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Click hereGerade das machte die Sache nicht unbedingt einfacherer. Zwar hatte sie in ihrer Ausbildung gelernt, sich im Zweifel den nötigen Respekt zu verschaffen, aber die Dinge in einer Stadt wie dieser hatte sich in den letzten fünfhundert Jahren nicht geändert und würde es auch in den nächsten fünfhundert nicht tun: Eine Frau, die sich zur Wehr setzte, war entweder so arm, dass ihr nichts anderes übrig blieb, eine Hure, einfach nur verrückt oder alles zusammen. Sollte eine der Wachen auf die Idee kommen, sie könnte darunter fallen, war ihre Reise beendet. Nicht, dass in den letzten Minuten sich einer davon überhaupt bewegt hätte, aber eine unschöne Überraschung so kurz vor dem Ziel war nun wirklich nicht das, wonach sie sich sehnte. Demnach blieb nichts Anderes übrig, als zu warten.
*****
„He, Weib! Was willst du hier? Das hier ist kein Ort für Frauen!"
Natürlich hatte er sie gemeint. Sie war weit und breit die Einzige, da brachte es auch nichts, dass sie ihre normalerweise über die Schulter fallenden Haare zusammengebunden und unter der Kapuze versteckt hatte. Das Gewand fiel zwar bewusst großzügig aus, sodass sie auf einen schnellen Blick durchaus als Mann durchging. Leider nur, solange man ihr Gesicht nicht betrachtete.
Die Narben aus den Tagen auf den Schlachtfeldern vermochten nicht die unverkennbar weiblichen Züge zu verdecken. Anstatt eines dichten schwarzen Vollbartes, wie er hier in der Gegend üblich war, konnte sie nichts weiter als ihre helle, fast jugendlich wirkende Haut vorweisen, wenn man von den Spuren alter Verletzungen absah. Zwischen den wachsam glänzenden Augen erhob sich eine schmale Nase, die auf der linken Seite von einer unübersehbaren Brandnarbe überzogen wurde. Vor ein paar Monaten war sie noch stolz gewesen, dass sie trotzdem noch immer anziehend auf Männer wirkte.
Was hatte sie erwartet, als sie hergekommen war? Einen mit Fackeln hell erleuchtete Empfangshalle und Diener, dessen einziger Lebenssinn daran bestand, die ehrwürdigen Bittsteller des Königs zu empfangen? Es gab einfach Orte, dort hatten Frauen nichts verloren. Orte, an denen galten Frauen teilweise weniger als räudige Hunde, Orte an denen man Hure beinahe als Wertschätzung verstand. Zwar würde ihr niemand hier etwas antun, es interessierte aber niemanden, wenn man sie gegen ihren offenkundigen Willen an einen Ort brachte, an dem keiner zusah, der etwas dagegen hatte.
Kurz blitzen ihre Augen in einem Anflug von Entschlossenheit und Wut auf, den Bruchteil einer Sekunde war sie bereit dem Feuer in ihrer Seele seinen Willen zu gewähren. Doch dann gewann die Vernunft wieder die Oberhand. Eine Handvoll Männer würde sie vielleicht töten können, doch dann würde man ihr einen noch qualvolleren Tod bereiten, als sie sich vorstellen konnte. „Die Macht in dir ist nur so stark, wie deine Fähigkeit, sie zielgerichtet einzusetzen", hatten ihre Lehrmeister oft gepredigt.
„He, wenn ich frage, hast du zu antworten!"
Die Stadtwache hatte einen Gesichtsausdruck purer Überlegenheit aufgesetzt, einer von der Sorte, der so viel hieß, wie „Wenn du nicht tust, was ich verlange, prügele ich es aus dir raus".
„Pass auf, sonst wird sie noch wütend und schlägt dich", feixte der Andere.
Es kostete einige Überwindung, ihre schwelende Wut zu ignorieren, das Problem bestand nur darin, dass er in diesem Moment durchaus Recht hatte. Sie konnte nichts das Geringste gegen ihn tun, was er ohne Rücksicht ausnutzte.
