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Erinnerungen 03

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Erelyn
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„Scheint heute dein Glückstag zu sein", flüsterte ihr derjenige, der sie geschlagen hatte in Ohr, ließ sie daraufhin jedoch frei. Sie konnte nicht anders, als an einen räudigen Köter denken, der von seinem Herrchen ermahnt wurde.

Mit einer übertrieben freundlichen Geste bot er ihr seinen Arm an, den sie widerwillig annahm. Sie musste mitspielen und darauf hoffen, dass sich früher oder später die Gelegenheit bot zu fliehen.

„Es freut mich außerordentlich, eine so hübsche Gesellschaft für den heutigen Abend zu haben, wenn ihr erlaubt, werdet ihr mir in meine bescheidenen Gemächer folgen."

Es war wirklich unglaublich. Er wusste genauso gut wie sie, worauf dieser Abend hinauslief und er wusste genauso gut wie sie, dass sie das nur tat, weil sie keine andere Möglichkeit hatte. Selbst wenn sie ihn und den Trupp Wachen, der ihnen in einigem Abstand folgte, überwältigen konnte, wäre sie in dem Gewirr aus Gängen vollkommen verloren. Bevor sie den Ausgang fand, wartete dort ein ganzes Bataillon.

Nach einer Anzahl an Kreuzungen, die sie nicht hatte zählen können, standen sie plötzlich vor zwei riesigen Flügeltüren, deren linke Seite auf ein leichtes Räuspern ihres Begleiters hin von einer Wache in goldbesetzter Rüstung daneben aufgezogen wurde. Dies war auch eine Eigenschaft an Rüstungen, die sie niemals verstehen würde: Gold war als Schutz vollkommen ungeeignet. Nicht nur, dass es deutlich schwerer war als gewöhnlicher Stahl und somit den Träger im Kampf um einiges mehr behinderte, sie waren außerdem längst nicht so haltbar. Wenn man generell davon absah, dass eine Zielscheibe wohl schwerer zu erkennen war als eine goldene Rüstung auf dieselbe Entfernung. Naive Sklaven, nichts weiter.

Sie wurde in einen großzügigen Eingangsbereich geführt, sofort eilten zwei Diener herbei, die von ihrem Herren jedoch sofort wieder weggeschickt wurden. Mit einer ausladenden Verbeugung entfernten sie sich. Die Öllampen an den Wänden erhellten den Raum taghell und ließen den Raum um einiges größer wirken, als er eigentlich war. Zu diesem Effekt trug auch ein fein gearbeitetes Mosaik an der leicht kuppelförmigen Decke bei, das ein Bild von der Zusammenkunft der Götter zeigte.

Der aus riesigen tiefschwarzen Steinquadern bestehende Boden verlieh dem gesamten Raum trotz aller Offenheit eine gewisse Bedrohlichkeit, wohl auch deswegen, weil es hier nicht ein einziges Möbelstück gab. Die einzigen Einrichtungsstücke bestanden aus je zwei Statuen, die abgesehen von der großen Flügeltür hinter ihnen links und rechts zwei offene Durchgänge zu den Seiten hin wie Wächter flankierten. Wahrscheinlich stellten sie frühere Könige dar, sie meinte goldene Lettern an den Sockeln, die sie von ihrem Standpunkt aus jedoch nicht entziffern konnte. Die Erbauer dieses Palastes hatten offenbar sehr genau gewusst, wie man Besucher einschüchterte, diese Wirkung hatten sie bei ihr auf keinen Fall verfehlt.

Sie fühlte sich so klein wie eine Ameise, als ihr Begleiter ihre Hand nahm und in Richtung des rechten Durchgangs führte. Sie erwachte erst wieder aus ihrem tranceartigen Zustand, als er abrupt stehen blieb, den Blick auf eine der Statuen gerichtet:

„Wisst ihr, wer das ist?"

Sie schüttelte den Kopf, die Lettern auf dem Sockel entpuppten sich als Zeichen einer ihr völlig unbekannten Schrift.

