tagLiebe zw. versch. RassenIn der Nähe so fern

In der Nähe so fern

byAuden James©

Aus dem amerikanischen Englisch von Auden James
© 2017 Auden James
Alle Rechte vorbehalten

Originaltitel: An Aperture Apart
Copyright © 2010 by ohmanon
All rights reserved





6. Juli


Wir fickten zum ersten Mal letzte Nacht. So schnell habe ich's nicht kommen sehen. Heute Morgen erzählte ich A, dass ich von ihm benutzt werden wollte. »Ja, ich werde dich benutzen«, sagte er.

21. Juli


Ich bat ihn gestern, mich zu fesseln und mir die Augen zu verbinden, aber er wollte nicht. Jedes Mal, wenn wir auf seinem Zimmer abhängen, habe ich nur Augen für sie. Am Kopfende des Bettes … eine schwere schwarze Schiffsklampe.

Er sagt nichts, aber ich weiß, er schweigt, weil er nicht will, dass das Grund ist, aus dem wir zusammen sind. Ich hasse, dass er davon redet, wie er sie und das kostbare Leinenseil bei seiner letzten Freundin benutzte … aber nicht für mich benutzen würde.

25. Juli


Letzte Nacht sagte er: »Eines Tages müssten wir uns dennoch trennen, und das bald. Aber du bist verrückt nach mir, nicht wahr.«

Ich weiß nicht, wieso ich zu weinen anfing. Ich konnte nicht aufhören. Er fragte mich ständig, was los sei, aber wie sollte ich's ihm sagen? Ich konnte ihm nicht sagen, dass ich ihn eigentlich verachtete. Ich konnte ihm nicht sagen, dass ich selbst mich noch mehr dafür verachtete, anders von meinen Gefühlen gedacht zu haben.


Brooklyn
28. Aug


Missmutigen Blickes blätterte Aiko durch die Seiten ihres ledergebundenen Tagebuchs, dann klappte sie es zu.

Durch das Fenster im ersten Stock des elterlichen Brooklyner Brownstones stob das Stimmengewirr herumalbernder Teenager herein. Sie entließ einen seichten Seufzer aus ihren Lungen und fasste den vollen Reisekoffer ins Auge, der neben ihr offen auf dem Bett lag. Sich aufrichtend langte sie unter einen schweren Stapel sorgsam zusammengelegter Hemdblusen und zerrte ihre eine Errungenschaft aus Japan hervor. Sie drehte die Flasche behutsam in ihren Händen, das Gewicht erfühlend, die Oberfläche des schön bemalten Blau-Weiß-Porzellans begutachtend. Sie kippte sie ein klein wenig und genoss das Geräusch ihres flüssigen Inhalts, der gegen die inneren Konturen des Flaschenhalses gurgelnd seine Gestalt wandelte. Mit geübter Geste umlief sie den Verschluss mit der linken Hand und machte sich auf den süßen, beißenden Geschmack gefasst.

***


Am nächsten Abend stellte Aiko die leere Flasche sorgsam neben den Mülleimer.

Was für eine Verschwendung, dachte sie von ihrer hübschen Form und Farbe. Wäre sie kein Geschenk von ihm, ich würde sie mit mir nehmen.

Sie hielt ihr Gesicht unter den Kaltwasserhahn im Badezimmer, trocknete sich dann an einem weißen Handtuch ab, während sie sich im Spiegel betrachtete. Sie wirkte bleich, teigig irgendwie.

»Aiko, wohin gehst du?«, rief ihre Mutter aus der Küche, als sie die Treppe hinab zur Haustür trottete.

»Ich mache mich auf den Weg zu Hannah«, sagte sie, in ein Paar grellgelber Ballerinas schlüpfend, »ich bin zum Essen zurück, keine Sorge.«

»Okay, nicht vergessen. Ich mache dir dein Lieblingsessen heute Abend.«

Im Glaseinsatz der Haustür wurde die düstere Straße eingefangen und verzerrt in einer Reihe wirbelnder Kreise. Aiko öffnete sie mit einem lauten Knarren und trippelte die Treppenstufen hinab in Richtung Bürgersteig.

