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Erinnerungen 01

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Erelyn
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„Ich glaube nicht, dass wir hier...", sprach er seine Bedenken aus, ohne dabei jedoch seinen Blick von ihren Augen zu entfernen. Wieder stahl sich ein Lächeln auf ihre Lippen, nun schien es aber von Grund auf anders als die wenigen Male davor. Es hatte keinen bitteren oder belustigten Unterton, dieses Lächeln war allein ihm gewidmet, niemand anderem. In ihre Augen war ein glasiger Schimmer getreten, diesmal jedoch nicht aus Traurigkeit, sondern vor Freude und ein wenig Verwunderung über das eigene Schicksal, welches genau in diesem Moment zeigte, dass es nicht nur schlechte Nachrichten, Leid und schwere Entscheidungen bringen konnte.

*****

„Hast du etwas gesagt? Hier ist es etwas laut..." Der Klang ihrer Stimme war wie ein Hammer, der ihn ungebremst am Hinterkopf traf. In seinem Kopf schien etwas zu explodieren, es fiel ihm sichtlich schwer, aufrecht sitzen zu bleiben. Seine Wünsche und Gedanken fühlten sich mit der Zeit an, als wollten sie seinen Tod.

Sein Kopf fühlte sich an wie nach einer durchzechten Nacht, in der es deutlich zu viel starkes Bier gegeben hatte. Es dauerte eine scheinbare Ewigkeit, bis sein Blick wieder klar wurde. Er tastete nach der Stelle am Bein, an der er sich beim Aufstehen gestoßen hatte und als er sie erreichte, durchzuckte ihn ein kurzer Schmerz. Wenigstens dies hatte er sich nicht nur eingebildet.

Sein Blick suchte Daria, einen Augenblick wunderte er sich, dass sie nicht mehr gegenüber von ihm saß, bis ihm wieder einfiel, dass sie sich neben ihm gesetzt hatte. Auch dieser Teil war demnach nicht seiner Fantasie entsprungen. Alles hatte sich so real angefühlt, dass er sich mit all seinen Sinnen gewünscht hatte, es wäre es, nun wusste er nicht einmal, was wirklich real gewesen war.

Das meiste war definitiv jedoch nur ein Wunschtraum, eine Einbildung gewesen, sonst würde sie nicht so regieren, sonst würde sich sein Kopf nicht schwerer als der Rest seines Körpers anfühlen. Nein, sie war nach wie vor unnahbar, eine stolze Waldläuferin, die man nicht wie eine Barbekanntschaft erobern konnte.

„Ist alles in Ordnung? Es tut mir leid, wenn ich die falschen Erinnerungen geweckt habe, als ich... dir gesagt habe, du würdest mich verstehen. Ich fürchte, das tust du besser, als ich wollte..." Sie klang ehrlich besorgt, erst jetzt bemerkte er, dass sie einen Arm um seine Schulter gelegt hatte, an welchen er sich gelehnt hatte, um nicht umzufallen.

„Nein, nein, schon gut. Ihr...du kannst nichts dafür." Langsam war er wieder vollkommen bei klarem Verstand, es dauerte jedoch immer länger, bis er dies schaffte, je länger er bei ihr blieb. Es waren Dämonen seiner Gedanken, die ihn immer mehr beherrschten. Er musste gehen, um sie endlich aus seinem Kopf verbannen zu können, bevor er entweder ihr oder sich selbst etwas antat.

„Auch wenn ich lange Zeit alleine verbracht habe, merke ich, wenn jemand auf so subtile Art und Weise lügt. Ich tu dir nichts, also sag einfach was los ist." Egal wie überzeugend sie dies gesagt hätte, er hätte ihr immer noch nicht geglaubt. Die Tatsache, dass sie dies sogar betonte, erregte bei ihm nur noch größeres Misstrauen. Es gab Dinge, die erzählte man nicht. Nicht, wenn einem an seinem Gegenüber etwas lag.