„Ich ersuche nach einer Audienz bei unserem hochehrvollen König, um eine Nachricht an ihn zu überbringen", antwortete sie schließlich mit unterwürfiger Stimme. Es klang ihrer Meinung nach hinreichend überzeugend.
„Oh, die ehrwürdige Dame will eine Audienz. Hört, hört."
Sein derbes Lachen kam aus tiefster Seele, er versuchte nicht einmal, seine Verachtung zu verstecken. Immer wieder machte sie sich klar, dass diese Männer kaum mehr als primitive Tiere waren, die man aus ihrem Käfig gelassen hatte. Bisher war sie noch mit jedem Tier fertig geworden.
Der Größere von beiden trat einen Schritt an sie heran, machte keinen Hehl daraus, dass er geradewegs versuchte, ihre Brüste aus möglichst allen Winkeln zu beglotzen. Als wäre sie eine ordinäre Skulptur.
„Ihr könnt die Nachricht auch direkt mir übergeben, ich verspreche, dass ich sie an den König weitergebe", sagte er mit betont zuckersüßer Stimme, ohne den Blick auch nur eine Handbreit zu heben. Nun, immerhin gefiel ihm das Entdeckte offensichtlich.
„Sie ist so wichtig, dass ich sie ihm persönlich überbringen muss", entgegnete sie trotzig und zog dabei kaum sichtbar ihre Schultern ein klein wenig zurück, sodass nun ihre Weiblichkeit nur noch schwer zu übersehen war. Sollte er doch bekommen, was er wollte. Solange er damit beschäftigt war, sie mit den Augen auszuziehen, kam er nicht auf andere Gedanken.
„Wen sie wirklich so wichtig ist wie ihr behauptet, erzähl sie besser uns beiden, nicht dass wir sie vergessen", meldete sich der Zweite, der nach wie vor am Eingang stand, erneut zu Wort.
„Wenn ihr darauf besteht, dann führen wir euch sogar zu einem Ort, an dem bestimmt keiner zuhören kann", stimmte ihm Nummer eins zu, wobei sein Blick unverhohlen auf ihren Brüsten weilte.
Langsam wurde es wirklich ärgerlich, vielleicht ließ sich die Situation jedoch für ihre Zwecke ausnutzen.
„Wenn ihr dafür sorgt, dass ich wenigstens zu seinem Verwalter vorgelassen werde, wäre ich euch selbstverständlich daraufhin etwas schuldig", sagte sie mit der verführerischsten Stimme, die sie hinbekam, ohne sich an Ort und Stelle zu übergeben. Natürlich würde sie ihr Versprechen einlösen, jedoch wohl nicht so, wie es sich die beiden Intelligenzbestien gerade ausmalten. Sollten sie wirklich darauf zurückkommen wollen, würden sie das schneller bereuen, als sie sich vorstellen konnten.
„Oh, und wie können wir sicher sein, dass ihr euer Versprechen dann auch einlöst? Ich würde vorschlagen, wir regeln die Angelegenheit sofort, danach sorgen wir dafür, dass ihr euren Willen bekommt",
„Wenn ihr dazu dann noch in der Lage seid!"
Bevor sie reagieren konnte, lag seine rechte Hand auf ihrer linken Brust und wog sie betont anerkennend darin, mit einer Miene, als wäre er ein Kaufmann, der die Qualität seiner Ware schätzt. In gewisser Weise sah er sich selbst wohl auch genauso.
Ein schwerwiegender Fehler, den er eine Sekunde späte bereute. Ohne auch nur eine Mine zu verziehen legte sie erst ihre Hand auf seine, umfasste dann mit einer blitzschnellen Bewegung seinen Daumen und bog ihn ohne Vorwarnung ruckartig nach hinten, bis das unverwechselbare Geräusch brechender Knochen zu hören war. Er öffnete den Mund zu einem Schrei, doch der Schmerz ließ ihn verstummen. Das Einzige, was er herausbekam, war ein leichtes Wimmern, als sie seine Hand losließ.