*


Drei Straßen weiter schwang Hannahs Tür auf. Sie zitterte förmlich, ihr Gesicht übersprudelnd vor Freude.

»Aiko! O mein Gott!« Sie warf ihre Arme um Aiko, einen zufriedenen Seufzer ausstoßend. »Viel zu lange her, Lady.«

Aiko erwiderte ihre Umarmung vollumfänglich, ihren vertrauten Geruch einatmend. Hannahs Haar, braun und fransig, kitzelte ihre Nase.

»Ich weiß, ich war komplett verschollen.«

»Allerdings, hundert Jahre in etwa!« Hannah trat zurück und musterte sie. Sie konnte kaum stillstehen.

»Eher zwei«, sagte Aiko nüchtern.

»Zwei, zehn, egal. Es war eine Ewigkeit.« Hannah gestikulierte wild: »Komm rein!«

Aiko betrat befangen die Diele eines Hauses, in dem sie einen Gutteil ihrer Zeit als Teenager verlebt hatte. Der unaufdringliche Muff und die hölzernen Odeurs versetzten sie zurück in eine Zeit, die kaum verstrichen war, doch sich anfühlte wie ferne Vergangenheit. Sie wehrte plötzlich und unerwartet aufsteigende Tränen ab.

»Für wie lange bist du in der Stadt?«

Sie blickte hinter sich in die matten Schatten der schmalen Diele, wo sie Hannahs Silhouette auf sich zutreiben fand.

»Fünf Tage. Dann muss ich zurück nach Providence.«

»Fünf Tage?«

»Jepp, ich bin einfach zu spät zurückgekommen aus Kyoto. Und die Uni fängt nächste Woche an«, entgegnete Aiko lapidar.

Hannah geleitete sie sanftmütig aus der Diele, vorbei am Wohnzimmer in eine schlichte, aber elegant beleuchtete Kitchenette.

»Na, immerhin kann ich dich besuchen. Du wirst ja nicht 20 Flugstunden weit weg sein«, lachte sie. »Lass mich dir einen Drink machen. Du magst Sangria?«

*


Die meisten Sangrias enthalten kein Eis, Hannahs schon. Die Würfel schmolzen mittlerweile auf dem Grund von Hannahs und Aikos Gläsern.

»Weißt du, irgendwie steige ich nicht dahinter, wieso du so fixiert auf Japan warst, dass du ein zusätzliches Jahr bleiben musstest«, bemerkte Hannah, eine Tupperware-Dose voll aufgeschnittener Wassermelone aus dem Kühlschrank nehmend. »Ich meine, gibt's nicht jede Menge megageile Studienangebote und Praktika für Photographie hier in der Stadt?«

»Gibt's …« Aiko verlagerte ihr Gewicht gegen die Arbeitsplatte. »Ich wollte einfach andere Städte sehen. Das ist nicht so schwer zu verstehen.«

»Kann sein«, sagte Hannah. »Vielleicht ist der Unterschied, dass ich noch nicht so lange in der Stadt lebe wie du.«

Sie zog den Deckel von der Dose und holte zwei Gabeln hervor.

Aiko betrachtete sie still. Pragmatische, umsichtige Hannah. Hannahs Familie war zu eng verbunden, als dass irgendeines ihrer Mitglieder sich allzu lange weit entfernen konnte.

»Ich wette, es ist ein Typ«, sagte sie plötzlich. Aiko zuckte zusammen.

Hannah blickte über ihre Schulter, die Lippen gespannt zu einem Halbgrinsen. »Ich kenne dich. Es ist ein Typ.«

Sie war noch für einen Moment perplex.

»Komm schon, raus damit.« Hannah stach nach einem Stück Melone. »Ich kenne dich gut genug, um zu wissen, dass du's mir ungefragt nicht erzählen würdest.«

Ruhig ausatmend rang Aiko die Hände. »Ich traf einen Typen da draußen …«

Hannah steckte sich die Melone in den Mund, ohne ihr einen Blick zuzuwerfen. Zwischen ihnen verging ein Moment der Stille.