„Sagen wir einfach es ist unwichtig, in Ordnung?" Er wusste, dass dieser Versuch, das Gespräch wieder auf eine andere Ebene zu bringen, mehr als kläglich war und nicht wirklich mit einer Aussicht auf Erfolg beschieden war. Warum nur konnte er seine Gedanken nicht bei sich behalten?

Ihr Lächeln war entwaffnend und gab ihm die direkte Antwort auf seine Frage. Dagegen würde er sich niemals verschließen können, das einzige, was ihm daran weh tat war die Gewissheit, dass er sie nach diesem Abend nie mehr wieder sehen würde. Er würde weiterziehen, genau wie sie. Vielleicht war es auch besser so.

„Eins hast du mir noch nicht erklärt: Wenn du die letzten Jahre mit deiner Kompanie umhergezogen bist, wo ist diese beziehungsweise was machst du hier?" Sie zog das letzte Wort lang und für einen kurzen Moment meinte er wieder eine hochnäsige Waldläuferin in ihr zu erkennen, die mit einem abfälligen Gesichtsausdruck eine Taverne wie diese betrat. Dann jedoch wurde ihm bewusst, dass sie ehrlich verwundert über sein Schicksal war, für sie musste die Tatsache, einen einsamen Heiler mit Kriegsbewaffnung zu treffen, mindestens ebenso verstörend sein, wie für ihn, als er sie gesehen hatte.

Innerlich verbeugte er sich vor ihr, dafür dankbar, dass sie das vorherige Thema wirklich ohne weiter nachzufragen fallen gelassen hatte. „Deine erste Frage kann ich dir beantworten, die zweite nicht wirklich", begann er schließlich und versuchte sich auf seine Erzählung zu konzentrieren.

„Fakt ist einfach, dass es die Söldnerkompanie nicht mehr gibt. Sie ist sozusagen ausgelöscht worden, jedoch leben die meisten meine ehemaligen Kameraden zum Glück noch. Ich habe schon angedeutet, dass der Hauptmann ein außergewöhnlicher Mann war, er war es auch, der die Truppe mit seiner Weisheit zusammenhielt. Seine Autorität war unumstritten, genauso wie die Frage nach seiner Führungsqualität.

Ein Hinterhalt hat diese Zeit vor ein paar Monaten für uns alle beendet. Ich möchte nicht zu sehr auf Details eingehen, das Ergebnis einer kurzen aber brutalen Schlacht waren 150 Tote und ein paar Verletzte auf unserer Seite und etwa 100 auf der anderen. Unter unseren Verlusten befand sich der Hauptmann, der direkt bei der ersten Angriffswelle einen gegnerischen Pfeil nicht mehr abwehren konnte.

Danach zerfiel unsere Kompanie, denn niemand fühlte sich in der Lage, den Posten unseres Anführers zu füllen. Er war etwas wirklich Besonderes gewesen, für uns hätte man ihn glaube ich mit einem Halbgott gleichsetzten können. Vielleicht war er das auch...

Jedenfalls haben wir uns ironischerweise in Vinsalt, der Stadt in der für mich alles begann, getrennt, mit dem Versprechen, dass wir uns vielleicht irgendwann wiedersehen würden, wenn wir einen würdigen Nachfolger gefunden hätten. Dann würden wir dort weitermachen, wo wir aufgehört hatten.

Jeder bekam ausgehändigt, was er benötigte, der Truppenbesitz wurde verkauft und der Erlös aufgeteilt. Damit konnte ich meine Schulden an der Akademie fast vollständig begleichen. Nun bin ich ein arbeitsloser Heiler, der zum Töten ausgebildet wurde. Mit meinen Fähigkeiten kann ich jedoch einige Gelegenheitsaufträge annehmen und will nicht behaupten, dass ich nicht überleben könnte.

Ich bin zu dem geworden, was die meisten wohl als Abenteurer bezeichnen würden: Ein einsamer Reisender mit einigen sonderbaren Fertigkeiten und einem seltsamen Charakter, ich habe mehr von der Welt gesehen, als ich je gewollt habe."

