die Arbeit wartet...", seufzte Daria neben ihm.
Dass es die ersten Worte nach verhältnismäßig langer Zeit waren, registrierte sie nicht.
Neben dem Stapel stand ein Handwagen bereit, der hoffentlich genug Holz für das Feuer fasste. Irgendwie wartete er darauf, dass Daria anfangen würde, den Wagen zu beladen, doch sie blieb kurz davor stehen, den Blick weiterhin starr geradeaus gerichtet. Sosehr es ihn schmerzte, sie so zu sehen, es hatte keinen Zweck, nach dem Grund zu fragen. Nicht noch einmal. Das Einzige, was er tun konnte, war hoffen.
*****
„Alles ist vergänglich, jeder neue Tag bringt Verluste mit sich. Um etwas Neues zu schaffen, muss etwas Altes zerstört werden. Asche zu Asche, Staub zu Staub!
Die Pläne der Götter sind für uns nicht zugänglich. Und so stellen wir nicht in Frage, was sie tun, sondern bitten um Vergebung für die Toten, auf dass sie sicher in Elysia, der Stadt er Seelen ankommen.
Gravoq, allmächtiger Wächter über die Sünden, König von Elysia, gewähre ihnen Einlass!
Trayva, Hüterin des Lebens und Schutzpatronin der Reisenden, wache über ihren Weg auch nach dem heutigen Tage!
..."
„Ich hoffe, er dichtet nicht noch zu jedem der 21 Götter eine Lobeshymne...", flüsterte Daria ihm hörbar genervt zu.
Auf dem Dorfplatz waren große Holzpfähle eng nebeneinander in den Boden gerammt worden, für jeden der Toten einen. Darum waren große und kleine Holzbalken zu einem Haufen aufgeschichtet, sodass die Toten verbrannt wurden. Mit dieser Tradition wurden die Körper gefallener Soldaten wieder dem Kreislauf des Lebens zugeführt, wobei die aufsteigenden Rauchschwaden für die aufsteigenden Seelen standen.
Es war üblich, dass ein Priester Gnade für die Seelen der Verstorbenen vor den Göttern erbat. Aber dieser hier übertrieb es mit den Lobpreisungen wirklich ein wenig. Er konnte ja verstehen, dass es für ihn auf eine morbide Art und Weise eine besondere Ehre war, für die Seelen von mehreren Toten auf einmal zu beten, in einem so kleinen Dorf kam dies nur sehr selten vor. Eine Feuerbestattung wie diese war Personen zugedacht, die im Kampf gefallen waren, Quinn konnte sich nicht vorstellen, dass auch nur ein Einziger der hier Anwesenden, wenn man von ihm selbst und Daria absah, schon einmal etwas Derartiges erlebt hatte. Überlieferungen aus Büchern hatten aber offenbar gereicht.
Doch das war nicht das Problem, genauso wenig wie der Umstand, dass sie beide natürlich Ehrengäste auf der Zeremonie waren. Es lag vielmehr in dem unverändert starren Blick, den Daria nun schon den ganzen Abend aufgesetzt hatte. Er konnte förmlich spüren, dass sie sich mehr als nur ein wenig unwohl fühlte, doch er konnte nicht das Geringste dagegen tun. Immerhin war der Priester endlich mit seiner Rede fertig:
„... Furon, Herrscher des Feuers, empfange ihre sterblichen Überreste!"
Dabei nickte er drei Männern mit jeweils einer Fackel in der Hand zu, die daraufhin den Scheiterhaufen in Brand steckten. Langsam bahnten sich die Flammen ihren Weg bis in die Mitte, woraufhin eine riesige Stichflamme erschien, gefolgt von einer dichten Rußwolke, die sich im seichten Nachtwind ausbreitete.
„Sie sind angekommen", hörte er den Priester sagen.