»Er kam aus Finnland«, fuhr Aiko fort. »Die Austauschstudenten aus dem Ausland haben einfach irgendwie zusammen abgehangen, weißt du. Und wir haben uns gleich zu Beginn des Semesters gut verstanden. Ich fand ihn nicht heiß, am Anfang. Er machte keinen großen Eindruck auf mich. Aber dann …«

»Dann …« Hannah verstummte für sie.

»Er beschäftigte sich auch mit Photographie, aber sein Hauptmedium war Video … Als ich ihn besser kennenlernte, also er – also ich – ich kann im Moment einfach nicht über ihn reden.«

»Es ist nicht gut ausgegangen?«

»Nein. Ganz und gar nicht.«

»Also … wie ist es ausgegangen?«

Aiko mühte sich, Worte aus dem Ozean an Romanen, die sie in Gedanken bereits über die Trennung verfasst hatte, zu fischen. Sie scheiterte kläglich.

Sie hörten die Eingangstür zu Hannahs Haus klickend aufgehen, dann zufallen. Schwere Schritte hallten durch die Diele.

Hannahs jüngerer Bruder kam in die Küche geschlendert, den Blick nicht für einen Moment von Aikos Gesicht wendend. Sein kurzes, dunkles Haar glitzerte filzig auf seinem Kopf, schweißig und feucht. Er stolzierte mehr, als dass er ging, angeberisch, wie es nur bei Teenagern zu beobachten ist.

»Hey, Aiko«, war alles, was er sagte. Sie dachte, dass sie ihn um Haaresbreite ein Grinsen zurückhalten sah. Oder eine Grimasse?

Hannah gänzlich ignorierend riss er mit einem Ruck die Kühlschranktür auf, einen staubigen Basketball noch immer zwischen seine Hüfte und andere Hand geklemmt. Nachdem er sein Gesicht etliche Sekunden lang im Kühlschrank vergraben hatte, tauchte er mit einem überwiegend leeren Milchbehälter wieder auf. Er schnippte den Plastikdeckel mit dem Daumen beiseite und schüttete, was vom Inhalt übrig war, in seine Kehle. Aiko registrierte eine hitzige Röte, die rasend schnell sein schweißglänzendes Gesicht überzog.

»Hey, Paul«, sagte sie, als er sich den Mund mit dem Handrücken abwischte. »Ist ein Weilchen her, nicht?«

Er nickte, seiner Schwester schließlich doch einen verstohlenen Blick zuwerfend.

»Was machst du so dieser Tage, Football spielen?« Aiko stierte eindringlich auf seinen dicken Bizeps. Er hatte die Ärmel seines schwarzen T-Hemds hochgekrempelt. Er entsprach mitnichten ihrer Erinnerung aus dem letzten Schuljahr an der Highschool. Der Paul zwei Jahrgangsstufen unter ihr war ein schlaksiger, hoch aufgeschossener Junge mit wilder Wuschelmähne gewesen, der in seine großen Hände und Füße erst noch hineinwachsen musste. Er war auch mehrere Schattierungen dunkler geworden. Der Paul von heute schien die gesamte Küche einzunehmen.

»Basketball.«, sagte Hannah augenrollend. »Nichts anderes macht er jetzt mehr.«

»Als ich noch zur Schule ging«, berichtigte Paul, Aikos Stieren scheuend. »Ich werde dann mal unter die Dusche springen.«

Er stellte den leeren Behälter auf die Arbeitsplatte und eilte zur Treppe im vorderen Teil der Diele, das Gespräch abrupt beendend. Hannah und Aiko hörten die Stufen knarren und ächzen unter seinem Gewicht, als er außer Hörweite und treppauf trampelte ins obere Stockwerk.

»Krass. Komplette Verwandlung«, sagte Aiko mit hochgezogenen Augenbrauen.

