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Erinnerungen 03

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Erelyn
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Er wusste genau, dass sie im Zweifel nichts gegen einen gezielten Dolch ausrichten konnte, im Zweifel, während sie schlief. Nicht allein. Mit einer Armee wurde sie stets soweit geschützt, dass nur ein paar Fleischwunden durch herkömmliche Waffen blieben, sodass sie sich auf die magisch begabten Feinde konzentrieren konnte. Aber hier war sie alleine.Hatte im Zweifel alle Optionen offen.

Sie rief sich noch einmal das Bild ihres Ziels vor Augen. Sah ihn vor sich, als müsste sie nur den Arm ausstrecken, um ihn zu berühren. Diese Augen, in die sie eintauchen konnte, darin versinken und sich treiben lassen. Er sah sie an, wie ein Vater seine erwachsen gewordene Tochter ansah. Immer noch behütend und beschützend, ruhig und bedächtig. Über allem lag diese schwere Traurigkeit, weil er wusste, er musste sie loslassen. Aber er war glücklich, denn was gab es Schöneres als seinem eigenen Kind dabei zusehen zu können, wie es nun seinerseits die Welt ein kleines bisschen veränderte?

Sie neigte den Kopf ein wenig, als könne sie noch ein wenig mehr erkennen. Natürlich veränderte sich rein gar nichts, der Fremde existierte nur in ihrem Kopf. Obwohl sie das Bild nun schon zum zweiten Mal scheinbar endlos betrachtete, bemerkte sie erst jetzt, dass noch jemand auf dem Bild war. Sie sah die Silhouette einer Frau als Schatten auf dem Boden, sie hatte sogar eine Hand auf dem Rücken des Fremden. Ein kleines Stück eines Armes war hinter seiner Schulter zu sehen, die Frau selbst stand außerhalb des Bilds. Die Berührung sah vertraut aus, als würden sie sich schon sehr lange kennen.

Mit einem Kopfschütteln vertrieb sie das Bild wieder. Seit wann interessierte sie das Schicksal eines Einzigen? In den Schlachten waren Tausende gestorben, die auch Familie gehabt hatten. Als er das Dorf angegriffen hatte, hatte er sich für sein eigenes Ende entschieden. Das Urteil über ihn war bereits gefällt. Sie war nur die Hand, die es ausführte. Er war das Ziel, er musste sterben. Sie oder er, die Entscheidung darüber hatten andere bereits gefällt. Was danach kam, würde sich dann entscheiden.

„Gute Nacht", sagte sie in Richtung des Wirts, trank mit drei tiefen Schlucken den Rest Met aus und machte sich auf den Weg in Richtung ihres Zimmers.

Das Bett schien noch unbequemer, als sie es in Erinnerung hatte. So sehr sie es sich wünschte, an Schlaf war nicht zu denken. Umständlich setzte sie sich auf, nur um gleich darauf erschöpft wieder zurückzusinken. Dieser Mann, den sie töten sollte, er verfolgte sie schon die ganze Zeit über. Was machte ein Magier weniger auf der Welt schon aus? Ein Toter für ihre Freiheit -- sie hatte sie sich schon teurer erkauft. Warum in aller Welt schaffte sie es dann nicht, ihn für einen Moment aus dem Kopf zu bekommen?

Wie ein kleines Kind, das ein Schauermärchen nicht vergessen kann. Als ob sie für einen Unbekannten etwas empfinden würde. Früher oder später würde er sich zuall den anderen verlorenen Seeslen gesellen, die sie getötet hatte. An einem gewissen Punkt hatte sie aufgehört zu zählen. Immer, wenn sie darüber nachdachte, wie viele es wirklich waren, stellten sich Kopfschmerzen ein, also hatte sie gelernt, es nicht zu tun. Jetzt zwang sie der Gedanke immerhin in einen unruhigen Schlaf.

