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Click hereEr schien sie eine halbe Ewigkeit durch das Glas hindurch anzustarren, während er sie mit seinen Augen einer mehr als unschicklichen Betrachtung unterzog. Ihre Brüste waren durch ihre Kleidung gut verborgen, einige Falten an der richtigen Stelle verhinderten, dass man mehr als das bloße Vorhandensein erkennen konnte. Es ließ sich jedoch auf etwas Ansehnliches setzen, denn ihre Taille war mehr als nur ein paar Fingerbreit schmaler, bevor sie in ihrer Hüfte endete. Der Tisch verhinderte weiter gehendere Betrachtungen, er konnte sich jedoch mitnichten beschweren, schließlich war sie nicht hier, um sich ihm zu präsentieren, weshalb er sein Glas schließlich ein wenig zu unkonzentriert absetzte, so dass ein kleiner Tropfen überschwappte und auf dem Tisch landete.
Nur langsam meldete sich sein Verstand wieder, der ihn eindeutig anwies, sich möglichst schnell zu entfernen. Es würde nur Schwierigkeiten nach sich ziehen, außerdem hatte diese Frau es nicht verdient, sein Selbstmitleid ertragen zu müssen, auch wenn sie eine Waldläuferin war. Aus einem Grund, den er sich nicht erklären konnte, blieb er jedoch einfach sitzen und sah sie weiter an.
Ihre Augen waren von einem feuchten Schimmer überzogen, wie ein kleines Kind, das gerade geweint hatte. Sie hatte jedoch nicht geweint, es war eine andere Form von Traurigkeit, die sie nach Möglichkeit versuchte zu verstecken, in ihrem Inneren einzuschließen, damit sie niemand verletzen konnte. Sie hatte in ihrem bisherigen Leben mit Sicherheit bereits eine Menge Dinge erlebt, von deren Existenz sie niemals hätte wissen wollen. Es schien, als bemühte sie sich nach Kräften, niemand anderes als sie selbst mehr sehen zu lassen, als die raue, kampferprobte Waldläuferin, die sie mimte, versagte dabei jedoch fast vollständig. Die Sprache ihrer Augen war zu deutlich, um dies alles vor ihm verstecken zu können.
Die Augen sagten mehr über sie aus, als man jemals hätte in Worte fassen können. In dem Schimmer verbargen sich unzählige Bilder, Gefühle und vor allem Schmerz. Es war die Art von Schmerz, die er nur allzu gut von sich selbst kannte. Einen Augenblick lang überlegte er, ob es nicht nur sein Spiegelbild war, was er in ihren Augen zu erkennen glaubte.
Doch dieser Gedanke wurde sofort wieder beiseitegeschoben, hinter der im spärlichen Licht der Taverne glänzenden Oberfläche befand sich ein ganzes Leben. Er sah Bilder, die von Tod und Leid erzählten und einer mit nichts zu füllenden Leere, die jede Möglichkeit auf Freude oder Glück schon im Ansatz zu ersticken drohte.
Mit einem Schlag bekam er eine Ahnung davon, warum sie sich allein zu ihm gesetzt hatte: Sie hatte niemanden mehr, jeder, dem sie einmal vertraut hatte war aus ihrem Leben verschwunden, auch wenn die Umstände dafür wahrscheinlich vielseitig waren. Sie hatte sich in ihm selbst wiedererkannt, eine einsame Seele, die ihre Existenz deutlich vor der Zeit bereute, nein, nicht bereute, sondern ernüchtert war. Es gab kein Ziel, kein Ideal, für welches es sich lohnte weiter zu machen und dennoch war der Zyklus des Tages wie ein Mantra, welches völlig ohne jede Empfindung immer und immer wieder wiederholt wurde.
*****
Ihr Blinzeln riss ihn aus seinen Gedanken, für die Dauer eines Augenblinzelns hatte sie ihn tiefer blicken lassen, als sie wahrscheinlich gewollte hatte. Mit dem Öffnen ihrer Augen war der glänzende Schimmer wieder verschwunden und die Augen dahinter waren wieder selbstbewusst, auch wenn sich der Eindruck der Leere, die sich dahinter verbarg nicht ganz abschütteln ließ. Es war aber mehr eine Ahnung, dass es sie gab, anstatt Gewissheit.