»Lass dich von ihm nicht hinter die Fichte führen«, feixte Hannah und deponierte den leeren Behälter im Müll. »Du solltest ihn sehen, wenn er nicht in deiner Nähe ist.«

»Wieso, was meinst du?«

»Der Junge sitzt die ganze Zeit an meinem Rechner und sabbert deine Facebook-Seite voll.«

»Ha! Echt …«

»Japp, er steht total auf dich, schon seitdem du nach Rhode Island gegangen bist. Hat's sich selbst die längste Zeit auch nicht eingestanden. Ist fast schon lustig das Ganze.«

Aiko rief sich vage Bilder ins Gedächtnis, wie er heimliche Blicke riskierte, wenn sie bei Hannah übernachtete. Besonders wenn sie im Sommer kurze Hosen und knappe Oberteile trug. Sie hatte es abgetan, dachte, dass es nur seine verrücktspielenden Hormone waren.

»Also ist er für gewöhnlich nicht so … verschlossen?« Es fühlte sich plötzlich eigenartig an, über Paul auf diese Weise zu sprechen. Es fiel Aiko auf, dass sie kaum etwas über ihn wusste, während seine Schwester und sie schnell Freundinnen geworden waren.

Hannah schüttelte den Kopf. »Ganz und gar untypisch für ihn, dieses Verhalten. Wahrscheinlich die Flatter gekriegt.« Sie kicherte.

»Nun, gut zu wissen, dass er nicht antisozial ist.«

»Joa, stimmt. Wir machen uns trotzdem unsere Gedanken.«

»Wieso?«

»Er hat zwar seinen Abschluss geschafft, aber Mom und Dad können ihm zureden, wie sie wollen, sie kriegen ihn nicht dazu, sich zu entscheiden, wie es weitergehen soll.« Hannah blickte gedankenfern in die Diele. »Wir haben's echt schwer mit ihm, weil er nicht einsehen will, dass er seine Ausbildung weiterverfolgen und nicht einfach irgendwelche Gelegenheitsjobs in der Nachbarschaft annehmen sollte, weißt du?«

Aiko war still, sie dachte zurück an ihr eigenes Abschlussjahr und wie leicht es ihr gefallen war zu entscheiden, was sie tun wollte. Es war für sie mitnichten ein Orakelspruch gewesen, was für eine Universität sie besuchen wollte, was sie studieren wollte, wo sie es tun wollte. Und es bestanden auch keine Bedenken, sobald sich ihr die Möglichkeit bot, ins Ausland zu gehen.

Hannahs Stimme rüttelte sie aus ihren Gedanken. »Jedenfalls erzähle ihm bloß nicht, was ich dir erzählt habe. Sonst bringt er mich um.«

*


Sie verharrte kurz am Fuß von Hannahs Beischlagtreppe. Sie hatten vorläufigen Abschied nehmend Augenblicke zuvor sich umarmt, und die Tür war in ihrem Rücken gerade ins Schloss gefallen.

Aiko ging ein paar Schritte, ehe sie die Tür sich wieder öffnen hörte. Sie drehte sich um und erwartete mehr oder weniger, Hannah zu sehen, aber sah stattdessen Paul die Stufen herunter- und auf sie zueilen. Er trug noch immer seine alten Sachen, aber war barfuß.

»Hey, ähm …«, atmete er durch, ein paar Fuß von ihr entfernt stehenbleibend. »Bist du, ähm …«

Aiko hob eine Augenbraue, ein leises Lächeln formte sich auf ihren Lippen. Er kratzte sich im Nacken, um einen nicht vorhandenen Juckreiz zu stillen.

»Omar gibt, ähm, eine Hausparty heute Abend.«

»Omar?«

»Oh, äh! Er ist ein guter Freund – aus der Mannschaft.«

Sie konnte sich nicht helfen, aber der plötzliche Wandel in seinem Auftreten amüsierte sie ein wenig. War das der normale Paul? Aiko griente. Trotzdem, sie fand sich nicht bereit, auf einer Highschool-Party gesehen zu werden. Das war zu schräg.