Ohne das Häufchen Elend an ihren Füßen weiter zu beachten sah sie der zweiten Wache fest in die Augen. Statt jedoch wie erhofft sie genau wie alle anderen überrascht anzustarren, schlug dieser trocken Alarm. Dass sie eine Minute später im Zimmer des Verwalters stand, zwar gefesselt und von fünf Wachen umringt, aber größtenteils unversehrt hätte sie jedoch auch nicht erwartet. Man lernte eben nie aus. Den Teil der langwierigen Warterei hätte sie sich sparen können.
Als sie einen Moment länger darüber nachdachte, machte diese Vorgehensweise jedoch durchaus Sinn. In den Augen der Umstehenden war sie nichts weiter als eine Unruhestifterin. Das Protokoll sah wahrscheinlich vor, dass der Verwalter sie in eine Zelle schicken würde, wo sie so lange hungernd bleiben würde, bis sich jemand dazu herabließ, sich mit ihrem Fall zu befassen. Was aller Wahrscheinlichkeit nach nicht passierte, bevor sie entweder erfroren, verdurstet, verhungert oder auf andere Art die Welt der Lebenden verlassen hatte. Eine zugegebenermaßen recht effektive Methode, sich nerviger Diebe, politischer Gegner und Unruhestiftern wie ihr zu entledigen, ohne viel Aufsehen zu erregen.
Sie konnte ein Lächeln nicht verhindern, als die Wachen mit einer Handbewegung hinausgeschickt wurden, was ab diesem Punkt offensichtlich nicht länger der normalen Vorgehensweise entsprach. Jedenfalls zeigten drei von ihnen einen verwunderten Gesichtsausdruck, der jedoch zwei Sekunden später bei einem zu einem wissenden Grinsen wurde. Betont langsam entfernten sie sich, sie hörte wie der Junge, der die Bittsteller sonst hineinließ, ein paar Worte mit einem von ihnen wechselte. Dann schloss sich die Tür mit einem lauten klicken und sie war alleine mit dem Verwalter.
Der Mann hinter dem viel zu großen Schreibtisch war deutlich jünger als sie erwartet hatte, er zählte auf keinen Fall mehr als 35 Winter. Seine blauen Augen musterten sie mit gewohnter Selbstsicherheit, dazwischen erhob sich eine schmale Nase. Sein beinahe farbloser Mund hob sich kaum von der für Hofbedienstete üblichen blassen Hautfarbe ab. Volles, dunkelbraunes Haar ließ gerade noch den Blick auf eine breite Narbe frei, die seine schmale Stirn von einer Seite zur anderen überzog. Nicht einmal ein Blinzeln erlaubte er sich. Wäre er nicht vollkommen glattrasiert und in ein mit Goldfäden überzogenes Gewand gehüllt, sie hätte ihn gefragt, ob es sich wirklich um den Mann handelte, für den sie ihn hielt.
Die Zeit schien zu kriechen, in der er sie unablässig mit seinem raubtierartigen Blick musterte, wie ein Löwe seine Beute. Dieser Mann hatte mitnichten sein gesamtes Leben hier verbracht. Ohne es zu wollen, musste sie ihm Respekt dafür zollen, dass er einer der wenigen war, die sich eine solche Position in so jungen Jahren offensichtlich verdient hatten. Es schmolz allerdings ihre Chancen auf ein gefühltes Minimum, wie geplant durch ein paar geschickte Andeutungen schon zum König zu kommen.