*****

Graue Wolken zogen über ihr vorbei, der Geruch von verbranntem Fleisch und Verwesung trieb ihr in die Nase. Ihre Füße waren eingeklemmt zwischen Toten und welchen, die es innerhalb der nächsten Stunde werden würden. Als sie sich herauskämpfte, schrammte ihr linkes Bein an etwas Scharfem vorbei, wahrscheinlich die Waffe einer der Gefallenen. Sie verkrampfte, als sich die brennende Wunde langsam mit Blut füllte, welches anschließend an ihrem Bein herunterlief.

Wo der Verwesungsgeruch herkam war unübersehbar, ihre Augen suchten nach der Quelle des Brandgeruchs, ohne etwas zu finden. Vorsichtig, um ihr Bein nicht allzu sehr zu belasten, drehte sie sich um und entdeckte einige hundert Schritte entfernt eine Rauchsäule, die von einem hellen Fleck aufstieg. Ein Scheiterhaufen.

Unvermittelt wurde sie zu Seite gestoßen, als zwei kräftige Männer in blutverschmierten Rüstungen an ihr vorbeiliefen, ohne sie eines Blickes zu würdigen. Sie sahen sie überhaupt nicht, einer von beiden rieb sich leicht seine Schulter, jedoch auf der falschen Seite. Sie drehten jeden der Gefallenen um und warfen ihre Waffen und alles Brauchbare in einen kleinen Wagen. Das Einzige, was sie irritierte war, dass sie jedem, mit dem sie fertig waren, die Augen schlossen. Dergleichen tat man vielleicht bei Freunden, wenn man zu viel Zeit hatte, Feinde durften gerne sehen, wie sie dem Gericht der Götter näher kamen.

„Hey, hier drüben lebt noch einer!"

Der Größere von beiden hatte sich aufgerichtet und rief in einer beachtlichen Lautstärke über das gesamte Schlachtfeld. Dann hielt er zum Zeichen einen Arm nach oben, eine gute Minute lang, dass sie sich schon fragte, wann sie dem Halbtoten endlich den letzten Schlag verpassten, bevor er das mit ihnen tat. Selbst wenn es einer von ihnen war, wer länger als eine Stunde auf dem Boden liegen blieb und dann noch behandelt wurde, verfluchte seine Retter ihrer Erfahrung nach hinterher. Sie konnte ihn nicht genau sehen, aber mehr als einen Krüppel würde er wohl kaum noch abgeben.

Zu ihrer Überraschung kam ein dritter Mann in einer beinahe vollständig dunkelrot verfärbten Lederrüstung herbeigeeilt. Er trug eine kleine Tasche über die Schulter, gerade so groß, dass man eine Menge darin verstauen konnte, aber auch beim Laufen nicht stören würde, wenn man sie festband. Die Tasche eines Heilers, die Rüstung eines leichten Fußsoldaten. Es wollte nicht so recht zusammenpassen.

In sich hinein lächelnd und gespannt, wie der Verletzte fluchen würde, während er behandelt wurde, ging sie ein paar Schritte näher. Der Neuankömmling kniete sich neben den Verletzten, bevor er sich diesem widmete, sah er noch einmal nach oben zu den ersten beiden Männern:

„Danke, sucht weiter nach Überlebenden, ich tue derweil mein Bestes für ihn."

„Sollen wir ihn hinüber zu den anderen Verwundeten tragen, damit ihr ihn behandeln könnt?"

„Komm schon, er weiß, was er tut."

Die beiden Männer verschwanden.

Nun hatte sie freie Sicht auf die Szene, noch immer lächelnd sah sie zu, wie der Heiler versuchen würde, zu helfen und doch nur Schmerzen verursachen würde.

„Wie heißt du?", fragte er sanft.

„J... Jolar", bekam er schwach zur Antwort.

„Gut Jolar, ich möchte, dass du dieses Stück Stoff...", er holte ein weißes Tuch aus seiner Tasche,

„...zwischen deinen Zähnen eingeklemmt hältst, in Ordnung? Du willst genau wie ich, dass wenigstens deine Zunge nicht noch in Mitleidenschaft gezogen wird."

„Wa... Warum tut ihr das?"

Der Mann in der Lederrüstung lächelte und strich seinem Patienten beruhigend über den Kopf.