Im Flackern des Feuers sah er eine Träne auf Darias Gesicht aufblitzen, sie bemerkte jedoch seinen Blick und wendete sich ab. Ihm blieb nichts weiter übrig, als einfach seine Hand auf Darias Schulter ruhen zu lassen, als wollte er sagen „Ich beschütze dich!" Doch dazu hätte er die Ursache kennen müssen, so blieb es bei einer gut gemeinten, aber leeren Geste.
„Ich freue mich, wie viel ihr für unser Dorf getan habt! Nur euch ist es zu verdanken, dass wir heute nur drei und nicht dreißig Leichen dem nächsten Reich übergeben. Wie kann ich euch nur jemals... "
„Indem ihr Daria und mich für heute Abend alleine lasst!", fiel Quinn dem mit ausgebreiteten Armen auf ihn zustürmenden Priester ins Wort. Es hatte etwas schärfer geklungen, als er vorgehabt hatte, aber immer noch weit weniger, als es seine Stimmung eigentlich vorgab.
So wunderbar die ganze Anerkennung war und so sehr er den Priester verstehen konnte, seine Geduld hatte mittlerweile ein Ende erreicht. Alles, was er an der Akademie an Selbstbeherrschung gelernt hatte, begann langsam aber sicher seinen Dienst zu verweigern. Er sah seine ausgestreckte Faust beinahe schon im Gesicht seines Gegenübers, konnte es aber noch auf eine geballte rechte Hand reduzieren.
Beinahe enttäuscht lies der Priester seine Arme sinken, als auch er bemerkte, dass Quinn seine Intention nicht im Geringsten willkommen heißen würde.
„Was kann ich für euch tun, Meister?", versuchte er es noch einmal, die Stimme klang jedoch eher wie die eines verängstigten Kindes, als wie von einem erwachsenen Mann.
„Ich bin kein Held, sonst wären wohl kaum drei von euch gestorben. Lasst den Toten ihre Ruhe, feiert für die Überlebenden..."
Dann tat er wohl das Impulsivste, was er jemals seit seinem Akademieabschluss zugelassen hatte. Er dachte nicht eine Sekunde darüber nach, dass sein Handeln eventuell für sie beide unschöne Auswirkungen haben könnte. Das Einzige, was in diesem Moment zählte, war ein unbändiges Gefühl, dass es das Richtige war.
Sanft aber bestimmt zog er Daria zu sich, für den Bruchteil einer Sekunde trafen sich ihre Blicke, dann gab er ihr mit einer überaus deutlichen Geste den intensivsten Kuss, den er zustande brachte. Die Berührung ihrer Lippen war wie immer magisch, sie reagierte im ersten Augenblick quasi überhaupt nicht, sondern ließ es einfach geschehen. Ihr Blick suchte seinen, doch das bestärkte ihn nur noch, sodass ihr gar nichts anderes übrig blieb, als den Kuss zu erwidern.
Das Gefühl, was ihn in diesem Moment durchströmte, lässt sich wohl am ehesten mit einem Erlebnis aus der frühesten Kindheit beschreiben: Man läuft freudestrahlend auf seine Eltern zu, vielleicht, weil sie gerade von der Feldarbeit heimkommen. Kaum erreicht man den Vater, packt er einen unter den Armen, hebt einen hoch und dreht sich um sich selbst. Es fühlt sich an, als könnte man fliegen, ohne Grenzen.
„... und lasst meiner Frau bitte ein paar Stunden Ruhe", beendete er den zuvor begonnenen Satz, als sie den Kuss wieder lösten.
Daria schenkte ihm ein kurzes Heben der Augenbrauen, das definitive Zeichen, dass sie ihn in Kürze danach fragen würde, wenn sie ein wenig mehr Privatsphäre hatten. Der Priester hingegen unternahm nicht einmal den Versuch, die vor Überraschung weit aufgerissenen Augen zu verbergen, während die restlichen Dorfbewohner, welche die Szene zufällig beobachtet hatten, eifrig damit beschäftigt waren, niemand anderen uninformiert zu lassen. Kurzum verursachte es genau das, was Quinn hatte erreichen wollen: Das ganze Dorf starrte mehr oder weniger überrascht in seine Richtung und wartete gespannt darauf, was nun passieren würde.