»Ich muss zum Abendessen zu Hause sein, leider. Vielleicht sehen wir uns nochmal, bevor ich abfahre?«

»Ah – also.« Er griff in die Taschen seiner kurzen Sporthose und nestelte ein Mobiltelephon heraus. »Vielleicht sollte ich dir meine Nummer dalassen, und du kannst anrufen, falls du's dir anders überlegst? Ich meine – falls es zeitlich geht …«

»Ich habe mein Telephon nicht dabei, aber du kannst mich anrufen und dann habe ich ja deine Nummer.«

»Joa, okay«, sagte er, sein Telephon auf der Stelle aufklappend. Aiko gab ihm ihre Nummer und studierte indes sein Gesicht. Der dunkle Teil ihres Verstands gab ihr die Frage ein, ob er diesen Moment wohl kurz zuvor geprobt hatte.

»Cool.« Paul steckte das Telephon in eine Hosentasche und tat einen halben Sprung zurück zur Beischlagtreppe, als wäre er erleichtert, das Schlimmste überstanden zu haben. »Bis später dann.«

»Tschau«, sagte sie und beobachtete ihn, wie er die Treppenstufen hochjoggte und hinter die Eingangstür in Sicherheit hastete.

*


Das große Steak lag ihr noch schwer im Magen. Aiko begab sich bedachtsam die Vortreppe ihres Hauses hinunter, ihre analoge 35mm-Canon um den Hals gehängt. Um elf Uhr abends war die Sonne längst unter den Horizont gekrochen. Der Nachthimmel der Stadt aber wurde von beständigen Wogen in veilchenviolettes und nelkenrosa Licht getaucht. Aiko bog leise um die Ecke, ihre Atmung und Schritte gleichmäßig und ruhig.

An der Straßenecke ragte ein Apartmentgebäude fünf Stockwerke in die Höhe. Sie erspähte ein verwaistes, erleuchtetes Fenster im zweiten Obergeschoss. Wie sie sah, dass weder aus der einen noch der anderen Richtung Passanten herannahten, justierte Aiko die Filmempfindlichkeit und Verschlusszeit, dann richtete sie die Kamera auf das kleine Quadrat aus gelbem Licht. Sie sog scharf die Luft ein und erstarrte, als ihr Finger den Auslöser traf. Die Kamera klickte sacht. Kurz darauf klickte sie ein zweites Mal, und Aiko atmete tief aus, die Kamera senkend, als sie das Atmen wiederaufnahm. Aus ihrem Blickwinkel war nur Zimmerdecke zu sehen. Keine Topfpflanzen; niemand, der aus dem Fenster äugte.

Sie war an die fünf Straßen abgelaufen, ehe sie an einer Ecke auf ein Deli stieß. Aiko durchforstete ihr Gedächtnis. Führen Delis Wein? Sie fluchte still in sich hinein, als ihr einfiel, dass sie kein Geld mitgenommen hatte.

»Hey!«

Aiko wandte sich herum, als Paul in großen Schritten von der anderen Straßenseite auf sie zukam. Ein leises Lächeln erhellte sein Gesicht. Sein Mund öffnete sich ein klein wenig.

»Hey, du schon wieder«, sagte sie.

»Was machst du denn hier?« Er steckte beide Hände in die Hosentaschen.

»Einen Spaziergang.« Aiko verstellte gedankenlos den Gurt ihrer Kamera.

Paul blieb zwei Fuß entfernt von ihr stehen, doch schien ihr seltsam näher.

»Machst auch Aufnahmen?« Er warf einen Blick auf ihre Kamera, dann zu ihr zurück.

»Oh, jepp.«

»Ist's nicht ein bisschen dunkel?«

Aiko lächelte, ihr Gesicht allein erhellt vom orangenen Licht einer Straßenlampe einige Yards entfernt. »Ich mag's im Dunkeln zu photographieren.«

Paul gab keine Antwort, aber zeigte ein breiteres Lächeln. Er atmete leise ein.

»Gehst du zurück? Ich kann dich nach Hause begleiten«, sagte er.

»Klar.«

Sie gingen langsamen, beinahe zögerlichen Schrittes zurück zu Aikos Haus.