Ein angedeutetes Lächeln fuhr über seine Lippen, statt ihr eine Antwort zu geben, führte er sie wortlos ein paar Schritte weiter zu der zweiten Skulptur.

„Nun, wahrscheinlich seid ihr eher mit der Gegenseite vertraut: Dies hier ist eine Nachbildung einer lebenden Legende. Dies hier ist die einzige Frau, die ihm", er machte eine leichte Kopfbewegung in Richtung der anderen Statue, „jemals entkommen ist. Sie hat zwei Dutzend unserer hervorragend ausgebildeten und erfahrensten Soldaten getötet, in der Truppe erzählt man sich, es wären sogar doppelt so viele gewesen. Vollkommen, ohne jede Hilfe wohlgemerkt, der Rest von ihrem Stamm war bereits gefallen. Statt in einem Akt der Rache den Rest der Truppe auszulöschen, was sie ohne jeden Zweifel gekonnt hätte, floh sie über die Ebene. Unsere Späher hatten sie schon nach einem halben Tag verloren. Sie ist ein Mahnmal an all jene, die die den Krieg schon für beendet erklären, bevor der letzte Feind mit dem Gesicht nach vorne im Staub liegt."

Die Statue der Frau überragte sie um mindestens zwei Schritt. Auf den ersten Blick war sie beinahe ein wenig zu schmal, um als überhaupt als Kriegerin durchzugehen, erst als solche, die ihr eben beschrieben wurde. Auf den zweiten Blick erkannte die jedoch ihren Fehler. Diese Frau hielt ohne jede Anstrengung einen Bogen in der Hand, der an den Enden beinahe so breit war, wie ihre Unterarme. An ihrem ausgestreckten Arm konnte sie jeden einzelnen Muskel erkennen, sie konnte beinahe spüren, wie sie ihre Schulter anspannte. Lange Haare fielen über ihre Schulter, rahmten ein Gesicht ein, das selbst für eine Statue zu wenige Emotionen enthielt. Das Einzige, was ihre Absicht betont desinteressiert zu bleiben Lügen strafte waren Augen, die jedes Feuer hätten zu Eis erstarren lassen. Erst jetzt fiel ihr Blick auf die Stelle, wo an der anderen Statue die goldene Schrift gewesen war. Es war offensichtlich, dass auch bei dieser dasselbe vom Künstler dieser Statue angedacht worden war, doch der vorgesehene Platz am Sockel dafür war leer.

„Wie heißt sie?"

„Wenn wir das wüssten, würde sie schon lange nicht mehr leben. Wo kommt ihr her, dass ihr noch nichts von der Waldläuferin gehört habt, die man gemeinhin nur als „der Schatten" kennt?"

Seine Stimme hatte zu ihrer Überraschung mit einem Mal die Tonlosigkeit verloren, beinhaltete zum ersten Mal so etwas wie Interesse.

„Wenn ich es euch sagen würde, wärt ihr enttäuscht", antwortete sie und hoffte, dass er nicht weiter darauf eingehen würde. Schon viel zu lange standen sie nebeneinander in diesem Raum, sie musste sich eingestehen, dass sie ihn nicht verachten konnte. Im Gegenteil. Er nutzte zwar seine Position ohne mit der Wimper zu zucken aus, sie hingegen musste sich immer häufiger ermahnen, dass sie nichts weiter als eine billige Hure für ihn war.

Je länger er mit ihr hier stand, fand sie jedoch immer mehr Gefallen daran. Vielleicht hatte er nicht das Geringste für sie übrig, aber wer hatte denn bestimmt, sie könne heute Abend nicht auch ein wenig Spaß haben? Es würde ihr auf diese Weise wahrscheinlich sogar leichter fallen, endlich wieder Tageslicht sehen zu können. Seit Jahren hatte sie ausschließlich unter freiem Himmel oder maximal für eine Nacht in einer kleinen Hütte übernachtet, es fühlte sich seltsam an, für eine längere Zeit eine Decke über dem Kopf zu haben. Selbst, wenn diese hier so hoch war wie mehr als zwei Stockwerke und sie noch nicht mal einen ganzen Tag im Palast beziehungsweise dessen Kerker verbracht hatte.