Ohne ein Wort zu sagen stand er auf und begann sie zu umrunden, mit scheinbar nachdenklichem Blick, jedoch auf jede noch so kleine Bewegung aufmerksam achtend. Wäre sie ihm unter anderen Umständen begegnet, sie wäre wohl nicht umhin gekommen, ihn als durchaus attraktiv zu bezeichnen. Im Gegensatz zu ihrer Erwartung und den königlichen Verwaltern, die bisher das Pech gehabt hatten, ihr zu begegnen, trug er ganz und gar nicht so viel Fett mit sich herum, dass jedes Rind vor Neid erblasste. Obwohl er offensichtlich beinahe alles bekam, in dem er nur mit dem Finger schnippte, hatte er eine durchtrainierte Gestalt. Selbst unter dem aufbauschenden Gewand waren seine breiten Schultern zu erkennen, sein kräftiger Oberkörper machte klar, dass er eigentlich keine Wachen vor der Tür benötigte.
„Wir wissen beide, warum sie hier sind, also können wir uns den Teil sparen", begann er.
Seine tiefe Bassstimme schien den Raum zum Schwingen zu bringen, hallte in ihr wieder, wie ein Glockenschlag.
„Entschuldigung, ich vergaß, mich vorzustellen: Mein Name ist Uriel Rolan, zurzeit im Amt des persönlichen Verwalters von König Luarek."
Sie starrte gebannt auf seine Bewegungen. Er umrundete sie, wie dies eine Raubkatze tut, blieb dann vor ihr stehen, sah ihr direkt in die Augen, sodass sie außerstande war, sich zu rühren. Sein Auftreten fesselte sie. Wenn es jemanden gab, der den Ausdruck Legende verdiente, dann war er es. Er brauchte sie nur anzusehen, damit sie sich kleiner als ein Sandkorn fühlte.
„Es ist üblich, dass auch der Andere sich daraufhin vorstellt", fuhr er mit einer Stimme fort, die vollkommen bar jeder Emotion war. Er war sich bewusst, dass allein seine Stimme ausreichte, um sie seinem Willen zu beugen. Noch immer war sie unfähig zu reagieren, suchte vergeblich nach einer Möglichkeit der Kraft seiner Ausstrahlung zu begegnen, ohne nach jedem Wort Luft holen zu müssen.
„Was ist? Ich könnte dafür sorgen, dass du bis ans Ende deiner Tage in einer kalten Zelle verbleibst, was ich hier tue, ist reine Gefälligkeit."
Noch nicht einmal auf seinem Gesicht war in irgendeiner Form eine Regung zu erkennen, sogar seine Lippen bewegten sich beim Sprechen nur wenige Millimeter.
Ein Gedanke schoss ihr durch den Kopf, warum er nicht schon längst auf dem Thron saß. Dann durchfuhr sie ein Schauer, als sie darüber nachdachte, was Luarek für eine Macht besitzen musste, um jemanden wie Uriel Rolan zu seinem einfachen Verwalter erklären zu können.
Dennoch, so kurz davor durfte sie ihr Ziel nicht vergessen. Diese letzte Gefälligkeit war sie ihrem alten Leben schuldig. Den Menschen, die sie einmal Freundin genannt hatten.
„Man nennt mich Elven", log sie. Solch ein Name war hier einigermaßen häufig: So hatte sie die Möglichkeit gehabt, mit diesem Namen bereits seit mehreren Wochen durch das Land ziehen zu können, ohne sich vor unliebsamen Überraschungen fürchten zu müssen oder unangenehme Fragen beantworten zu müssen.
„Elven D'Naily", ergänzte sie, als ihr einfiel, dass auch er sich mit vollem Namen vorgestellt hatte.
„Schön, ihr wollt mir euren Namen also nicht verraten. Nun gut, ihr werdet eure Gründe haben, ihr werdet aber verstehen, dass es mich in eine missliche Lage bringt."
Für einen Augenblick wollte sie ihren Namen wiederholen, bis ihr auffiel, dass seine Stimme ein klein wenig leiser geworden war, kaum hörbar, aber dennoch eindeutig spürbar. Er hatte sie sehr wohl verstanden, ging auf ihre Lüge jedoch betont nicht ein. Eigentlich war sie keine so üble Lügnerin, aber wenn sie nicht alles täuschte, war ihr Gegenüber auch eigentlich kein Verwalter. Vielleicht lohnte es sich, sich in seinem Geist mithilfe eines kleinen Tricks mal ein wenig umzusehen.
