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Erinnerungen 03

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Erelyn
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„Was soll das für ein Angebot sein, bei dem ihr mich am Ende nicht so wie so töten würdet?"

„Töten? Nein. Das wäre langweilig. Würde ich euch Leid zufügen wollen, gäbe es dafür um ein vielfaches bessere Methoden, meint ihr nicht?"

Wieder bestand ihre Antwort nur aus einem ergebenen Nicken. Sie selbst wusste viel zu gut, wozu einige Magier im Stande waren. Wozu sie selbst im Stande war. Und wenn Luarek seine Position wirklich so verteidigte, wie man sich erzählte, dann sollte sie allein schon seine Ankündigung beunruhigen. Seltsamerweise tat sie das nicht. Sie fühlte sich vollkommen ruhig.

„Wunderbar, dass ihr einverstanden seid. Willkommen an der Seite Lanans!"

Ihr Kopf ruckte mit einem Mal wie ferngesteuert nach oben, sodass sie ihm direkt in die Augen sah. Sie war sich nicht bewusst in irgendeiner Weise geantwortet zu haben, es waren gerade einmal ein paar Sekunden vergangen. In ihrem Kopf zuckte für die Dauer eines Augenblicks ein schier unmenschlicher Schmerz auf, auf seltsame Art und Weise schien er von innen zu kommen. Er verschwand sofort wieder, als Luarek weitersprach.

„Ich hätte nicht gedacht, dass eine der wohl mächtigsten und bekanntesten Kampfmagierinnen noch niemals davon gehört hat, dass die geistige Magie ein wenig mehr ist, als das bisschen Firlefanz, was man an den Akademien heutzutage lernt. Nun gut, dann will ich euch nicht mehr Zeit rauben als unbedingt nötig, jetzt ist nicht die Zeit für Spielchen."

Die Verachtung in seiner Stimme tropfte beinahe sichtbar vor ihm auf den Boden. Natürlich hatte sie einiges über sämtliche Richtungen der Magie gelernt. Sie beherrschte Magie in ihren unterschiedlichen Formen, von denen man keine Einzige als Firlefanz abtun sollte, wenn man an seinem Leben hing. Nicht umsonst hatte man ihr beigebracht, sich im Zweifel so weit wie nur irgendwie möglich von feindlich Gesinnten eventuell magisch Begabten zu entfernen.

Was glaubte er eigentlich, warum die Magier in einer Schlacht sich an beiden Enden postierten? Doch wohl kaum, weil sie nicht fähig waren sich auch im Nahkampf ihrer Haut zu erwehren. Die mögliche Existenz in geistiger Magie Ausgebildeter hatte diese Taktik mit der Zeit herausgebildet. Wenn man von Regeln im Krieg sprechen konnte, so war dies unumstritten eine davon. Jeder, der sich nicht daran hielt, wurde zum Hauptziel erklärt, gegen Zehntausende, wenn man sich in deren Reihen befand, für ausnahmslos jeden das Todesurteil.

Es ärgerte sie maßlos, dass Luarek in ihrem Kopf ein und aus ging wie in einem Freudenhaus. Wenn er wenigstens anständig bezahlen würde. Sie wusste jedoch genauso wie er, dass sie nichts dagegen tun konnte. Nicht, solange sie ihm direkt gegenüberstand. Bevor sie anfing ihm für seine trotz allem recht beachtlichen Fähigkeiten Respekt zu zollen, den er nicht verdient hatte, versuchte sie die Sache etwas abzukürzen.

„Wenn ich mich umbringen will, mache ich das schon Selbst. Da brauche ich keinen Folterknecht zu, der nach drei Tagen noch nicht damit fertig ist", knurrte sie, schaffte es jedoch nicht so selbstsicher zu klingen, wie sie vorgehabt hatte.