Sie war ihm beinahe dankbar, als er sich endlich von den beiden Statuen abwandte und sie mit einer kurzen Geste durch die Tür schickte. Zu ihrer Überraschung unterschied sich dieser Raum kaum von der Eingangshalle, bis auf den kleinen Unterschied, dass es vier, statt zwei weiterführende Türen gab, die über einen etwa halb so großen Raum gleichmäßig verteilt waren. Statt eines Mauerdurchlasses waren diese hier nun auch kunstvoll verzierte Holztüren, der Gesamteindruck mit einer Mosaikkuppel und dem schwarzen Boden war jedoch beinahe identisch.

Ein stummer Blick beorderte sie zu der halblinken Tür, statt sie jedoch zu öffnen, blieb er davor stehen und deutete auf die Schnitzerei auf der Tür. Sie zeigte eine Bogenschützin, die drei Pfeile gleichzeitig aufgelegt hatte, in etwa einhundert Schritt Entfernung ritten drei berittene Kavalleriesoldaten auf sie zu. Der Mittlere von ihnen, offenbar der General, hatte sein Schwert weit über den Kopf gehoben, als bliese er eine ganze Armee und nicht nur zwei verbliebene Soldaten zum Kampf. Die Bogenschützin war hatte noch beinahe jugendliche Gesichtszüge, doch der eiskalte Blick in den Augen war unverkennbar derselbe wie der der Statue von eben. Von irgendwoher hatte sie das Gefühl, eventuell doch schon einmal von dieser legendären Kämpferin gehört zu haben, irgendwo hatte sie dieses Gesicht schon einmal gesehen. Nur ohne diese Augen, die sie beim Anblick frösteln ließen.

Ohne eine Ankündigung öffnete ihr Begleiter die Tür, sodass sie keine andere Wahl hatte, als unvermittelt die offensichtliche Fortsetzung der Szene, nun mit Mosaik in den Boden eingesetzt, zu betrachten: An der Stelle der Kavallerieeinheiten steckten nun drei Pfeile, perfekt in einer Reihe. Die Körper der Toten hatte man wohl weggelassen. Die Bogenschützin hatte sich umgedreht, den Bogen wieder auf den Rücken geschnallt, als wäre sie niemals gestört worden, setzte sie ihren Weg fort. Ein weiteres Detail hatte sich verändert: Die Wolken am Himmel warfen nun alle ihren Schatten in ihre Richtung, sodass es so aussah, als würden die Schatten zu ihr gehören und nicht zu den Wolken.

„Warum habt ihr all diese Bilder des Todes in eurem Heim - hier?"

Sosehr sie sich dafür verwünschte, aber mit diesen Bildern hatte er ihre ungeteilte Aufmerksamkeit erlangt, sie begann, sich langsam für diesen Mann zu interessieren. Seine Antwort war wie gewohnt ohne jede Farbe in der Stimme, sie meinte jedoch ein leichtes Lächeln auf seinen Lippen zu erkennen -- eines von der Sorte, welches man zeigte, um etwas zu verstecken:

„Nun, wie bereits erwähnt, sie erinnern mich täglich daran, einen Sieg niemals zu früh zu feiern. Außerdem kann ich nicht umhin, als diese Frau zu bewundern, auch wenn sie allein über den Krieg wahrscheinlich mehr als hundert meiner Soldaten getötet hat. Oh, bevor ich es vergesse: Für den Rest des Abends nennt mich bitte einfach Uriel, in Ordnung?"

„Würdet ihr versuchen sie töten, wenn ihr sie noch einmal sehen würdet?"

Diese Möglichkeit war ihr gerade eben erst eingefallen. Es war eigentlich die einzige Möglichkeit. Er hatte ihr Auge in Auge gegenübergestanden, vielleicht sogar gekannt. Als er für den Bruchteil einer Sekunde erstarrte, hatte sich ihre Vermutung bereits bestätigt. Sie war nicht einfach nur eine Heldin, sie war seine ganz persönliche Gegnerin. Umso überraschender war seine Antwort.