„Tut mir leid..." Ihre Stimme holte ihn endlich wieder mit all seinen Sinnen in die Wirklichkeit zurück. „Für was..." ,begann er, ließ den Satz jedoch unvollendet. Es schien unnötig fortzufahren, sie wusste auch so was gemeint war. Erst jetzt merkte er, dass ihre Aussage keine Erwiderung benötigt hätte, sie war nicht an ihn gerichtet gewesen. Es war einfach eine Entschuldigung für sie selbst gewesen, etwas, was sie benötigte, um sich von ihren quälenden Gedanken zu befreien.
Sie setze ein Lächeln auf, welches jedoch einen verbitterten Unterton nicht verbergen konnte. Das Lächeln hatte sie auf den Lippen weil es sich gehörte, dass man zu einem mehr oder weniger Fremden freundlich war, er spürte jedoch überdeutlich, dass es rein gar nichts damit zu tun hatte, wie sie sich wirklich fühlte. Es hinterließ bei ihm einen bitteren Nachgeschmack, der ihn dafür strafte diese Frau anfangs so verachtend betrachtet zu haben. Gerade rechtzeitig, bevor er sie gebeten hätte endlich diesen aufgesetzten Gesichtsausdruck abzulegen, ließ sie ihr Lächeln wieder fallen, von einem Moment auf den anderen schien es wie weggewischt, als wäre es nie dagewesen.
Um der aufkommenden gedrückten Stimmung ein wenig entgegenzuwirken begann er nun seinerseits wieder, etwas von sich zu erzählen. Warum er das tat, war ihm nach wie vor ein Rätsel, aber Daria hatte sich irgendwie als würdig erwiesen. Vielleicht waren die meisten seiner Vorurteile gegen Waldläuferinnen doch nicht immer die volle Wahrheit gewesen, bevor er jedoch darüber nachdachte, begann er lieber zu reden:
„Das Ende meiner Ausbildung kam schneller, als es mir lieb war. Da ich schon von meiner sehr frühen Kindheit an in der Akademie gelebt hatte, schaffte ich es meine Ausbildung im zarten Alter von 20 Jahren abzuschließen. Im Gegensatz zum normalen Abschlussalter von 23 war das damals etwas wirklich Ungewöhnliches.
Wie in der Ausbildung üblich, übernimmt die Akademie alle Kosten und der Schüler zahlt diese mit seinem späteren Einkommen wieder zurück. So wurde auch ich als frisch ausgebildeter Heiler in die Welt hinausgeschickt, mit einem Schuldenberg, der bei Manchen wahrscheinlich einen Herzstillstand verursachen würde.
In den folgenden Monaten musste ich lernen, dass die Aufgabe eines Heilers nicht nur darin besteht, sich um die körperlichen Verletzungen und Krankheiten zu kümmern, sondern er muss sich auch um die verletzten Seelen kümmern, etwas, das man an einer Akademie nicht beigebracht bekommt. Insbesondere dann, wenn mir nichts anderes mehr übrig blieb, als denjenigen, die mich gerufen hatten, zu sagen, dass mein Patient entweder bereits tot war oder man nichts mehr für ihn tun könne war dies besonders schwer.
Kannst..." Er stockte. Eigentlich war sie nach wie vor eine Frau, die weit über ihm stand, er hatte sie daher mit IHR oder wenigstens einem unterwürfigen SIE anzusprechen. Es war mehr als respektlos sie einfach so auf dieselbe Ebene zu stellen wie ihn. Es war ihm nur eben irgendwie... passend erschienen. Sie beide teilte nicht mehr die riesige Distanz, die sich bei so einer Anrede immer aufzubauen schien. Außerdem hatte sie sich ihm mit dem Vornamen vorgestellt, wie man es in einer Taverne wie dieser hier immer tat.