Sie hatte wieder einfach nur ruhig zugehört, obwohl er immer wieder scheinbar endlose Pausen gelassen hatte, sodass er sich jedes Mal wunderte, dass sie überhaupt noch hinhörte, als er weitersprach. Bei seinen letzten Worten jedoch war ein merkwürdiger Ausdruck in ihre Augen getreten, sie schienen zu glänzen und gleichzeitig sämtliches Licht der Umgebung zu absorbieren.

„Es ist nicht gerade ungefährlich alleine zu reisen. Jeder muss einmal schlafen und die Wildnis ist gefährlicher, als man vermutet." Es war keine Frage gewesen, dennoch fühlte er sich dazu verpflichtet zu antworten. Er war ihr nichts schuldig, trotzdem fühlte er sich so. „Ich komme zurecht... Selbst wenn ich sterben sollte, wer würde mich vermissen? Eigentlich ist es egal, und genau nach diesem Grundsatz lebe ich. Wie lange noch, kann ich nicht sagen."

Immer noch konnte er den Ausdruck in ihren Augen nicht wirklich zuordnen. Sie wollte auf irgendetwas hinaus, er konnte sich jedoch nicht vorstellen, was dies sein könnte. „Ich würde dich vermissen..." Ihre Stimme war mit einem Mal so leise geworden, dass er sich wieder zu fragen begann, ob er sich ihre Worte nicht nur eingebildet hatte. Bevor er jedoch nachhaken konnte, fuhr sie fort.

„Ich weiß, dass mein Angebot eigentlich komplett naiv ist, aber wenn ich schon mal hier bin: Ich hoffe du hast im Moment kein besonderes Ziel auf deiner Reise?" „Was für ein Angebot? Nein, im Moment habe ich keinen Auftrag..." Dieser Ausdruck in ihren Augen... Würde sie nicht hin und wieder Blinzeln, würde er sich ohne Frage darin verlieren.

Trotz der lauten Kulisse hörte er, wie sie tief durchatmete, beinahe wäre sein Blick dabei wieder an ihren Brüsten hängengeblieben, die sich dabei sichtbar hoben. „Das ist gut. Ich suche noch jemanden, der mich auf dem Weg nach Lanan begleitet, wärt ihr bereit...?"

Diese Intention hätte er sich eigentlich denken können. Das einzige, was Frauen ihres Standes in einer Taverne taten, war die Rekrutierung von billigem Begleitschutz. Sie hatte ihre Rolle gut gespielt, das musste er ihr zugestehen, aber warum hatte er daran nicht gedacht? „Ich nehme eigentlich keine Aufträge als Begleitschutz an.", antwortete er deshalb, sein gerade wieder erwachtes Misstrauen nicht wirklich versteckend.

Es gab einen Teil in ihm, der Daria noch nicht aufgegeben hatte, der sich weiter wie ein trotziges Kind an das Bein seiner Mutter klammerte, in seinen Gedanken festsetzte und eine abstrakte Möglichkeit sah, dass sie wirklich Verständnis für ihn hatte. Im Moment war jedoch die Vernunft zum ersten Mal wieder stärker. Sie senkte den Kopf und entzog so ihre Augen seinem Blick, die bei seiner Antwort jeglichen Glanz verloren hatten. „So war es auch nicht gemeint. Ich habe kein Geld, mit dem ich euch bezahlen könnte. Es war mehr die Hoffnung auf einen... Gefährten."

Die Vernunft verabschiedete sich wieder und das Gefühl, dass sie ihn verstand, wurde beinahe übermächtig. Ein einziges Mal noch meldete sich der rationale Teil seines Denkens, um ihn eindringlich zu warnen, dass es definitiv nicht seiner Gesundheit förderlich wäre, wenn er täglich mit ihr allein wäre und er seine Fantasien nicht endlich verwerfen würde, das Verlangen siegte jedoch deutlich.