„Nicht fragen, zubeißen", entgegnete er nichtssagend.

´Der Mann wehrte sich, spuckte den Stofffetzen wieder aus, als der andere Mann seine Hand weggenommen hatte.

„Lasst mich sterben, ich will nicht als Krüppel enden!"

Er lächelte immer noch.

„Das werdet ihr auch nicht, das verspreche ich euch. Ihr hattet Glück, wenn man das so nennen kann"

Bestimmt schob er ihm den Stoff wieder zurück in den Mund, wo es dieses Mal auch blieb. Wahrscheinlich war der Mann zu schwach, um sich noch weiter zu wehren.

Der Heiler legte zu ihrer Verwunderung beide Hände auf die Brust des Verwundeten, statt sich an die Arbeit zu machen. Erst als sie an ihm hochsah, bemerkte sie, wie sich seine Lippen bewegten, leise, gewisperte Worte wehten zu ihr herüber, in einer Sprache, die sie vor Jahren zum letzten Mal gehört hatte. Die Adern des Mannes begannen auf eine fremdländische Art zu glänzen, die konnte das schwache Herz schlagen sehen, wie von ihm ein pulsierender Lichtstrom ausging und den ganzen Körper einhüllte. Er schrie, so laut, dass sie sich instinktiv die Ohren zu hielt.

Mit einem Mal erstarb der Schrei und mit ihm das Licht, der Mann blieb wie tot auf der Erde liegen. Sie wusste, dass er nicht tot war, nur noch oberflächliche Verletzungen waren geblieben. Der Heiler saß schwer atmend daneben. Ein Heilmagier, wie sie eigentlich nur an einem Ort auf der Welt ausgebildet wurden. Sie machten sich die Kraft der Elemente zunutze, um die Heilung voranzutreiben, manchmal Dinge vollbrachten, die sonst niemals möglich gewesen wären. Die Besten unter ihnen konnten sogar vor kurzem Gestorbene wieder ins Leben zurückholen. Dinge, die sie teilweise auch einmal gelernt hatte, bevor sie sich dazu entschlossen hatte, ihr Wissen einzusetzen, um damit Zerstörung anzurichten.

Der Magier sah auf und blickte ihr unvermittelt genau in die Augen. Durchdrang sie, sah durch sie hindurch. Nein, in sie hinein. Tiefe, blaue Augen, sie wünschte sich nichts lieber, als sich einfach fallen lassen zu können. Sich ihm zu ergeben, wo er doch so schon ihre Gedanken zu lesen schien wie ein offenes Buch. Sie konnte erkennen, wie sie sich in diesen Augen spiegelte, mit dem ganzen Hass, den sie nun schon seit so vielen Jahren in sich trug. Lange, wild abstehende Haare rahmten ein Gesicht ein, das unzählige Narben trug.

*****

Sie schreckte hoch, stieß sich ihr Bein an der Bettkante, unterdrückte einen Schmerzensschrei. Sie hatte geträumt, natürlich. Dieser Mann, den sie töten sollte, war ein Mörder und kein Heiler, ihr Verstand quälte sie nur mit ihrem Gewissen. Aber warum in aller Welt hatte sie ihn dann nicht in seinem schwarz-roten Umhang gesehen, sondern in einer ihr völlig unbekannten Rüstung? Die Auswirkungen ihrer blühenden Phantasie, beantwortete sie sich ihre Frage selbst.

Ein Blick aus dem Fenster verriet, dass die Sonne jeden Moment aufgehen würde. Als wollte sie sie verhöhnen war alles in ein dunkelrotes Licht getaucht, was ihr die Szene aus ihrem Traum noch einmal in Erinnerung rief. Verdammt, sie würde jetzt nicht verrückt werden. Nicht sie, eine mächtige Magierin, dessen beste Freunde das Feuer und ihre eigene Willenskraft waren.