Sie bemerkte sein Stocken und hielt ihn mit einem leichten Zucken ihrer Hand davon ab, sich in eventuelle Erklärungsnot zu bringen. Sie hatte sie allem Anschein nach in einem Moment, in dem er unaufmerksam gewesen war, so in die Nähe von seiner gelegt, dass sich ihre Fingerspitzen berührten, wenn sich, wie jetzt, einer von ihnen beiden bewegte.
Bei ihrer Berührung wäre er beinahe zusammengezuckt, er konnte sich jedoch noch zusammenreißen und seine Überraschung in einen Gesichtsausdruck legen, der genau dies ausdrückte. Diesmal war ihr Lächeln ehrlich, es machte ihr offensichtlich Freude, ihn ein wenig aus dem Konzept zu bringen. Obwohl er nicht recht wusste, wie er darauf reagieren sollte, rang er sich ebenfalls ein Lächeln ab, was ihm allerdings nicht annähernd überzeugend gelang.
Sie schien es jedoch nicht zu bemerken oder ignorierte es gekonnt. „Schon gut. Auch mir ist aufgefallen, wo wir uns befinden und unter diesen Umständen ist ein DU um einiges respektvoller als jedwede andere Form. Ich war es, die sich einfach zu dir gesetzt hat, ich würde mir mehr als schäbig vorkommen, wenn du dir jetzt völlig unangebrachte Respektsbekundungen einfallen lassen müsstest.
Wage es ja nicht mir zu unterstellen, ich könnte das Theater, welches bei offiziellen Treffen gespielt wird nicht von einer abendlichen Unterhaltung in der Taverne unterscheiden. Das wäre ein Fehler."
Als Antwort nahm Quinn einen weiteren, etwas zu großen Schluck von seinem Bier und konzentrierte sich darauf, das Getränk ordnungsgemäß hinunterzuschlucken. Andernfalls hätte sich seine Kinnlade höchstwahrscheinlich selbstständig gemacht und er wäre die nächsten Minuten damit beschäftigt, sie wieder einigermaßen unter Kontrolle zu bekommen und entsprechend seinen Mund wieder zuzuklappen.
Hatte sie gerade eben wirklich angefangen, mit ihm im Plauderton zu reden, als handelte es sich hier um eine ganz normale Kneipenunterhaltung? Er wusste eben so gut wie sie, dass sich ihr Gespräch auf einer ganz anderen Ebene befand, auch wenn sie sich bemüht hatten, einen anderen Anschein zu machen.
Er bereute kein Stück mehr, sich an diesem Abend sich wie immer mürrisch in eine möglichst ruhige Ecke verzogen zu haben. Zum ersten Mal hatte er die Möglichkeit sich mit einer Gleichgesinnten, falls man dies so nennen konnte, zu unterhalten und dann war diese Möglichkeit auch noch eine mitnichten unattraktive Waldläuferin. Wenn ihm das gestern jemand erzählt hätte, er hätte ihn ausgelacht, und das lag nicht etwa daran, dass die meisten Leute, die überhaupt mit ihm über solche Dinge redeten Betrunkene waren, denen er sowieso kein Wort Glauben schenken würde.
Langsam aber sicher begann er seine Gesprächspartnerin in einem Licht zu sehen, welches ihn zusehends verunsicherte. Er ermahnte sich, damit anzufangen nicht in jedes Wort, welches Daria an ihn richtete, wie ein pubertierender Junge irgendwelche abwegigen Möglichkeiten hineinzuinterpretieren und sich unrealistische Hoffnungen zu machen. Es war eine ganz normale Unterhaltung und wenn er sich mal dazu durchringen würde, sich zu den anderen Gästen zu setzen wäre er so etwas auch gewohnt.