Waldläuferinnen wie Daria ließen sich nach einem weit verbreiteten Gerücht niemals mit Männern ein, ihre Gemeinschaften bestanden immerhin beinahe ausschließlich aus weiblichen Mitgliedern. Erzählte man einem Bauern, vor ihm stünde eine verheiratete Waldläuferin, hatte das ungefähr dieselbe Wirkung, wie wenn man ihm erzählte, man könne fliegen. Es passte einfach nicht in das Weltbild der einfachen Landbevölkerung. Eine verständliche Reaktion wäre ein Angriff auf Quinn selbst gewesen, als Vergeltung für die offensichtliche Handlung gegen den Willen einer Waldläuferin. Wahrscheinlich hätte dies auch der andere versucht, wäre Quinn nicht immer noch derjenige, der das Dorf quasi vor der Vernichtung gerettet hatte. So waren die meisten schlicht ratlos und warteten, was passieren würde.
Er konnte sich ein zufriedenes Lächeln nicht verkneifen, bevor er seine Worte an die Umstehenden richtete. Daria schmiegte sich währenddessen in einer eindeutigen Geste an ihn, die keinen Zweifel, über die Wahrheit seiner Worte ließ.
„Ich weiß, wie glücklich ihr euch schätzen müsst, eurem scheinbar sicheren Tod zu entgehen. Ich weiß aber auch, wie schmerzlich der Verlust von drei Seelen aus eurer Mitte wiegen muss. Für ihre sichere Reise nach Elysia wurde bereits gesorgt, jedoch ist eins dabei in Vergessenheit geraten: ihr, die Verbliebenen.
Denkt an die verstorbenen Seelen, aber auch an ihre engsten Angehörigen, ich bin mir sicher, dass sich deren Geschwister, Kinder und Ehegatten still trauernd unter uns befinden und eure Hilfe benötigen!"
Während dieses Satzes sah er ein paar Gesichter zu Boden blicken, einige wenige nickten bestätigend.
„Ihr wisst, wie schwer der Schmerz eines Verstorbenen Familienangehörigen wiegt, jetzt stellt euch vor, sie wären in euren Armen gestorben, weil ihr sie nicht retten konntet. Sie wären gestorben, weil ihr zu schwach wart!"
Er hoffte inständig, dass dies auf niemanden der Anwesenden zutraf, sonst würde das folgende einfach ins Leere laufen. Anhand der Gesichter konnte er sich aber ziemlich sicher sein, dass er Glück hatte.
Die nächsten Worte sprach er bewusste ein wenig leiser als die vorigen, legte einen traurigen Unterton darunter:
„Wir..." - dabei sah er kurz zu Daria - „haben alles getan, was in Macht unserer stand, konnten dennoch nicht allen helfen, man könnte auch sagen, wir haben versagt. Sagt mir, gebührt jemandem Ehre, der gleich drei Seelen fahren lassen hat? Weil er zu schwach war, sie zurückzuhalten?"
Ein paar begannen zu protestieren, er hob eine Hand, um sie zum Schweigen zu bringen. Das Einzige, was ihn überraschte war, dass sich Daria nach wie vor wie selbstverständlich leicht an ihn lehnte, dabei jedoch die ganze Zeit ein freundliches Lächeln aufgesetzt hatte, das nicht im Ansatz anhand seiner Worte entglitt, als spräche er nicht über die Gefallenen, sondern das Wetter.
Er senkte seine Stimme weiter ein wenig, so dass die Hintersten ein wenig heranrücken mussten, um ihn noch zu verstehen.