„Ja, ich fürchte, damit würdet ihr sogar Recht behalten. Erspart es mir doch, die Arbeit meiner Knechte machen zu müssen, damit es nicht zu erwähnten Zwischenfällen kommt. Aber zur Sache: Ich würde mich natürlich auch selbst darum kümmern, zurzeit bin ich hier jedoch mit Dingen beschäftigt, in denen eine Verzögerung lästig wäre. Ihr solltet gleich ein Bild vor Augen haben von einem sehr mächtigen Magier. Leider bereist er meine Lande ohne eine Erlaubnis. Zu allem Überfluss hat er sogar beinahe ein ganzes Dorf ausgelöscht, mein treuer Untertan konnte dies zum Glück im letzten Moment verhindern."

Bei seinen Worten machte er eine ausladende Geste und ein grobschlächtiger Mann trat aus der Tür heraus, aus der auch Luarek gekommen war. Auf seinem Rücken war ein beachtlicher Zweihänder befestigt, der Mann machte den Eindruck, als würde er damit umgehen wie mit einer Axt. Ein Blick in das wachsame Glitzern seiner Augen reichte jedoch aus, um zu erkennen, dass er damit alles und jeden auf der Stelle töten konnte, was in seine Reichweite kam.

„Warren wird euch im Übrigen begleiten, als kleine Sicherheitsmaßnahme. Ich bekomme es mit, sollte ihm etwas zustoßen, also lasst es bleiben."

Warren grinste. Es erinnerte sie an ein Pferd.

„Von 'ner hübschen Frau habt ihr nix erzählt mein König. Ich werd' auf sie aufpassen, kannst dich drauf verlassen!"

Dabei schlug er sich mit der rechten Faust auf die linke Brust, was ihn ohne Zweifel als ehemaligen Soldaten auswies.

Zeitgleich schien es ihr, als würde ihr jemand ein Bild direkt vor ihre Augen halten, nur mit dem Unterschied, dass es der Realität zum Verwechseln ähnlich war. Vor einem leblosen Körper stand ein Mann mit langen, beinahe verwildert aussehenden schwarzen Haaren, in den Umhang eines Heilers gehüllt. Nein, das war kein Umhang eines Heilers, niemals würde jemand dieser Zunft schwarz und rot als Farben wählen, es würde für ihn bedeuten, dass er den Tod mit sich trug. Zwei Einhandstreitkolben links und rechts am Gürtel vervollständigten das Bild des Mörders, der beinahe ein Dorf auf dem Gewissen gehabt hätte.

Als Ganzes gesehen gab er eine seltsame Erscheinung ab, es wollte einfach nicht zusammenpassen. Sie sah seine kräftigen Muskeln, die zeigten, dass er seine Waffen nicht nur zur Zierde trug. Alte Narben, die sich über sein Gesicht verteilten, offensichtlich hatte er dies auch schon unter Beweis gestellt. Mehr als nur einige Male. So sah ein Mann aus, der das Töten gewohnt war. In der Erwartung kaltblütigen Hass darin zu finden sah sie ihm schließlich in die Augen, fand jedoch nur eine bleierne Traurigkeit. Seine Augen waren etwas Besonderes, sein Blau schien sie zu durchdringen. Ein auf seltsame Weise angenehmes Gefühl, als wollte er sie beschützen. Sie kannte diese Augen. Sehr gut sogar. Wenn sie nur wüsste, woher.

„Ich bin müde, Uriel führt euch nach draußen, Warren wird bei Sonnenaufgang am Palast auf euch warten. Tut nichts Unüberlegtes, ansonsten..."

Er hob wie ein Lehrer seinen Zeigefinger, was einzig und allein dem Ziel diente, sie noch ein wenig mehr zu demütigen.

„Ansonsten...", nahm er den begonnen Satz wieder auf,

„...müsste ich euch zeigen, dass es keine gute Idee ist, sich mir zu widersetzen. Wie erwähnt wäre das für mich einfach nur lästig und ihr erspart euch ein paar Schmerzen, wenn ihr brav seid. Ich zähle auf euch... Untertanin."

Er spuckte das letzte Wort aus wie eine lästige Fliege, drehte sich exakt um die eigene Achse und verschwand in der Tür.

XIII.