Er schaffte es jedoch nicht, sich von dem Gedanken abzulenken, wie weich wohl ihre Haut unter ihrem Gewand sein könnte, wie es wohl aussehen würde, wenn sich von ihren Brüsten kleine hervorstechende Erhebungen durch die Kleidung drücken würden, gespannt auf eine Berührung wartend. Er stellte sich ihren schneller gehenden Atem vor, wenn sie sich selbst darüber strich, mit der Vorstellung an einen ihr angemessenen König, der ihr beinahe alles bieten konnte, was sie sich wünschte, weit entfernt von einem Ort wie diesem hier.
*****
„Erzählst du weiter oder muss ich dich um jedes Wort einzeln bitten?" Er schreckte aus seinen Gedanken hoch und als er ihren Gesichtsausdruck sah, war darin problemlos zu erkennen, dass sie jede einzelne seiner vorangegangenen Überlegungen in seinem Gesicht mitgelesen hatte. Um vor diesen Tatsachen nicht auch noch rot zu werden, fuhr er fort. Es würde ihn auf andere, wenn auch unerfreulichere Gedanken bringen.
„Es war eine anstrengende Zeit, in der ich mehr mit mir selbst klar kommen musste, als mit etwas Anderem. Erst da habe ich gelernt, das Leben wirklich zu achten und es zu schätzen. Davor war es mehr eine Lektion gewesen, die ich eben befolgte, weil ich es so gelernt hatte. Nun wurde es auf eine gewisse Weise zu meinem Lebensinhalt und ich schwor mir, jedes Leben zu retten, wenn ich in der Lage dazu war..."
Er hatte langsam und bedächtig gesprochen. Während seiner Worte war ihm bewusst geworden, dass er diese Geschichte noch nie jemandem außer sich selbst erzählt hatte. Es war... eine Offenbarung. Er machte sich keine Gedanken mehr darüber, dass er sie einer beinahe fremden Frau erzählte, das war nicht länger wichtig. Wichtig war nur, dass er Jemanden zum reden hatte, jemanden, bei dem er spürte, dass er ihm zuhörte und ihn verstand.
„Den Grundsatz des mit allen Mitteln zu schützenden Lebens schaffte ich auch tatsächlich über mehr als eine Woche aufrecht zu erhalten, bis mir die ersten Zweifel kamen." Seine Pause an dieser Stelle war etwas zu lang und sein Atem etwas zu scharf um noch als Kunstpause verstanden zu werden. Er hatte es sich leichter vorgestellt, diese Ereignisse in Worte zu fassen, obwohl das genau genommen nicht das Problem war. Es war deutlich schwieriger seine eigenen Handlungen zu akzeptieren und all das auszusprechen, was er in der letzten Zeit so erfolgreich verdrängt hatte.
Ihre Augen schafften es aber trotzdem, ihn zum Fortfahren zu bewegen. Je länger und tiefer er seinen Blick darin versinken lies, desto sicherer wurde er wieder. Sie sah ihn die ganze Zeit über beinahe regungslos an, nur ihr immer wiederkehrendes Blinzeln unterbrach jeweils für einen kurzen Augenblick den Sichtkontakt. Sie strahlte Ruhe aus und lies ihm Zeit sich zu sammeln, eine Art, die er sonst erst ein paarmal bei anderen beobachtet hatte, wenn sie einen geliebten Menschen ansahen. Noch einmal holte er tief Luft, bis er sich im Stande fühlte endlich fortzufahren.
„Die Wende kam in Form eines beinahe toten Soldaten, oder Söldners, als was man ihn eher bezeichnen sollte. Als ich ihn das erste Mal sah, war er nicht mehr bei Bewusstsein. Sein linker Arm war mit einem hässlichen Hieb beinahe durchtrennt worden, an seinen Beinen und seinen Schultern fiel es mir schwer die vielen einzelnen Wunden auseinander zu halten. Ich habe es geschafft diesen Mann wieder ins Leben zurückzurufen, bis auf eine unschöne Narbe an seinem Arm ist beinahe nichts mehr von der ehemaligen Verletzung sichtbar.