„Nun stellt euch vor, ihr wärt diejenigen gewesen, die zu schwach waren. Ihr hättet sie vielleicht retten können, wenn ihr nur ein wenig stärker gewesen wärt. Würde sich ein Einziger von euch feiern lassen? Könntet ihr nun ein freundliches Lächeln aufsetzen, als wäre es nicht geschehen? Würdet ihr nicht um ein wenig Zeit bitten, um eurer persönlichen Trauer Platz zu geben? Gebt mir und Daria diesen Moment... bitte."
Die kurze Rede hatte seinem ersten Eindruck nach gut gewirkt, trotzdem, er war noch nicht ganz am Ende.
Nun kam er zum komplizierten Teil. Er musste den Dorfbewohnern in möglichst einfachen Worten erklären, dass eine Waldläuferin und ein Heiler sehr wohl ein Paar sein konnten. Mit Vorurteilen dieser Art hatte er schon immer nicht viel anfangen können und so einige Schwierigkeiten, sie nun aus dem Weg zu räumen. Aber Daria hatte wie immer ein magisches Gespür für Situationen dieser Art und schaffte es das Thema auf ihre eigene Art zu beenden.
Beinahe war er überrascht, wie klar ihre Stimme klang, als sie sprach. Es klang wie von jemandem, der es gewohnt war, Reden zu halten. Eine weitere Facette ihrer Vergangenheit? Wieder einmal wurde ihm klar, wie wenig er doch über sie wusste.
„Dort wo ich herkomme, wurde den Verstorbenen ein eigener Tag gewidmet, an dem ihnen gedacht und den Trauernden Zeit dafür gelassen wurde. Dort wo ich herkomme, war die Beerdigung der Toten keine Feier, sondern eine stille Zeremonie. Dort wo ich herkomme..."
Sie stockte, als wäre ihr gerade erst aufgefallen, dass dies hier kein vertrauliches Gespräch unter Freunden war. Ein kaum merklicher Schatten legte sich über ihre Züge, den Umstehenden schien er jedoch nicht aufzufallen. Ihre Augen zuckten kurz in seine Richtung, als müsste sie sichergehen, dass er während der letzten Atemzüge nicht verschwunden war. Als sie weitersprach, stand sie ein wenig aufrechter da, er konnte sehen, wie sie ihre Nackenmuskeln deutlich über das normale Maß hinaus anspannte.
„Kurz nachdem ich geboren wurde", begann sie den Satz von neuem,
„... hat man mich mir fremden Frauen übergeben, die für mein Wohl sorgen sollten. Ich hatte mehrere Mütter, wohl als Ersatz dafür, dass sie mir meine Eltern genommen hatten.. Ich bekam die beste Erziehung, die sich ein Kind wünschen kann: Konnte die Welt für mich selbst entdecken, spielte mit anderen Mädchen den Tag über fangen im Wald. Die ältesten und weisesten Frauen unseres Volkes brachten uns bei, wie die Welt aussieht, wie man Beeren findet und kleine Hütten aus Zweigen und Ästen baut. Nur eins fehlte: Liebe. Wir hatten alles, was wir uns vorstellen konnten, aber am Ende wartet stets nur das leere eigene Bett, nie eine Mutter, die mich umarmte. Wir bekamen Geschichten vorgelesen -- nie jedoch einen 'Gutenacht-Kuss'.
Das Leben ohne einen Vater nicht entstehen kann, habe ich erst mit 14 erfahren. Ich weiß, dass sich um mein Volk viele Geschichten und Legenden ranken -- nur die wenigsten davon sind wahr. Doch was zählt schon die Legende eines fernen Helden, solange wir hier sind? Ich habe eine der angesehensten Ausbildungen der uns bekannten Welt durchlaufen und fühle mich dennoch, als wüsste ich nichts.
Das Schicksal hat mir einen Gefährten an die Seite gestellt, der mir mehr Fragen beantworten kann, als ich jemals stellen könnte. Es tut mir leid, dass ich einigen von euch nicht ganz die Wahrheit erzählt habe, als ich Quinn als einfachen Reisegefährten beschrieb -- es war ein Fehler. Doch so gut ich verstehe, wie sehr ihr ihm zeigen wollt, dass ihr dankbar für seine Anstrengungen seid, so sicher bin ich, dass er es zu schätzen weiß. Nun brauche ich ihn, damit er meine Wunden heilt..."