Sie war schlaflose Nächte nicht gewohnt, ein weiterer Effekt, den die lange Zeit allein auf sie gehabt hatte. Ähnliches galt für den Umstand, den gesamten Tag unter Menschen zu sein, beziehungsweise im Zentrum ihrer Aufmerksamkeit zu stehen. Wäre Quinn nicht da gewesen, sie würde seit heute Nachmittag erschöpft am Boden liegen. Sie fühlte sich klein, hilflos.

Die Bestattung der Verstorbenen war außer Kontrolle geraten. Sie hatte mitbekommen, wie Quinn verzweifelt versucht hatte, die sich anbahnende Auseinandersetzung zwischen den beiden Lagern zu schlichten. Er hatte immerhin so weit Erfolg gehabt, dass die Meisten eingesehen hatten, dass noch mehr Verletzten niemandem halfen.

Während der letzten Stunden hatte sie geistesabwesend dagestanden, das Letzte, an das sie sich klar erinnern konnte, waren flammende Worte aus ihrem Mund. Ein sinnloser Versuch, etwas beizutragen, sich nicht wie schon den ganzen Tag vollkommen machtlos zu fühlen. Die Versorgung der Kranken hatte Erinnerungen wachgerufen, hatte ihr um einiges mehr abverlangt, als sie selbst Quinn gegenüber zugeben wollte. Es hatte keinen Sinn gehabt, etwas vor ihm verstecken zu wollen, dennoch hatte sie sich nicht dazu durchringen können, die eigene Schwäche zu gestehen.

Schwäche war ein Gefühl, was seit ihrer Kindheit verboten war. Sie waren ein starkes Volk, die Gemeinschaft der Frauen sollte die Macht haben, selbst die Sterne vom Himmel zu holen, sollte es notwendig sein. Stärke und Furchtlosigkeit waren die Lehren gewesen, nur die Kinder hatten das Recht zu weinen. Wer als erwachsen gelten wollte, weinte nicht. Selbst dann nicht, wenn die beste Freundin verletzt wurde. Die letzte echte Träne hatte sie mit neun vergossen. Seitdem stellte sich mit erhobenem Haupt der ihr auferlegten Prüfung. Stärke zeigen, hatte man ihr beigebracht. Den eigenen Stolz niemals vergessen.

Irgendwie war sie wieder in das Zimmer gekommen, das sie bei ihrer Ankunft bezogen hatte. Neben sich hörte sie den gleichmäßig gehenden Atem von Quinn. Dumpf erinnerte sie sich daran, die wenigen Schritte über den Dorfplatz zu laufen. Für eine Sekunde tauchte ein Bild auf: Nicht enden wollenden Bilder vor ihren Augen von im Wundfieber liegenden Menschen, die innerhalb der nächsten Stunde die Welt der Lebenden verlassen würden.

Die Szenerie wurde zum Film. Ein einziges Bild, eine einzige Sekunde, immer und immer wieder. Das Gefühl der Vernichtung ließ sie nicht los: Die erste Nacht in der sie völlig alleine gewesen war, nach der endgültigen Schlacht. Damals hatte sie aus der Ferne das Feuer für die Toten sehen können. Zwar konnte sie nichts Genaueres erkennen, vor ihrem Auge tanzten jedoch Bilder von verstümmelten und zerstückelten Körperteilen, die einmal einem Menschen gehört hatten. Wie wertloses Brennholz ins Feuer geworfen wurden, um ihren Gestank nicht ertragen zu müssen. Allein der Gedanke verursachte noch immer Übelkeit. Sie hatte lange gebraucht, nicht mehr jede Stunde in der Nacht aufzuwachen. Nun war alles mit einem Schlag wieder da, als wäre es gerade eben erst passiert.