„Wie gesagt, wir wissen beide, worum es geht und was ich mit euch machen könnte..."
Dabei zog er das letzte Wort länger als notwendig, blieb ansonsten aber nach wie vor vollkommen regungslos.
„Nur fürs Protokoll: Was hat euch dazu gebracht überhaupt nur daran zu denken, ihr könntet einer Wache den Daumen brechen, ohne dafür sofort festgenommen zu werden?", fuhr er fort.
Sein fester Blick machte unmissverständlich klar, dass er eine Antwort erwartet, obwohl er sie offensichtlich bereits kannte.
Langsam fand sie endlich ihren Verstand wieder, es fiel ihr jedoch seltsamerweise schwer, die verlangte Antwort zu geben. Es fühlte sich ungewohnt an, die Wahrheit zu erzählen.
„Er hat sich wie ein Säufer benommen, also habe ich ihn auch so behandelt. Wenn ich jedem erlauben würde mich anzufassen, wäre ich übermorgen tot. So sind es vielleicht ein paar Tage mehr."
Ihre Stimme war plötzlich rau geworden, es fiel ihr nicht leicht, vor ihm nicht einfach zusammenzubrechen. Woher auch immer dieses Gefühl stammte.
Er nickte leicht, als müsse er nachdenken, irgendetwas sagte ihr jedoch, dass es nicht so war. Es verstrich mindestens eine Minute, bis er wieder etwas sagte.
„Nun gut, das deckt sich mit meinen Informationen. Das Einzige, was ich nicht verstehe, ist, warum jemand wie ihr überhaupt hier seid. Ach, wo wir gerade dabei sind: Wärt ihr so freundlich, und würdet aufhören, in meinem Kopf nach Dingen zu suchen, die euch nichts angehen? Es ist etwas lästig und führt so wie so zu keinem Ergebnis."
Er zeigte nicht den kleinsten Anflug Respekt. Als wäre er eine Statue, war in seinem Gesicht nicht der kleinste Hauch von Ärger zu erkennen, obwohl es ohne Frage ein Verbrechen war, die Gedanken eines Bediensteten des Königs zu durchsuchen.
Sie beendete sofort den versteckten Zauber, als wäre sie geschlagen worden. Sie wusste zwar, dass es Schulen gab, die die Künste des Geistes lehrten, sowie eine Handvoll Akademien, die darin magische Talente vermittelten, begegnete jedoch zum ersten Mal jemandem dieser Zunft von Angesicht zu Angesicht, der seine Kunst beherrschte. Obwohl es natürlich, oder jedenfalls glaubte sie das, seine äußerst ungewöhnliche Ausstrahlung erklärte, sowie eine Erklärung für ein unübersehbar großes Wissen lieferte. Es hieß jedoch leider auch, dass sie nicht das Geringste gegen ihn tun konnte. Das Glück, durch den kleinen Zwischenfall direkt bis zu ihm zu kommen verging genauso schnell, wie es gekommen war.
Wenn man nie die Möglichkeit hatte, sich mit Magie Informationen zu beschaffen, so wird man sie auch nicht vermissen. Ein Bauer würde niemals auch nur daran denken, in den Gedanken seines Knechts herumzuirren, weil dieser ihm eine haarsträubende Geschichte über eine Räuberbande erzählte, anstatt dass er sein Mädchen besucht und dabei die Zeit vergessen hatte. Nähme man ihm jedoch sein Haus weg und würde es durch ein Zelt ersetzen, dann sähe die Sache anders aus. Eben dieses Gefühl hatte sie nun, als hätte man ihr etwas weggenommen, was rechtmäßig ihr gehörte. Dass es in Wahrheit genau anders herum war, hatte schon zu lange keine Rolle mehr gespielt.
„Ich habe dem König eine Nachricht zu überbringen", antwortete sie schließlich auf seine vorangegangene Frage, als sie sich erholt hatte.