„Nein. Es gibt einen Zeitpunkt, an dem man einsehen muss, dass man verloren hat."

Sie hob die Augenbraue leicht an, als sie sich selbst eingestand, dass Uriel sich den enormen Respekt, den er einforderte, ohne Zweifel verdient hatte.

„Das heißt, ihr würdet jemanden, der Unzählige der Euren getötet hat, einfach laufen lassen?", hakte sie nach.

„Nicht jemanden. Sie."

Eine Weile verstrich, in der niemand von ihnen etwas sagte. Sein Blick war abgeglitten, ihr fiel auf, dass er es vermied, ihr in die Augen zu sehen. Sie hätte ihn einfach töten können und verschwinden.

„Warum zeigt ihr mir dies alles? Warum bin ich hier?", brach sie schließlich das Schweigen.

„Weil..."

Er unterbrach sich, holte tief Luft, um erneut anzusetzen. Zum allerersten Mal schien er nicht komplett ruhig.

„Weil ihr eine Frau mit Verstand seid. Als ich euch heute Mittag wegsperren ließ, tat ich das, weil es meine Pflicht ist, das zu tun. Doch als ich euch heute Abend wiedersah, ist mir spätestens dann klar geworden, dass ihr dort nicht hinpasst. Ihr seid nicht eine Attentäterin, die jemanden umbringen will, weil es ein Anderer befohlen hat. Ihr seid nur eurem eigenen Verstand und Gewissen unterworfen -- das ist ein seltenes Gut in diesem Land.

Befehle zu befolgen ist nicht schwer, es gibt kaum jemanden, den es überhaupt interessiert, warum sie die Aufträge ausführen. Diejenigen, die es doch tun, werden ausgemustert. Es gibt eine Hand voll höherer Generäle und Verwalter, die nur dem direkten Befehl des Königs unterstellt sind -- wie ich zum Beispiel. Diese wenigen Leute sind die Einzigen, die ihren Verstand benutzen, um Aufgaben zu erledigen. Es ist unnötig zu erwähnen, dass alles diese Generäle handverlesen sind und in uneingeschränkter Loyalität zu König Luarek stehen.

Die einzige Magierakademie hier ist Jungen vorbehalten, sie werden mit dem Ziel erzogen, später Krieg zu führen. Befehlspositionen einzunehmen. Eine Frau dient in den Augen vieler einzig und allein dem Zweck, auf die Kinder aufzupassen oder auf dem Feld mitzuhelfen. Ansonsten handelt es sich um eine Hure. Ihr hingegen seid nichts davon. Ihr seid die erste Magierin, bei der ich das Glück habe, ihre Bekanntschaft machen zu dürfen. Es gab mein ganzes Leben lang nur diese eine Frau. Sie hat mich gelehrt, was es heißt, anderen Respekt zu zollen. Heute ist eine Zweite hinzugekommen."

„Ich bin nur hier, weil ihr mich erpresst", stellte sie nüchtern fest, obgleich sie ihn immer besser verstand.

Er war ein Gefangener seiner selbst, schaffte es nicht aus seinem eigenen Gefängnis auszubrechen. Als er antwortete, schien er mit einem Mal müde.

„Wärt ihr mir sonst hierhin gefolgt?"

„Wahrscheinlich nicht", gab sie zu,

„Euer einziges Ziel war es also, mich hierhin zu locken? Damit ihr... mit mir reden könnt?"

Die Ungläubigkeit in ihrer Stimme war nur zum Teil gespielt. So plausibel seine Geschichte für sie klang, noch hatte er sie in der Hand.

„Abgesehen davon, dass ihr eine äußerst attraktive Frau seid? Ich hatte ehrlich gesagt keine Zeit darüber nachzudenken, was danach kommt."