„Ich begleite euch", war das Einzige, was er noch klar formulieren konnte, bevor er sich mit all seiner Kraft darauf konzentrieren musste, mit seinen Gedanken in der Gegenwart zu bleiben. Auch wenn es sich so richtig angehört hatte, das Abgleiten in das respektvollere IHR machte es ihm ein wenig leichter, die Distanz zu wahren. Vielleicht benutze man es auch deshalb so häufig, um eben jene Aussetzer zu verhindern, die ihn immer wieder an einen anderen Ort geführt hatten. Ihr erleichtertes und dankbares Nicken verlangte ihm genug Konzentration ab.

„Danke. Dann sehen wir uns morgen am nördlichen Dorfausgang?" Er nickte zur Bestätigung, beinahe froh darüber, dass sie aufstand und die Taverne verließ. So hatte er wenigstens einen Moment für sich, um das eben Geschehene zu verarbeiten, auch wenn er wusste, dass ihm dies nicht auf der Reise an sich helfen würde. Egal wie sehr er versucht hatte, sich abzulenken, seine Gedanken waren immer wieder abgeglitten.

Es würde definitiv nicht leichter werden, wenn er sie begleitete, beim Gedanken daran, dass er sich wahrscheinlich sogar das Zelt mit ihr teilen würde, um die nächtliche Kälte ertragbarer zu machen, musste er sich bereits jetzt schon stark zusammenreißen.

Dennoch, er hatte ihr Angebot annehmen müssen, egal wie unvernünftig es war. Die Gelegenheit, eine Stammesführerin der Waldläuferinnen begleiten zu dürfen, würde nicht noch einmal kommen. Es war eine einmalige Chance. Egal wie unwahrscheinlich es war, dass seine Hoffnung auf mehr als nur einen gemeinsamen Weg in Erfüllung gehen würde, diese Gelegenheit war noch unwahrscheinlicher, es wäre mehr als fahrlässig, sie einfach verstreichen zu lassen. Selbst wenn er dabei sterben würde, den Rest seines Lebens hätte er auf jeden Fall sinnvoller verbracht, als es im Moment der Fall war.

Der letzte Schluck aus seinem Bierkrug fiel schließlich diesen Gedanken zum Opfer und auch Quinn machte sich auf den Weg zu seinem Zimmer. Für mindestens eine Woche würde es das letzte Mal sein, dass er die Gelegenheit bekam, in einem Bett zu schlafen. Die nächste Woche würde anstrengend werden. Mental und körperlich.

III.

Die Nacht war unruhig gewesen, er hatte länger als gewöhnlich gebraucht, um endlich Schlaf zu finden. Daria war zu sehr in seinen Gedanken präsent, als dass er sie hätte verdrängen können. Trotz diesen Gedanken Schlaf zu finden und sie zu akzeptieren war ihm schwer gefallen.

Nun stand er mit einem mehr schlecht als recht gepackten großen Lederrucksack, an dessen Seiten noch einige Gegenstände hingen, die nicht mehr hinein gepasst hatten und seinem Umhang am nördlichen Dorfausgang in Richtung Lanan. War das letzte, was er vom gestrigen Abend in Erinnerung behalten hatte ebenso ein Traum gewesen, wie auch einige andere Dinge? Nein, seine Vorstellungen waren stets idealisiert gewesen, die Absprache sich hier zu treffen war es nicht. Sie würde kommen, das wusste er.

Langsam zeigten sich die ersten Lichtstrahlen am Horizont und tauchten den Weg in ein rötliches Licht. Einige Nebelschwaden über den Feldern wurden sichtbar, alles schien unter einer weichen Decke zu liegen. Er liebte Sonnenaufgänge in dieser Jahreszeit, sie hatten etwas Magisches und hinterließen einen Eindruck des Friedens.

„Guten Morgen!", begrüßte ihn Daria, als sie am Tor ankam, „Ich hatte damit gerechnet die Erste zu sein..." Im Gegensatz zu ihm wirkte sie ausgeruht und voller Tatendrang, ein Gefühl, was er schon vor langer Zeit aufgegeben hatte. „Ich sehe mir gerne den Sonnenaufgang hier an... Er beruhigt die Seele." Dies sagte er, ohne sich ihr zuzuwenden, er blieb einfach mit dem Blick in Richtung Horizont stehen. Erst als sie ihn leicht am Arm streifte, wandte er sich um.