Mächtig. Magierin. Ihr Verstand lachte sie dafür aus, überhaupt diese beiden Wörter in Bezug auf sie selbst zu verwenden. Eine Magierin war sie gewesen, als sie von der Akademie gekommen war. Angesehen, als Beschützerin des Lebens. Doch mit ihrem Wissen hatte sie nichts angefangen, außer zu töten. Menschen das Leben zu nehmen, statt es ihnen zu geben. Mächtig? Weil sie hunderte einfache Fußsoldaten, die keine Möglichkeit gehabt hatten, gehabt hatten sich zu wehren, innerhalb von Sekunden ausgelöscht hatte? Manchmal dachte sie daran, wie viel besser diese Welt doch ohne sie gewesen wäre.

Langsam stand sie auf, es hätte so wie so keinen Sinn noch einmal zu versuchen einzuschlafen. Ihre Gedanken wanderten an den gestrigen Abend zurück, ihr Aufpasser fiel ihr ein. Vielleicht konnte sie einen kleinen Vorsprung bekommen, bevor Warren und der Rest aufstanden. Leise zog sie sich an, packte ihre wenigen Sachen zusammen und verließ geräuschlos das Gasthaus. Sie hatte dem Wirt zwar versprochen, sie würde ihm noch ein paar Dinge erzählen, aber wegen ihm würde sie nicht hierbleiben. Er konnte wohl eins und eins zusammenzählen, wenn sie nicht mehr auftauchte.

*****

„Guten Morgen, wolltet ihr etwa ganz alleine los?"

Ihr Gesichtsausdruck verfinsterte sich, als sie sich in die Richtung drehte, aus der die Stimme gekommen war. Man konnte viel über Warren behaupten, aber dumm war er nicht. Sie hatte sich extra auf den Weg zu einem Nebentor gemacht, das auf der abgewandten Seite ihres Ziels lag. In einer betont übermäßig freundlichen Art lehnte Warren daneben an der Stadtmauer und grinste sie an. Wenn sie es nicht besser wüsste, so hätte sie es beinahe für ehrlich gehalten.

„Ich stehe nur gerne mit der Sonne auf", antwortete sie ebenso frostig.

Er stieß sich von der Mauer ab, ging ein paar Schritte auf sie zu und streckte ihr die Hand hin.

„Ich mache mir keine Hoffnungen darauf, dass ihr euch über meine Begleitung freut. Ich habe mir auch nicht gewünscht mit jemandem alleine zu sein, der mich auf der Stelle töten könnte. Und was noch viel schlimmer ist: Wenn ich dann vor dem Gericht der Götter stehe, würde ich euch noch nicht einmal dann loswerden. Tötete ihr mich, seid ihr so gut wie tot."

Sie blickte ihm in die Augen, ohne seine Hand zu ergreifen.

„Dann lasst mich meiner Wege gehen und ihr seid euer Problem los und ich meines."

Für den Bruchteil einer Sekunde meinte sie einen Anflug von Traurigkeit auf seinem Gesicht zu erkennen, als sie blinzelte, war es jedoch wieder verschwunden.

„Jeder hat etwas, das ihn antreibt. Ich kann euch nicht ziehen lassen, noch euch erklären warum. Das Einzige, was zählt, ist diese Reise. Ihr lasst meine Vergangenheit in Ruhe, ich im Gegenzug dafür die eure. In Ordnung?"

Seufzend ergriff sie die Hand, die er ihr immer noch hinhielt. Er hatte verdammt noch mal Recht. Er war ihr Peiniger, ohne sich diese Position ausgesucht zu haben. Es ging ihm nicht um sie, für ihn war sie einfach nur ein Werkzeug. So wie er eines war.

„Ich bin mir sicher, ihr könnt das Tor für mich öffnen, ohne dass ich das Schloss dafür entfernen müsste?"

Warren nickte, erleichtert darüber, dass sie das Thema gewechselt hatte. Vielleicht bildete sie es sich aber auch nur ein. Normalerweise wurden die Tore erst geöffnet, wenn die Sonne vollständig aufgegangen war, zu jeder anderen Zeit kam man nur über das Haupttor an der Wachstube vorbei hinein oder hinaus. Es sei denn, man besaß einen Schlüssel. Das Aufbrechen war im Allgemeinen nicht gänzlich unauffällig, aber es rechnete normalerweise auch niemand damit, dass jemand eine halbe Stunde bevor die Tore ohnehin aufgeschlossen wurden, aus der Stadt ausbrach.