Aikos Hände umklammerten den Kameragurt, plötzlich ihrer schrecklichen Konversationsunfähigkeit sich nur allzu bewusst.

»Wie war die Party?«, fragte sie, erleichtert sich zu erinnern.

»Die war in Ordnung.« Paul starrte geradeaus. »Ich bin früher gegangen, weil die Jungs zu trinken und zu rauchen anfingen.«

»Aha.«

»Ich mag das Ganze einfach nicht, weißt du«, sagte er, sich zu ihr umblickend.

Seltsam, dachte sie. Es gab nicht einen Mitschüler in ihrer Abschlussklasse, der sich nicht vor dem letzten Schuljahr schon betrunken oder zugedröhnt hatte.

»Und wieso?«, überlegte sie laut.

»Ich glaube einfach – wenn ich jemals wirklich darauf einsteigen würde, würde ich einfach … den Verstand verlieren.«

Aiko betrachtete die verdunkelten Fenster der Gebäude, an denen sie vorbeigingen, nicht sicher, wie sie reagieren sollte.

»Wie war, äh, Japan?«, fragte Paul, seine Stimme ein wenig befangen.

»War gut. Alles ziemlich teuer, aber seinen Preis wert, schätze ich.« Sie zuckte mit den Schultern. »Sehr verpackungsintensive Kultur.«

An einem Fußgängerübergang kamen sie für einen Moment zum Stehen.

»Die Kundenbetreuung dort ist eins a. Jeder ist unglaublich höflich«, fuhr Aiko fort. »Nahezu jeder jedoch scheint eine Unmenge zu trinken.«

»Ha!«, lachte Paul. »Vielleicht sollte ich dort dann besser nicht hingehen.«

»Nun, abgesehen davon, denke ich, würde es dir dort gefallen.« Sie realisierte augenblicklich, dass sie das unmöglich mit Sicherheit wissen konnte. »Zumindest dürftest du zu einem gewissen Grad dorthin passen.«

»Warum? Sehe ich aus wie ein Japaner?«

»Du könntest unter Umständen als Halbjapaner durchgehen. Von hinten zumindest.«

Paul grinste. »Das macht das Viertel Spanier in mir.«

»Jepp.«

»Sprichst du Japanisch?«

»Ich habe was aufgeschnappt, während ich dort war. Aber vorher, nein.«

»Oh. Ich dachte immer, du kommst aus Japan.«

Aiko widerstand, die Augen zu rollen. »Nein, ich bin downtown im Beth Israel zur Welt gekommen. Vor Kyoto hatte ich Japan noch nie besucht.«

»Aber deine Familie kommt von dort, ich meine offenbar.«

»Jepp.«

»Oh okay.«

Eine unangenehme Stille nistete sich für einige Augenblicke zwischen ihnen ein. Aiko suchte im Gehen fieberhaft nach Worten.

»Also – was war los mit dir heute Nachmittag?«

Paul wandte das Gesicht ihr zu. »Was meinst du?«

»Als du nach Hause gekommen bist.«

»Oh«, blies er die Atemluft leise durch seine Zähne. »… ich dachte, meine Schwester würde irgendwas Dämliches sagen und mich in Verlegenheit bringen oder so.«

»Sie schien besorgt um dich.« Aiko warf ihm einen Blick zu.

»Ich weiß.« Seine Augen waren niedergeschlagen. Er atmete tief aus. »Sie haben ein Problem damit, dass ich nicht direkt die nächste Schulbank drücke.«

Aiko war still.

»Sie schnallen einfach nicht, dass ich erst arbeiten und etwas Geld zusammensparen will«, sagte Paul. »Es fühlt sich nicht richtig an, die Dinge zu überstürzen, nur weil's von mir verlangt wird, weißt du.«

»Ja, ich schätze nicht«, stimmte sie zu. »Wofür würdest du das Geld sparen?«

Paul zuckte mit den Achseln. »Vielleicht fürs College. Oder vielleicht würde ich auf Reisen gehen.«

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