Sie hatte ihren Bogen am Rücken festgeschnallt, so dass er über ihrem Rucksack hing, der wie seiner deutlich überfüllt schien. Sie trug eine grob gearbeitete Stoffhose, den Umständen einer längeren Reise angemessen. Röcke oder Kleider waren in ihrem Volk unüblich, da sie in der Wildnis nur hinderlich waren. Über das dunkelgrüne Oberteil vom Vortag hatte sie eine Jacke aus Tierleder zum Schutz vor der Kälte gezogen, an ihrer rechten Seite ließ sich ein gut gefüllter Köcher am Gürtel vermuten.

„Wir sollten uns auf den Weg machen, es ist weit bis Lanan", sagte er schließlich und erntete ein zustimmendes Nicken. „Stimmt, aber deshalb macht es auch keinen großen Unterschied, ob wir etwas schneller oder langsamer voran kommen. Wir werden die nächsten Nächte sowieso im Wald verbringen müssen, ein Tag mehr oder weniger ist letztendlich egal."

Dabei starteten sie dennoch ihre Reise, auf dem Weg würde es mehr als genug Zeit zum Reden geben. Quinn war froh, sich durch das Laufen ein wenig ablenken zu können und so liefen sie die erste Stunde schweigend nebeneinander her und genossen die Stille des Morgens.

Wenn man pünktlich mit der Sonne aufbrach, hatte man den Vorteil nicht auf zu viele Bauern oder andere Leute zu treffen, die dem mehr oder weniger geschäftigen Dorfleben nachgingen. Je weniger Leute er traf, desto weniger misstrauische Fragen nach seinem Beruf musste er beantworten und die wären in Begleitung einer Waldläuferin bestimmt nicht weniger geworden. Er hatte sich noch nie mit einem geregelten bürgerlichen Leben abfinden können, er liebte die Einsamkeit und deren Stille.

Es war lange her, seit er auf seinen Reisen eine Begleiterin gehabt hatte. Sah man von seiner Zeit in der Söldnerkompanie ab, war dies eigentlich nur einmal vorgekommen, doch er hatte sie nur für zwei Tage in die nächste Stadt begleitet. Sie war damals mehr als doppelt so alt wie er gewesen und ihre Gespräche hatten sich auf eine rein rationale Basis beschränkt.

Daria war anders, er hatte ihr an einem Abend mehr erzählt, als Anderen über einige Monate hinweg. Es hatte Wochen gedauert, bis er zu seinen Kameraden in der Kompanie genug Vertrauen geschöpft hatte, um ihnen die Geschichte seiner Herkunft zu erzählen, sie hingegen hatte es geschafft, dieses Vertrauen an einem einzigen Abend zu gewinnen.

Das Merkwürdige daran war, dass er sich nicht schlecht fühlte, er bereute kein Stück seiner Erzählung. Er fühlte, dass sie würdig war, dies alles zu erfahren. Ihre Nähe tat ihm gut, sie vertrieb das Gefühl der Einsamkeit, welches ihn immer auf Reisen dieser Art umfing. Sie musste nichts tun, außer einfach da sein, das war genug, um sich geborgen zu fühlen.

Eine weitere Stunde verstrich, ohne dass einer von ihnen die Stille zerstörte. Schließlich trafen sie auf die erste fremde Person, bis hierhin war alles menschenleer gewesen. Es war ein Händler mit einem großen Wagen, sodass sie vom Weg herunter mussten, um ihm auszuweichen. Er nickte ihnen freundlich zu und trieb seine beiden Zugpferde an, sich nicht bewusst, dass er die Stille nachhaltig zerstört hatte.

Als sie wieder auf den Weg zurückkehrten fühlte er sich unbehaglich, das Schweigen war nicht mehr beruhigend sondern bedrohlich. Einen Moment dachte er über ein passendes Gesprächsthema nach, bis er sich schließlich für das Unverfänglichste von allen entschied.