Hämmernde Kopfschmerzen, wie betäubt blickte sie durch das Fenster in die Dämmerung der aufgehenden Sonne. Irgendwann hatte sie schließlich Schlaf gefunden, ihr Körper sagte ihr jedoch, dass dieser ständig unterbrochen worden war. An mehr als ein paar Minuten am Stück war nicht zu denken gewesen. Sie erinnerte sich daran, dass sie ununterbrochen versucht hatte, Quinn unter keinen Umständen zu zeigen, wie es ihr wirklich ging. Mit jedem Aufwachen hatte sie seine glänzenden Augen in der Dunkelheit ausmachen können. Auch er fand keinen Schlaf, rang wie sie mit sich selbst um jede Möglichkeit auf Erholung. Dass sie der Grund dafür war, verursachte einen Stich in der Magengrube. Doch sie hatte sich jedes Mal dazu gezwungen, wieder einzuschlafen. Für einige weitere Minuten. Für ihn.

Nun saß er neben ihr, nicht ein einziges Wort hatten sie seit gestern Abend gewechselt. Er hatte ihr nur in die Augen gesehen, wie immer hatte es sich angefühlt, als wäre sie für ihn ein offenes Buch. Sein Arm lag über ihrer Schulter, schenkte ihr Wärme und Geborgenheit. Er verlangte nichts und dennoch spürte sie, dass sie ihm erzählen musste, was sie sah. Doch dafür würde sie sehr früh anfangen müssen. Nicht alles hatte direkt etwas mit dem zu tun, was sie heute war, aber es würde notwendig sein, um zu verstehen. Und um ihm endlich zurückgeben zu können, womit er vor einigen Tagen ihre Seele einfach eingefangen hatte: Eine Geschichte. Ihre Geschichte.

„Ich...", begann sie so leise, dass sie sich selbst kaum hören konnte. In der Erwartung, Quinn würde ihr bedeuten, lauter zu sprechen hob sie ihren Kopf und sah ihn an. Doch er blieb stumm, obwohl er nicht verstanden haben konnte, was sie gesagt hatte. Stattdessen zog er sie zu einer sanften Umarmung heran, als hätte sie gar nicht erst damit angefangen, ihm ihre eigene Vergangenheit zu erzählen. Genau genommen hatte sie das auch nicht wirklich, was nichts an dem wohligen Gefühl der niemals endenden Geborgenheit änderte.

Er war bei ihr, egal was sie erzählen würde, welche Geschichten zum Vorschein kämen. Vertrauen -- nur das zählte. Rief sich dies wie ein Mantra unablässig ins Gedächtnis, um nicht im letzten Moment abzubrechen -- wieder einmal. Quinn war es doch auch leicht gefallen, seine Geschichte zu erzählen... Sie erinnerte sich an die starren Gesichtszüge währenddessen. Es war ihm ganz und gar nicht leicht gefallen, er hatte es für sie erzählt. Verdiente er dann nicht mindestens dasselbe Vertrauen ihrerseits, wenn nicht sogar mehr?

Als sie zum zweiten Mal begann, war ihre Stimme betont klar, gerade so laut, dass Quinn sie hören konnte. Für ihn - zu gleichen Teilen für sich selbst. Kann man sich selbst eine Geschichte erzählen? Wohin sie ihre Worte führen würden, wusste sie nicht. Es gab Dinge, die sie geschworen hatte, für immer zu vergessen. Und die Erinnerung jeden Morgen so frisch wirkte, als wäre es kaum eine Woche her. Kurz überlegte sie, Quinn zu sagen, es gäbe kein größeres Geschenk an sie, als dass er ihrer Geschichte lauschen würde, fand jedoch nicht die richtigen Worte. Er wusste es auch ohne ihre Worte, das spürte sie.

„Es begann, als ich den ersten Tag hinter mir hatte. Den ersten Tag ohne eine Familie, meine ehemaligen Freunde -- als Überlebende. Einen Tag zuvor war ich noch eine respektierte Angehörige unseres Stammes gewesen: Eine Frau, die mit dem Wissen der Waldläuferinnen über die Künste des Bogenschießens zwar keine unangefochtene Meisterschaft, aber dennoch beachtenswerte Fähigkeiten erlangt hatte. Immerhin meinen Bogen hatte ich retten können. Ein Stück Holz. Die vielen Seelen meiner Schwestern wird niemand mehr retten können -- aber darum geht es nicht.