Irgendetwas sagte ihr, dass sie sich noch nicht vollends aufzugeben brauchte. Er wusste nun zwar zweifelsohne von ihren beschränkten Fähigkeiten in der Magie des Geistes, dies war noch nie ihr Spezialgebiet gewesen. Sie hatte an der Schule der Schmerzen studiert, welche zwar hauptsächlich auf Heilung ausgerichtet war, jedoch auch -- wie der Name schon sagte -- sich mit Schmerzen im eigentlichen Sinn befasste. Einer der Leitsätze war stets gewesen, dass man Schmerzen nur heilen könnte, wenn man wüsste, wie sie entstünden. In ihren späteren Jahren an der Akademie hatte sie sich viel mit Letzterem befasst -- und in den vergengenen Jahren viel zu oft angewendet.
„Ihr glaubt doch wohl nicht, dass jeder X-beliebige eine Audienz bekommt, weil er behauptet, er hätte eine Nachricht für seine Exzellenz?"
„Ich komme von der West-Front in Idria. Es ist wichtig, dass ich sie zeitnah überbringe", ergänzte sie, wohl wissend, dass ihr Gegenüber auch mit dieser Antwort sich niemals zufriedengeben würde.
Sie versuchte an seinem Gesicht abzulesen, ob er ihre Gedanken nachverfolgte, wurde aber unweigerlich an jemanden aus ihrer Akademiezeit erinnert, der diese Kunst scheinbar perfektioniert hatte. Sie hatte in dieser Zeit jedoch auch etwas gelernt.
Damals hatten sie wochenlang gegeneinander darum gekämpft, in die Gedanken des Anderen einzudringen und eine bestimmte Information daraus zu lesen. Eine Triviale obendrein. Dass niemals jemand hatte gewinnen können, war ihnen erst im Nachhinein klargeworden. Ihrer Aufgabe waren sie damals auf anderem Wege entkommen, die viel wichtigere Lektion folgte jedoch einige Monate später, völlig ohne einen Lehrmeister: Sie hatten sich angefreundet, auf einmal schien es ganz leicht, die Gedanken des anderen lesen zu können, manchmal reichte sogar ein kurzer Blick, völlig ohne den Einsatz der Magie. Es hatte eine Weile gedauert, bis sie verstanden hatte, dass sie ihn liebte. Es hatte noch einige Jahre länger gedauert, bis sie gelernt hatte, wie angreifbar, manipulierbar Verbindungen und Freundschaften zwischen zwei Menschen waren. Damals hatte sie lernen müssen, wie leicht Menschen ausgenutzt werden konnten.
Der Verwalter war ihr hier offensichtlich überlegen, aber immer noch ein Mann. Sie hatte bis jetzt keinen Mann kennengelernt, der seine Triebe vollends unter Kontrolle hatte. Einen hatte sie kennengelernt, korrigierte sie sich selbst. Aber diese Zeit war schon zu lange her, als dass sie ihr Beachtung schenke könnte. Die Wunden stammten aus einer Zeit vor dem Leben, dass sie führte. Sie würde sich davon nicht beeinflussen lassen, davon überzeugte sie sich regelmäßig.
„Ihr seid schlauer als ihr vorgebt. Erfolglos möchte ich hinzufügen. Nachrichten werden normalerweise aufgeschrieben, wie wäre es, wenn ihr mir sie einfach aushändigt? Ich überbringe sie so bald wie möglich, wenn ich sie für relevant halte."
„Diese hier nicht."
Sehr gut, wenn er tatsächlich mit ihr darüber streiten wollte, warum sie nichts Aussagekräftiges dabei hatte, war sie im Vorteil.
„Das Risiko von Feinden entdeckt zu werden war zu hoch, die Nachricht darf nicht in falsche Hände gelangen."
„Ach tatsächlich? Zwischen unseren tapferen Grenzposten im Inland und der vordersten Front ist alles bereits gesichert, es gibt keinen Grund, derartige Vorsichtsmaßnahmen zu ergreifen."