Warren löste einen Schlüssel von einem Bund an seiner Hose, der ihr vorher nicht aufgefallen war. Mit einem metallischen Schaben schwang die Tür auf und gab den Weg frei. Erst jetzt fiel ihr auf, dass sie überhaupt nicht wusste, wohin sie eigentlich aufbrechen sollten. Der Ort, den der Magier überfallen hatte, lag zwar in entgegengesetzter Richtung, allerdings war dies auch schon über eine Woche her, wenn Warren in diesem Punkt nicht gelogen hatte. Aller Voraussicht nach war er also schon weitergereist, es gab keinen einleuchtenden Grund, warum er ausgerechnet in Richtung der Hauptstadt unterwegs sein sollte.

An der Wegkreuzung vor dem Tor blieb sie kurz stehen, um auf Warren zu warten. Erst jetzt fiel ihr auf, dass sie ihm eine Erklärung schuldig sein würde, wenn sie um die Stadt herum lief. Alles, was ihr einfiel, war jedoch noch unglaubwürdiger, als die Aussage sie würde eben früh aufstehen. Sie hoffte einfach, dass er nicht fragen würde, dann würde sie sich eine peinliche Ausrede sparen. Den wahren Grund denken konnte er sich wohl eh schon. Sie wendete sich in Richtung des zerstörten Dorfes, vielleicht fand sie dort ein paar Hinweise, wohin der Magier unterwegs war.

„In unser beider Interesse würde ich gerne gleich zu Anfang ein paar Dinge mit euch klären."

Warren hatte zu ihrer Erleichterung wirklich kein Wort darüber verloren, dass sie den falschen Ausgang gewählt hatte. Bis die Stadt außer Sichtweite war und auch sonst keine Menschenseele außer ihnen beiden zu erkennen hatten sie beide geschwiegen.

„Wenn ihr versucht, mich zu töten, seid ihr eher tot.

Wenn ihr versucht, jemand anderen außer unseren Magier zu töten oder gar mit eurer Magie zu gefährden, seid ihr tot.

Solltet ihr auf die Idee kommen überhaupt Magie in irgendeiner Form einzusetzen, ohne dass ich es euch ausdrücklich gestattet habe, seid ihr tot.

Ansonsten: Falls wir auf Händler treffen oder in einem Dorf vorbeikommen, sind wir gewöhnliche Reisende, Mann und Frau. Andernfalls seid ihr tot.

Klar?"

Seltsamerweise hatte er seinen Akzent abgelegt, doch sein auffordernder Blick hielt sie davon ab, weiter darüber nachzudenken, was es damit auf sich hatte.

„Seit wann reisen Mann und Frau einfach so durch die Welt? Niemand wird uns glauben, dass wir Händler sind und ich glaube kaum, dass die Antwort ‚Mörder' uns Freunde bringt."

„Ihr seid eine Heilerin und ich euer Begleitschutz."

Ob der morbiden Ironie in dieser Lüge setzte er ein hässliches Grinsen auf, was sie ihm am liebsten mit einem kräftigen Schlag aus dem Gesicht gewischt hätte. Es war eine Sache bar jedes Gefühls eine Schlacht zu führen. Eine ganz andere war es, wenn man angesichts dieser Tatsache auch noch Freude empfand. Sie blieb ruhig.

Das Problem war, dass er Recht hatte. Warren war nicht ihr einziger Begleiter, er war nur der Einzige, den sie zu Gesicht bekommen würde. Wahrscheinlich hätte ebenjene Gruppe ansonsten auf die Jagd gehen sollen. Aber Luarek machte es schlicht und einfach mehr Spaß, andere zu manipulieren und sie nach seinem Willen wie eine Marionette zu steuern. Sie wusste, dass die eigentlichen Killer allenfalls ein wenig magische Unterstützung und einen Lockvogel ihrerseits beim Auffinden ihres Ziels begrüßten, alles weitere war ein Spiel. Sie selbst war darin die Puppe. Nur ein neues Spielzeug.