Wahrscheinlich ist es angebracht, gleich zu Anfang mit dem weit verbreiteten Vorurteil aufzuräumen, dass wir allesamt hervorragende Bogenschützen gewesen wären. Waldläuferinnen, wie sie auf Kupferstichen und Wandteppichen zu finden sind: Die besten Bogenschützen der bekannten Welt, ausgebildet mit den Kräften der Natur, bereit für jede Mission. Ich selbst fand es immer überflüssig zu erwähnen, dass sie nur in Geschichten existieren. Rund ein Drittel von uns kann -- konnte -- noch nicht einmal mit einer Waffe umgehen, die größer als ein Küchenmesser ist. Des Weiteren haben auch wir die Vorteile von Schwert und Schild zu nutzen gelernt, auch wenn dies oft keiner so recht glauben mag.

Wir waren kein kriegerisches Volk, aber auch wir wussten, wie die große Welt außerhalb unseres Waldes aussah. Das Einzige, was uns von einer normalen Streitmacht Unterschied, war der Umstand, dass allein Pfeilspitzen und Schwerter aus Eisen gefertigt wurden. Alles Weitere, so lehrten uns die überlieferten Weisheiten, stellte uns die Natur direkt vor unseren Augen bereit, wir müssten es nur erkennen. Holz, Pflanzen und das Leder von Jagdbeute eignen sich hervorragend für Herstellung sowie die Pflege der kompletten Ausrüstung.

Jedes einzelne getragene Teil wird mit eigener Hand hergestellt und gepflegt. So sind alle für ihr eigenes Überleben verantwortlich, Erfahrung spielt aber auch hier natürlich eine Rolle. Dennoch wurde diese Tradition nie verändert. Wohl auch, weil eine besonders kunstvolle Rüstung, ein auffallend prächtiger Bogen oder ein außergewöhnlich robustes Schild Ansehen und Ehre einbrachte. Deshalb tragen die Rüstungen und Waffen unseres Volkes auch größtenteils eine unzählige Anzahl fein ausgearbeiteter Verzierungen, sie symbolisieren in unserem Volk Wissen und Stärke. Symbolisierten.

Meinen eigenen Bogen besitze ich schon sehr lange. Es ist nicht mein erstes Exemplar, auch ich musste lernen, wie man gleichzeitig stabiles und elastisches Holz herstellt und für lange Zeit erhält. Davon unabhängig wäre kaum ein Kind fähig, die nötige Kraft aufzubringen, um einen Pfeil damit zielgerichtet abschießen zu können. Mit dem Abschluss der Arbeit daran nahm man mich in den Kreis der sogenannten „Beschützer des Waldes" auf. Man könnte es wahrscheinlich mit einem Abschluss an der Akademie oder Ähnlichem gleichsetzen. Meine Ausbildung war offiziell beendet, von nun an war es meine Aufgabe, den Stamm zu beschützen und mein Wissen an die nächste Generation weiterzugeben.

Und zu jagen. Eine Kunst, die mit viel Geduld und oft tagelangen Fußmärschen verbunden ist. Im Sommer befinden sich die Herden oft hoch oben in den Gebirgen, um dort die grünen Wiesen und von den Menschen unberührten Pflanzen abzugrasen. Der Aufstieg durch die Pässe ist beschwerlich, die eigenen Schritte hallen viel weiter als ein Pfeil fliegen könnte. Es bedarf einiges an Übung, eine Ziege unter diesen Bedingungen direkt tödlich zu treffen, dass sie nicht noch eine Meile rennt, bevor sie der Blutverlust erledigt.

Im Winter, wenn es in den Bergen für die Tiere zu kalt wird, um noch Futter zu finden, kommen sie runter in die Täler. Die großen Herden machen es auch hier oft unmöglich, sich unbemerkt durch die Bäume anschleichen zu können, um eine freie Schussbahn zu bekommen. Zwar lässt die Kälte und der Schnee, der die Futtersuche für die Tiere erschwert oft einige von ihnen so schwach zurück, dass sie nicht mehr davonlaufen können. Das Fleisch von ihnen wird dadurch aber zäh, außerdem ist es kaum möglich zu sagen, ob sie nicht an einer auch für uns tödlichen Krankheit gelitten haben. Wir sind Jäger, keine Aasfresser.