Als müsste er seine steifen Muskeln bewegen spannte er für einen kurzen Moment seinen Oberkörper an und ließ die Spannung dann langsam wieder fallen. Egal wem sie jemals hiervon erzählen würde, sie würde nicht umhin kommen, diese ruhige und zugleich starke Aura, die ihn beinahe dauerhaft umgab zu beschreiben.

„Dann würde ich jetzt gerne gehen."

„Nein."

Er lächelte sie an, als wäre sie ein kleines Mädchen.

„Ich fürchte, wenn ihr dies tun würdet, würde dies einer von uns beiden später bereuen. Ihr habt sicherlich Verständnis dafür, dass ich ungern an dieser Stelle stehen würde."

Von einer Sekunde auf die nächste hatte er wieder den kalten, berechnenden Gesichtsausdruck aufgesetzt, noch immer war ihr schleierhaft, wie er es schaffte, so vollkommen regungslos zu bleiben.

„Das bedeutet?"

Ihr Instinkt wies sie unzweifelhaft an, dass sie nicht berechtigt war, diese Frage zu stellen. Doch bevor sie sich entschuldigen konnte, bot er ihr mit einer gradlinigen Geste seine Schulter an, die sie ohne ein einziges Wort anwies, sie solle sich bei ihm unterhaken. Es blieb ein höfliches Angebot, jedoch unverkennbar eines, für das er keine Ablehnung akzeptieren würde.

„Folgt mir", sagte er, als ob sie eine Wahl gehabt hätte.

Er führte sie den Weg zurück, den sie gekommen waren, was sie zugegebenermaßen irritierte. Noch immer rechnete sie damit, dass er ihre Situation schlicht ausnutzte, um sie in waagerechter Position gefügig zu machen. Insofern hatte sie die Geschichte über den Schatten anfangs auch ein wenig verwirrt, hatte es dann jedoch als eine etwas sonderbare Methode abgetan, sie willig zu machen. Sie hoffte, dass er nicht mitbekommen hatte, wie nah er dran gewesen war, dass sie freiwillig mit ihm schlief.

Er blieb abrupt vor einer großen mit Holz verkleideten Doppeltür stehen. Angesichts der Größe wurde sie unwillkürlich an die Stadttore erinnert, die jedenfalls in ihrer Erinnerung nur unwesentlich höher gewesen waren als dieses hier. Sie sah nach oben und war beinahe erstaunt, wirklich noch eine Decke erkennen zu können. Noch viel erstaunlicher war jedoch das riesige Mosaikbild, welches an dieser prangte. Es zeigte einen alten Mann auf einem Thron, die Arme so ausgestreckt, dass Besucher das Gefühl bekamen, von ihm beinahe berührt zu werden.

„König Olan der Zweite, zu seiner Zeit wurde dieser Palast erbaut", erläuterte Uriel ungefragt.

Er hatte sich unbemerkt hinter sie gestellt und drückte sich sanft an sie. Seien Hände umfassten beinahe zärtlich ihre Handgelenke, was ihr unweigerlich für den Bruchteil einer Sekunde ein seltsames Kribbeln in der Magengegend spüren ließ. Sie erwischte sich selbst dabei, wie sie sich an ihm anlehnte, die Augen schloss und für zwei, drei Sekunden sich entspannte.

Gerade, als ihr auffiel, wohin ihre Gedanken steuerten, löste er sich von ihr und zog an einem Seil, welches neben dem meterhohen Tor kaum zu entdecken war, wenn man nicht wusste, wo es sich befand. Jedenfalls hatte sie das Gefühl, die Szenerie minutenlang betrachtet zu haben, ohne dass es ihr aufgefallen war. Bevor sie jedoch weiter darüber nachdenken konnte, öffnete sich eine kleine Tür, die in dem Tor eingebaut war. Ein Diener bat Uriel mit einer Verbeugung hinein, betrachtete sie kritisch, verbeugte sich nach einem kurzen Blickwechsel zwischen ihm und ihrem Begleiter aber noch einmal und bat sie hinein.