Ihre letzten Worte waren immer leiser geworden, es fiel ihm zunehmend schwerer, ein freundliches Lächeln auf den Lippen zu behalten. Unmittelbar, nachdem klar war, dass Daria nicht noch weitersprechen würde, wurden einerseits ihre letzten, für einige zu leise gesprochenen, Sätze an die weiter hinten stehenden weitergegeben. Andererseits schon heftig darüber diskutiert, was das nun zu bedeuten hatte.
Es gab Einige, die felsenfest darauf bestanden, dass keine echte Waldläuferin jemals auch nur auf die Idee kommen würde, eine Partnerschaft mit einem Mann einzugehen, demnach konnte Daria keine von ihnen sein und hatte sie angelogen. Dass sie trotzdem den ganzen Tag ihre Verletzten und Kranken versorgt hatte, war dennoch nicht von der Hand zu weisen. Durfte man ihr diese Überlegungen vorhalten? Und wenn sie nun doch eine echte Waldläuferin war? Dann würde sie sie garantiert für den Rest ihres Lebens verachten, für ihren Mann galt dasselbe -- sofern er wirklich ihr Mann war, aber in diesem Punkt herrschte größtenteils Einigkeit, immerhin wusste der Schmied zu berichten, sie würden sich ein Bett teilen.
Dennoch, wer war eigentlich dieser Quinn? Die eine Hälfte des Dorfes war zwar der Ansicht, er habe mehr für sie getan, als sie je aus eigener Kraft geschafft hätte -- dies stünde vollkommen außer Frage, dementsprechend dankbar sollte man sich verhalten. Sie taten jeden Einwand mit einer abwehrenden Geste ab, als wäre er allein aufgrund seiner Erscheinung über jeden Zweifel erhaben.
Der andere Teil begann sich jedoch zunehmend zu fragen, was ein Heiler für den er sich ausgab mit zwei durchaus beeindruckenden Streitkolben und einer Lederrüstung wollte, genauso wie er sich dergleichen überhaupt leisten konnte. Jemand, den Quinn nicht genau sehen konnte, warf ein, er würde mit den Waffen wahrscheinlich die Bezahlung erpressen, sollte dennoch einmal jemand seine Dienste nicht bezahlen wollen, brachte er ihn damit wieder in den Zustand zurück, den er vor der Heilung gehabt hatte. Daraufhin erntete er von einem jener, die jede Kritik an ihm einfach wegwischten, einen Schwall derber Beschimpfungen, woraufhin der Erste hörbar gezwungen lachte, er habe doch nur einen groben Scherz gemacht.
„Wenn sie die ganze Nacht so weiter machen, müssen wir die Nacht über Wachen aufstellen", raunte Daria ihm zu. Er musste zugeben, dass er sich ob der Wirkung ihrer bei der Ansprache ein wenig getäuscht hatte. Er hatte gehofft, das Dorf wenigstens für eine Nacht zum Nachdenken zu bringen und endlich ein wenig Ruhe zu finden, er spürte ein unbändiges Verlangen, mit Daria alleine zu sein, sie endlich fragen zu können, was den dunklen Schatten in ihren Augen hervorrief. So sehr es sich wünschte, desto weiter schien dieser Augenblick entfernt zu sein.
XII.
„Nächster!"
Die Stimme des Assistenten war die eines kaum erwachsen gewordenen Jungen, vielleicht fünfzehn oder sechzehn Jahre alt. Und dennoch... trotz der offensichtlichen Jugend meinte sie, darin einen Anflug von Müdigkeit zu erkennen. Nicht diese, die man abends nach einem ausgedehnten Tagesmarsch verspürt, sondern jene, die an Menschen zu kleben scheint, wenn sie mehrere Jahre ununterbrochene Stadtluft durchlitten hatten.