„Allzu wichtig kann unsere Mission nicht sein, sonst hätte Luarek uns Pferde gegeben, meint ihr nicht?"

Warren schien zwar nicht allzu gesprächig zu sein, aber vielleicht konnte sie so ein wenig mehr darüber erfahren, warum der König es bevorzugte, ausgerechnet sie auf die Jagd zu schicken. Vorausgesetzt sie sah davon ab, dass sie ihn nicht so einschätzte, als würde er große Umstände auf sich nehmen, nur um ein einzelnes Dorf zu beruhigen. Sie dachte an den Armen, der die Nachricht überbracht hatte. Vermutlich hatte sein Kopf bereits den dazugehörigen Körper verlassen, damit dieser die Bevölkerung nicht in Aufruhr versetzte. Schauermärchen über böse Magier kamen gut an und man musste schließlich Prioritäten setzen. Ein Dorf weniger war höchstens ein wenig unschön, das Volk in Panik hingegen eine Katastrophe.

„Vielleicht hättet ihr dann nicht kurz nach Sonnenaufgang an einem verschlossenen Nebentor in der entgegengesetzten Richtung versuchen sollen, alleine aufzubrechen. Für mich sah es so aus, als würdet ihr kein Pferd benötigen."

Er sah sie weder an, als er sprach, noch blickte er kurz zu ihr herüber. Er betonte jedes Wort auf eine Art, die sie an den gleichmäßig ratternden Ton eines Wagens erinnerte.

„Es könnte Monate dauern, bis wir sie finden, wenn nicht noch länger", warf sie ein.

„Sie?"

„Ihn", verbesserte sie sich hastig, um nicht erklären zu müssen, dass sie ziemlich sicher war, dass er nicht alleine sein würde. Aus einem Grund, den selber nicht genau bestimmen konnte, wusste sie ziemlich sicher, dass er in Begleitung einer Frau war.

„Wie sollen wir überhaupt irgendjemanden finden, wenn wir nur zu Fuß einer einzigen Person hinterherlaufen wollen? Wenn auch nur ein Fünkchen Wahrheit in dem steckt, was Luarek mir über die Gründe erzählt hat, dann wird er uns wohl nicht winkend auf der Straße entgegenkommen und uns auf Anfrage ein halbe Stunde für eine Taktikbesprechung geben. Sollte er auch nur dazu in der Lage sein, ein ganzes Dorf dem Erdboden gleichzumachen, dann sind wir alle tot, bevor auch nur jemand um Hilfe schreien konnte.

Eine Armee verfolgen? Kein Problem, einfach nur der Spur der Verwüstung folgen. Einem Händler folgen? Kein Problem, mit dem Wagen kommt selbst noch ein fußlahmer Veteran mit. Was übrigens gar nicht so selten ist. Aber einen einzelnen Mann? Das dauert entweder ein ganzes Leben lang oder es ist ein Selbstmordkommando!"

Sie hatte sich immer mehr in Rage geredet, mit jedem weiteren Wort wurde ihr klarer, wie aussichtslos und sinnlos diese Aktion eigentlich war. Umso erstaunlicher, dass Warren die ganze Zeit über nicht einmal gezuckt hatte.

„Es war eure eigene Entscheidung im Zweifel für die Krone zu sterben. Ihr hättet nur ablehnen müssen, und hättet stattdessen ein langsames und schmerzhaftes Ende gefunden. Offensichtlich gefiel euch diese Möglichkeit hier besser."

Gerade noch hielt sie sich zurück, ihm einen kräftigen Schlag mit der Rückhand zu verpassen. Er wusste genau, was für eine Wahl das gewesen war. Es half nicht im Geringsten, wenn er ihr dies nun zum Verhängnis machte. Leider wusste er das genauso gut wie sie und es machte ihm offensichtlich Spaß.

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