Ein riesiger Raum tat sich vor ihr auf, nachdem der Diener die Tür wieder geschlossen hatte, bis auf ihre kleine Gruppe menschenleer. Der Raum war schlicht eingerichtet, nur einige Fackelhalter hingen an den Wänden, zurzeit waren diese jedoch nicht bestückt. Zugegebenermaßen hätte dies für rund einhundert an der Zahl auch eine Menge Arbeit gekostet, die Fenster spendeten auch so ausreichend Licht. Nur bekam sie unweigerlich das Gefühl, hier nicht hinzugehören.

Auf einmal öffnete sich links neben ihr eine kleine Tür, aus der ein kleiner, untersetzter Mann in einem zwar prachtvollen, aber eher einfach aussehenden Gewand, hervortrat. Auf seiner Glatze spiegelte sich die Decke, nur sein Gesichtsausdruck warnte davor, ihn zu unterschätzen. Hatte Uriel stets völlige Regungslosigkeit aufgesetzt, so sah man diesem Mann an, dass er seine Umgebung scannte wie ein Jäger im Wald. Seine Augen waren eingefallen und leicht glasig, man sah ihnen jedoch ohne den geringsten Zweifel an, dass er besser damit sehen konnte als die Meisten.

„Mein König", sagte Uriel und verbeugte sich tief, was so gar nicht zu ihrem Bild von ihm passen wollte.

Die Augen des Neuankömmlings musterten sie argwöhnisch, er sagte jedoch nichts.

„Ihr seid König Luarek?", fragte sie ein wenig zu ungläubig, besann sich daraufhin aber zu einer schnellen Verbeugung.

Er betrachtete sie, als wäre sie zwölf.

„Wen habt ihr denn erwartet? Einen zwei Meter großen Muskelberg mit goldener Axt und juwelenbesetzter Krone auf dem Kopf? Gerade ihr müsstet es besser wissen."

Sie beeilte sich, zu nicken.

„Ja, es tut mir leid."

Sie verbeugte sich erneut.

Wie zur Bestätigung flammten mit einem Mal in den Körben an den Wänden, die sie vorher für Fackelhalter gehalten hatte kleine Lichter auf, die den Raum taghell erleuchteten. Kein überaus anspruchsvoller Zauber, aber es verfehlte nicht seine Wirkung.

„Reflektierende Lichtkugeln. Seid ihr damit nicht vertraut?", beantworte er ihren kurz aus der Fassung geratenen Gesichtsausdruck.

„Nun, zur Sache, es ist schon recht spät. Wie beliebtet ihr euch zu nennen Elven, korrekt? Ich denke, ich gehe richtig in der Annahme, dass dies nicht wirklich euer Name ist, ihr mir aber nur diesen nicht nennen werdet?"

Ihre Antwort bestand aus einem versteinerten Blick, unfähig, irgendeine Reaktion zu zeigen. Sie hatte vorgehabt, Luarek zu berichten, seine Armee wäre restlos vernichtet gewesen, er solle es nicht noch einmal wagen, jenseits des Rabengebirges wehrlose Dörfer zu überfallen, die nichts mit alledem zu tun hatten. Jetzt musste sie feststellen, dass es wohl mehr ein Versuch gewesen war, den tausenden Toten, durch ihre Hand verursacht, einen Sinn zu geben. Eine Entschuldigung. Nun stand sie hier und würde wieder nichts tun. Sie hatte sie ermordet nichts weiter.

„Mich hätte zwar der Grund interessiert, warum ihr überhaupt hier aufgetaucht seid, ich bin aber bereit, die für beide Seiten vielleicht etwas unerfreulichen Aspekte unseres Zusammentreffens zu vergessen, und euch ein Angebot zu unterbreiten. Nehmt ihr es an, so seid ihr fortan in meinen Ländern willkommen, tut ihr Dies nicht, dürft ihr euch auf ein neues Heim in meinen Zellen freuen."

Daher wehte also der Wind, sie hatte bisher vermutet, Uriel hätte seine Gefangene für sich behalten, auf perfide Art und Weise verstand er es wohl auf besondere Ehre, sie an König Luarek weiterzugeben.

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