Als sie gestern durch das große Tor im Nordosten marschiert war, hatte sie gedacht, kurz vor dem Ziel zu stehen. Dass der fünf Tage andauernde Weg über die Berge des Rabengebirges nur der Anfang gewesen war, hätte ihr eigentlich klar sein müssen. Man sprach nicht einfach so bei König Luarek vor, um überhaupt zu einer Audienz vorgelassen zu werden, benötigte man eine Einladung eines seiner beiden Verwalter.
Dass dieser Mann sich überhaupt König nennen konnte, ohne binnen drei Tagen die Felder seiner wie Sklaven arbeitenden Untertanen von unten betrachten zu können, grenzte eigentlich an ein kleines Wunder und war nur dadurch zu erklären, dass sein Hofstaat unter seiner Herrschaft ein außerordentlich gutes Auskommen hatte. Bisher hatte noch eine Goldmünze mehr alle zur Vernunft gebracht. Dass dadurch das Volk noch mehr litt, als es das so wie so schon tat, interessierte hier niemanden. Warum auch, wenn man an einer Tafel mit dem König speiste und eine von Bediensteten geheizte Unterkunft im Palast oder in einem der luxuriös ausgestatteten Herrenhäuser hatte.
Sosehr er sich auch als Allererstes um sein eigenes Wohl kümmerte, so konnte man Luarek ein gewisses Talent nicht absprechen, andere Menschen gefügig zu machen. Die Armee war einer der wenigen, die gleichermaßen aus Frauen und Männern bestand, das hielt sie auch über lange Reisen bei Laune. Jedem Einzelnen wurde ein sorgenfreies Leben am Ende der 25-jährigen Dienstzeit versprochen, leider gab es nur kaum jemanden, der diese Zeit überlebte. Den Bauern wurde schlicht ein so großer Teil ihres Ertrages genommen, dass sie nicht einmal dazu in der Lage waren, sich gegen ihn aufzulehnen, die Großgrundbesitzer und Kaufleute lebten in schier unendlichem Luxus, waren über die Zeit bequem und dekadent geworden, sodass diese keinen Grund sahen, dieses Leben für einen Aufstand aufzugeben. Früher oder später würde dieses auf Bestechung und Unterdrückung fußende System höchstwahrscheinlich in sich zusammenfallen. Bis dahin jedoch führte König Luarek das Leben eines Kaisers.
In den wenigen Stunden, die sie gestern vor Sonnenuntergang gehabt hatte, hatte sie immerhin erfahren, dass man heute bei seinen Verwaltern vorsprechen konnte. Der erste Teil der Warnungen, die ihr jeder gegeben hatte, war vollkommen gerechtfertigt gewesen: Um den Eingang zum Büro hatte sich eine Traube von über 100 Menschen versammelt, die drei Wachen unternahmen nicht einmal den Versuch, für Ordnung zu sorgen. Immer, wenn der kahlköpfige Junge die Tür öffnete -- mehr hatte sie von dem Assistenten bisher noch nicht sehen können -- wurde der Erste, der es hindurch schaffte, vorgelassen.
Inwieweit dies damit zusammenhing, dass sie über die gesamten vier Stunden, die sie nun schon hier wartete, noch nie ein glückliches Gesicht der Bittsteller gesehen hatte, die das Büro des Verwalters wieder verließen, ließ sich nur vermuten. Es bestätigte aber die zweite Warnung, die sie von einer der lächelnden Wachen beim Betreten der Stadt erhalten hatte: Zu einer Audienz beim König vorgelassen zu werden war beinahe so unwahrscheinlich, wie beim Umgraben eines Ackers einen Beutel voller Gold zu finden. Oder so wahrscheinlich, wie ein blutroter Vogel -- offensichtlich hatte er über Krieg bisher nur in Büchern gelesen. Sie wünschte sich für ihn, dass es so blieb, ihre Augen hatten bereits zu viel gesehen, als es jemals wieder vergessen zu können.