„Warum wollt ihr nach Lanan?", fragte er, sich erst im Nachhinein bewusst werdend, dass er sie schon wieder förmlich ansprach und sie sich definitiv wieder darüber lustig machen würde. Es bot aber immerhin einen lockeren Anfang.

Ihr kurzes Lachen bestätigte dies und mit einer hellen und wundervoll offenen Stimme antworte sie: „Ich habe doch schon gestern erklärt, dass ich diese Respektsbekundungen überflüssig finde. Gewöhn es dir mir gegenüber gar nicht an, in Ordnung?

Zur Frage, was ich in Lanan will: Ich habe herausgefunden, dass dort wahrscheinlich ein Bruder von mir, ein Sohn meiner leiblichen Eltern, wohnt. Ich habe ihn noch nie gesehen, von daher könnte die Suche schwierig werden, aber ich habe niemanden mehr. Die Suche nach meiner echten Familie gibt mir so etwas wie eine Aufgabe. Wie sieht es mit dir aus? Was hat dich hierher geführt?"

„Ein Auftrag.", antwortete er knapp, dies war eigentlich eins der Themen gewesen, die er vermeiden wollte. Ein kurzer Blick von ihr zeigte jedoch, dass sie mit seiner Antwort nicht zufrieden war. Er seufzte, sie würde in der nächsten Zeit wahrscheinlich so wie so mehr erfahren, als ihm lieb war, dann konnte er auch sofort damit anfangen.

„Die Aufträge, die ich annehme, sind nicht gerade das, was man als ruhmreich bezeichnen würde. Glaubst du an das Schicksal? Ich habe es lange Zeit verleugnet, doch die Zeit hat mich eines Besseren belehrt." „Das Schicksal ist das, was man selbst verursacht hat. Nichts ist vorherbestimmt, alles unterliegt dem eigenen Willen", antwortete sie mit fester Stimme. Sie klang überzeugt, jedoch unsicher, was seine Erklärung bereithalten würde.

Eine Zeit lang schwieg er und fuhr schließlich mit einem Nicken fort. „Der Meinung war ich auch lange. Aber zurück zu meinem ehemaligen Auftrag. Ich bekam die Aufgabe, den Sohn eines Händlers zu ... überzeugen, sich dem Geschäft seines Vaters anzuschließen und das Dorfleben aufzugeben. Er bezahlte gut, also machte ich mich auf den Weg hierher.

Der Sohn war mittlerweile verlobt ... mit einer Bauerstochter und dachte nicht daran zurückzukehren. Ich versuchte ihn zu überreden, hatte jedoch keinen Erfolg. Stattdessen überredete der Sohn mich, seinem Vater glaubhaft zu versichern, er sei tot. Er würde mir nichts zahlen können, da er nichts außer seinem kleinen Hof besitze, aber ich hätte ja das Geld von seinem Vater.

Ihre Liebe war ... echt, natürlich. Ich konnte sie nicht zerstören. Ich machte mich also wieder auf den Weg in die Stadt. Zwei Stunden vor dem Stadttor wurde ich Zeuge eines Raubüberfalls, von der Sorte wie sie zu hunderten auf der Straße vorkommen. Es waren zwei Räuber, die einen Händlerkarren überfielen, brutal und effektiv. Ich weiß nicht warum, aber ich stand einfach daneben und tat nichts, obwohl ich die Möglichkeit gehabt hätte einzugreifen.

Die Räuber flüchteten als, sie mich sahen, nicht ohne vorher jedoch den zughörigen Händler zu töten und die wertvollsten Waren mitzunehmen. Dieser Händler war der Vater, von dem ich den Auftrag bekommen hatte, seinen Sohn zu ihm zu bringen. Ich wollte ihn über den Tod seines Sohnes anlügen und nun war er selber tot. Ob er ein guter Vater war, der eigentlich nur seinem Sohn ein gutes Leben bescheren wollte weiß ich nicht, genauso wenig warum er alleine vor der Stadt unterwegs war. Das Einzige, das mir noch übrig blieb, war wieder in das Dorf des Sohnes zurückzukehren und ihm von dem Schicksal seines Vaters zu erzählen.

Erelyn
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