Zwei Wochen lang war ich bei ihm geblieben, hatte alle Fertigkeiten verwendet, die mir beigebracht wurden und wurde dafür belohnt. Um mein Werk zu entlohnen empfing mich der Hauptmann der Söldnerkompanie, aus der der Verletzte kam, sogar persönlich. Dies hatte jedoch noch einen anderen Grund.
Er fragte mich ganz direkt, ob ich mich nicht als Heiler seiner Kompanie anschließen wolle, meine Fertigkeiten seien äußerst gut. Meine erste Reaktion war ein dermaßen wütender Blick, den er nie mehr vergessen hat, wie er später erzählte. Ich warf ihm Beschimpfungen an den Kopf, dass er von mir denken musste, ich sei ein unreifer Schuljunge. Wie konnte ich mich als Heiler, als Schutzbeauftragter des Lebens einer mordenden und brandschatzenden Kompanie von Raufbolden anschließen?
Seine Reaktion darauf war so ruhig, dass ich glaubte gegen eine Wand gelaufen zu sein und nun mit heftigen Kopfschmerzen davor zu stehen. Ich kann seine Art nicht beschreiben und ich weiß, dass mich niemand verstehen wird, wenn ich nun sage, dass er mich überzeugt hat mit seiner Kompanie zu reisen.
Im Nachhinein kann ich ihm nur für sein Angebot danken, ansonsten hätte ich wohl nie die Möglichkeit gehabt, auch diese Menschen zu verstehen, sie sogar als Freunde nennen zu dürfen. Auch er lehrte mich eine wichtige Lektion: Ein Leben zu schützen ist gut, doch was, wenn dieses Leben für den Tod zweier weiterer verantwortlich wäre? Es begann eine ausschweifende Diskussion mit dem Hauptmann über den Wert des einzelnen Lebens, ob ein Leben manchmal mehr wert sein kann als ein anderes und warum man sich dafür entscheidet, den Krieg zu seinem Beruf zu machen.
Mit der Zeit spürte ich eine geistige Veränderung in mir, ich verstand nach und nach die Beweggründe dieses Mannes. Gleichzeitig spürte ich, wie sich eine innere Leere in mir breit zu machen drohte, spürte, wie wenig wert ein einzelnes Leben im Vergleich zur Welt war. Warum bloß hatte ich vorher geglaubt, ich verstünde eben jene Welt? In Wahrheit war und bleibt sie so komplex, dass niemand sie wirklich im Kern ihres Seins verstehen kann.
Der Hauptmann zeigte mir, dass der Kampf manchmal unausweichlich war. Mithilfe von Mut und Überzeugung war es möglich diese Welt doch ein wenig zu verändern. Seine Kompanie war keinem eigenmächtigen König unterstellt, sondern nur ihrem Gewissen. Dieser Umstand erst machte seine Männer zu dem, was sie waren. Schließlich schloss ich mich vorerst für einen Monat der Truppe an. Dort, wo die meisten Leute dem Tod nah waren, würde ich am meisten bewirken und die meisten Leben retten können.
Dort lernte ich das schmutzige Handwerk des Kampfes und wurde zu einem Heiler mit stets griffbereiten Streitkolben links und rechts am Gürtel. Ich hatte Freunde gewonnen und blieb bis auf weiteres bei der Truppe. Ich weiß, dass mich niemand verstehen wird, aber dieser Mann hat mir klar gemacht, dass der Kampf nur eine andere Form des Schutzes von Leben ist. Er reicht bis zur völligen Selbstaufgabe und bis zur Akzeptanz des Todes, sollte man durch seine Handlungen anderen das Leben gerettet haben."
Die ganze Zeit während seiner Erzählung hatte Quinn entweder auf den Boden, an die Decke oder auf sein beinahe leeres Bierglas gestarrt und war Darias Blick ausgewichen. Er wollte nicht, dass sie sah, wie schwer es ihm fiel, diese Geschichte zu erzählen und hatte daher einige Schlüsselmomente bewusst kurz gehalten. Als er in ihre Augen sah, wusste er, warum er das getan hatte. Ihr Blick war so voller Verständnis, dass er beinahe in sich zusammengesunken wäre.