Ich lernte schnell, schneller als die meisten anderen. Meine Pfeile trafen fast immer ihr vorbestimmtes Ziel, ohne meiner Beute einen minutenlangen Todeskampf zu bereiten, den sie nicht gewinnen konnten. Ich hatte das Glück, von unserer Ältesten Rat zu bekommen, lernte, meine Beute nicht nur zu töten, sondern auch auszunehmen, die Haut zu Leder zu verarbeiten und ihr Fleisch haltbar zu machen, sowie Kräuter zu finden und zu verwenden. Oder mich von Früchten oder sogar den Wurzeln von Bäumen zu ernähren. Lernte, den Stolz eienr Waldläuferin zu repräsentieren. Heute weiß ich, dass dieses Glück mein Überleben gesichert hat. Ohne ihre Ratschläge hätte ich den Krieg vielleicht überlebt, wäre dann jedoch innerhalb einer Woche verhungert.

Vielleicht hätte ich in einigen Jahren sogar selbst dem Rat angehört. Doch mit dem ersten Tag als Soldaten fremder Völker durch unsere Siedlung marschierten hat sich viel geändert - zu viel. Ich blieb eine Jägerin. Jedoch jagte ich nicht mehr ausschließlich Hirsche und Hasen. Ich jagte Menschen und machte dabei keinen Unterschied zu Vieh. Wir vergifteten ihre Tiere, um sie aufzuhalten und zu schwächen. Wir trieben Soldaten auf einer Lichtung zusammen, nur ums sie dort aus dem Schutz der Bäume heraus abschlachten zu können. Wir töteten sie im Schlaf, damit sie sich nicht wehren konnten. Wir töteten Mörder. Bis wir selbst zu Mörderinnen wurden.

Und jeden Abend brannte der Scheiterhaufen, man konnte die Seelen beinahe zum Himmel steigen sehen. Die Toten des Tages. Am schlimmsten war es, wenn es die Nacht zuvor Kämpfe gegeben hatte, oder wenn der Wind den Gestank in Richtung des Waldes lenkte. Unser Wald, der nicht länger uns gehörte.

Bei uns wurden Tote nur verbrannt, wenn es definitiv keine andere Möglichkeit gab. Normalerweise gedenken wir ihnen einige Tage und geben den Geistern Zeit, die Seelen zu sich zu holen. Dann werden ihre sterblichen Überreste in einer eigens dafür organisierten Zeremonie dem Wald wieder zurückgegeben. An diesem Tag darf nicht gejagt werden, aus dem vergangenen Leben des einen werden die nächsten geboren, in einem ewigen Kreislauf. Unsere Körper sind, so besagt es die Überlieferung, von der Geburt an bis über den Tod hinaus Eigentum der Natur.

Ich werde niemals vergessen, wie wir die kilometerweit sichtbare Flamme des Scheiterhaufens im Soldatenlager nicht mehr nur aus der Ferne sahen. Es dauerte nicht mal eine Woche, bis auch mein Volk ein Feuer für die Toten zusammenschichtete. Mittags, damit man die Flamme nicht so weit sehen konnte, beschleunigt durch getrocknetes Moos und kleine Äste. Ich sehe noch heute das Feuer, ich kann es sehen, aber nicht begreifen. Damals hat es sich angefühlt, als würden nicht nur die Toten, sondern ich selbst mit im Feuer liegen. Das hat sich bis heute nicht geändert.

An diesem Tag hat der Krieg wirklich begonnen und erst wieder aufgehört, als niemand mehr übrig war, den man hätte bekämpfen können. An diesem Tag beginnt die Geschichte. Die Geschichte einer vereinsamten Frau, dessen Herz nie das Gefühl vergessen wird zu verbrennen. Meine Geschichte."

Erelyn
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