Sie schaffte es direkt in seine Gedanken zu blicken, als würde sie ihn schon sein Jahren kennen. Zum ersten Mal in seinem Leben hatte er das Gefühl, dass jemand in ihm mehr sah, als entweder den leicht seltsamen Heiler, dem man mit allerlei geheuchelter Dankbarkeit für seine Dienste dankte oder den rauen Soldaten, dessen grobschlächtige Natur allenfalls auf eine Nutte anziehend wirkte, die von seinem Sold etwas abbekommen wollte.
In den letzten Jahren war er hauptsächlich mit Männern in Kontakt gewesen, die zwar teilweise gute Freunde waren, aber zwischen einem Freund und einer Freundin gab es einen himmelweiten Unterschied. Die wenigen Frauen in der Kompanie waren ihm größtenteils wie die Männer freundschaftlich verbunden, insofern bezeichnete er sie ebenfalls einfach als Freunde.
Seit er das letzte Mal einen Menschen bei sich hatte, den er als Freundin betiteln konnte waren Jahre vergangen. Aileen war eine Akademieschülerin gewesen, genau wie er. Als er 18 gewesen war, hatte er sie das erste Mal geküsst, genau genommen war dies sein erster richtiger Kuss gewesen. Die Jahre bis zu seinem Abschluss waren aufregend gewesen, doch das Schicksal hatte sie getrennt und sie hatten es akzeptiert. Es war eine naive Jugendliebe gewesen, nichts weiter.
Danach war er zwar viel durch die Länder gereist, erst alleine, dann mit der Söldnerkompanie, jedoch hatte es irgendwie nie eine richtige Gelegenheit gegeben. Die Frauen aus der Kompanie waren Freunde und sonderlich viel andere weibliche Gesellschaft hatte er selten länger als ein paar Tage und Patienten und deren Angehörige fielen für ihn ohne Frage aus der Kategorie Begehrenswert heraus.
Mit einem Mal fühlten sich die letzten Jahre auf eine gewisse Art unvollständig an. Die ganze Zeit über hatte etwas gefehlt, von dem er nicht gewusst hatte, dass es überhaupt fehlen konnte. Bis jetzt. Daria löste etwas Besonderes in ihm aus, etwas, das ihn an Aileen erinnerte und doch wieder nicht. Das hier war anders, aber irgendwie auch sehr ähnlich.
Der Name Daria schien auf einmal der Name einer Göttin zu sein, von ihr schien ein eigenes Licht auszugehen, welches ihre gesamte Umgebung in einen behütenden Schimmer tauchte. Alles um sie herum war wunderbar und sie war der Mittelpunkt.
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„Unterbreche ich dich? Ich habe ehrlich gesagt... nicht damit gerechnet eine fast vollständige Lebensgeschichte zu hören. Vielleicht hilft es, wenn ich sage, dass meine an manchen Punkten von deiner gar nicht so unähnlich wäre." Ihre Stimme ließ ihn wiedermal mit aller Härte auf die Wirklichkeit prallen, doch diesmal fing sie ihn auf, bremste seinen Fall mithilfe einer warmen und verständnisvollen Stimme. Er hatte recht gehabt mit seiner Vermutung, dass sie ihm auf eine gewisse Weise ähnlich war, auch wenn er von ihr beinahe nichts wusste.
Nur eines wusste er sicher und dies war der eigentliche Grund, warum er ihr so viel erzählt hatte. Sie war bereit gewesen ihm zuzuhören und war bereit gewesen, sein Wesen als das zu akzeptieren, zu dem es geworden war. Sie hatte ihn nicht unterbrochen, sondern einfach nur ruhig zugehört, war für die letzten beiden Stunden die Schulter gewesen, an der er Halt finden konnte. Auch wenn er es nie zugegeben hätte, nach dieser Möglichkeit hatte er sich schon länger gesehnt, als ihm bewusst war. Aileen hatte eine Lücke in seinem Herzen hinterlassen, die sich nun langsam wieder zu füllen begann.